Kein Blut aus der Muschi

Februar 28th, 2010

Von den Wänden starrt Putz, abgeplatzt und grau macht er das Licht im Raum schäbig. Es riecht nach Hundescheiße und ein dumpfer, muffig-feuchter Geruch wie alter, nasser Teppich steht zwischen der Decke und dem abgeranzten Fußboden. Hier im Wohnzimmer sollten eigentlich Möbel stehen und das Gespräch stattfinden, das per Brief und Anruf angekündigt worden war.

Hilflos steht Sabine händeringend mitten in dem kahlen Zimmer. Ihr gegenüber die Respektsperson vom Amt. Mitte Vierzig, gut gekleidet und mit einem mütterlich-resignierten Blick schaut Frau Haseloff sich kopfschüttelnd seit ein paar Minuten in der Behausung um, die in in zwei Wochen Sabine und ihr Baby plus Freund beherbergen soll. Das Mädchen steht hochschwanger im Raum, ringt die Hände, weiß irgendwie, dass es so nicht geht und doch nicht weiter. “Was soll ich denn machen, ich kann doch nicht, schauen Sie mich doch an.”, jammert sie. “Deswegen habe ich dir doch gesagt, dass du dir Hilfe organisieren sollst. Ich hab dir sogar aufgeschrieben, was du wo bekommen kannst. Das dein Freund jetzt malert ist doch schon schön, aber wo sind die Möbel? Wo ist die Ausstattung, die wir dir von der AWO besorgt haben?”, fragt Haseloff. “Weiß ich nicht. Irgendwo in den Tüten.”, gibt sich Sabine hilflos. Die Tüten, das sind unzählige blaue Plastikmüllsäcke, die überall in der Wohnung verteilt herumliegen – mal einzeln, mal gestapelt. Martin, der Freund, schimpft und rumpelt im Schlafzimmer, immer wieder schießen wüste Flüche durch den Türspalt, knallt irgendetwas dumpf gegen die Wand und auf den Fußboden. Der beißwütige Köter des Pärchens kläfft im Bad und randaliert.

Frau Haseloff ist das erste Mal in der neuen Wohnung und eigentlich war vereinbart, dass so kurze Zeit vor der Geburt alles fertig sein sollte. Frau Haseloff schüttelt den Kopf, knurrt und schaut sich weiter um. ‘Irgendwie passt das wieder alles’, denkt Haseloff bei sich. ‘ Zum Ficken zu blöd und jetzt nix auf die Reihe bekommen. Ich werd’ noch bescheuert.’ Sabine wollte nicht schwanger sein. Das zierliche Mädchen mit den Zöpfen bekam irgendwann Bauch. Das war kein Bauch, den man bekommt, wenn man zuviel isst oder trinkt oder beides gleichzeitig. Der Bauch begann zu tief, war keine Futtermurmel und wuchs zu gleichmäßig. Frau Haseloff fiel das auf, denn Sabine hat schon seit Jahren regelmäßig Termine bei ihr.

Man kennt sich; Sabine war nämlich eigentlich ein Bauchschmerz ihrer Mutter. Die war – schwer übergewichtig – vor 19 Jahren ins Krankenhaus gekommen, klagte über Bauchweh und war zwei Stunden später Sabines Mutter. Der Bauchschmerz war lästig, 13 Jahre lang, dann nahm Bacchus seine größte Anhängerin zu sich. Frau Haseloff  fand sie damals, erstickt an ihrer eigenen Kotze, auf ihrem Bett liegend. Und jetzt riecht es hier wie damals und fühlt sich genauso hoffnungslos an.

Das Mädchen fing an zu weinen, als Haseloff im Büro sagte. “Du bist doch schwanger. Das seh ich doch.” “Nein, nein, nein, das stimmt nicht!”, hatte Sabine noch zurückgefaucht. Nur wenig später saßen beide beim Amtsarzt und als der sagte: “Sie sind schwanger junge Frau.”, brach Sabine fast zusammen. Da war sie schon im fünften Monat. “Es kam doch kein Blut aus der Muschi! Seit ich die Pille nehme ist das so. Da kann ich doch nicht einfach so schwanger sein. Das geht doch nicht. Ich bin nicht schwanger!”, stellte sie weiterhin trotzig fest. Einfühlsam versuchte der Arzt ihr nochmal zu erklären, dass da ein Kind in ihrem Leibe wachse. Sie hat dann viel geweint und es irgendwann akzeptiert, verstanden wohl nicht.

Plötzlich war soviel zu tun – zuviel zu tun. “Frau Haseloff, ich geb mir aber Mühe. Ich versuch’ das wirklich. Dann klappt das auch.”, gab sie sich entschlossen. Einen langen, aber leicht verständlichen Zettel mit Ansprechpartnern und Telefonnummern und sogar den Fragen, die sie stellen sollte, machte Frau Haseloff fertig, damit schickte sie Sabine los. Und jetzt stehen sie in diesem stinkenden Trümmerhaufen. Haseloff reibt sich die Schläfen, dahinter rumort es. ‘Verdammt nochmal. Hab ich jetzt Mist gebaut? Ich hab ihr doch hinterhertelefoniert. Alle gefragt, ob sie wirklich da war und ihren Krempel organisiert. Scheiße. Und jetzt das hier.’, denkt sie. “Da müssen wir aber noch einiges tun.”, sagt sie. “Aber das geht doch voran!”, brüstet sich Sabine. Haseloff macht noch ein paar Schritte durch das Durcheinander, schreibt ein paar Notizen in ihren Block und geht.

Getroffen

Februar 9th, 2010

Geschäftsführer

Senator

Gewerkschafter

Abgeordneter

Historiker

Landschaftsökologin

Journalistin

Journalist

Postbotin

Geschäftsfrau

Stadtführerin

Studentin

Musiker

Literaturwissenschaftlerin

Sportlehrer

Gutachterin

Vermieterin

Imbissverkäuferin

Gaststättenbesitzer

Schnafferin

Lokführer

Frost und Schnee und Ruhe

Februar 9th, 2010

Auf der Insel Usedom kann man prima von Swinemünde nach Heringsdorf wandern, immer am Strand entlang. Bei frostigem Winterwetter macht das besonders viel Spaß, zumal man unterwegs auf einem alten Fischerboot sein Picknick bequem verspeisen kann.

Einlaufschmerz

Februar 8th, 2010

Heinz Rudolf Kunzes “Dein ist mein ganzes Herz, du bist mein Reim auf Schmerz” scheppert aus den Boxen. In diesem Moment, zu dieser Zeit, bei diesem Wetter ist es das passende Lied für ihn, um ihr zu sagen, dass er sie wirklich liebt. “Hä?”, fragt sie mit verzogenem Gesicht, nach kurzem, nur halb konzentriertem Hinhören. “Was singt der?”, bekräftigt sie und lacht schallend los. “Einlaufschmerz?”

Schneelast im Nordosten

Januar 30th, 2010

Stefan und Wiebke wohnen im kleinen Dorf Dersekow bei Greifswald. In der Nacht vom Freitag zum Samstag sind die beiden gemeinsam mit den anderen Dersekowern eingeschneit, das Dorf war von der Außenwelt abgeschnitten. Selbst der legendäre, traktorgestützte dörfliche Winterdienst konnte gegen die Schneemassen nichts ausrichten. Zum Größenvergleich: Stefan ist etwa 2 Meter groß, der Schneehaufen, neben dem er hier zu sehen ist, kam als Wehe und Schneeablageplatz nach der Gehwegräumung zustande.

Frau gegen Frau im Schnee

Januar 17th, 2010

Draußen faucht Sturmtief Daisy mächtig und wirbelt Schnee über die Äcker, direkt auf die Straßen. Kathleen Dehmel arbeitet im Cockpit ihres 18 Tonnen-LKWs dagegen an. Die 27jährige mit den dunkelblond-gelockten Haaren fährt für die Straßenmeisterei Kröpelin im Winterdienst.

Kathleen Dehmel im Cockpit ihres Iveco-Schneeräumfahrzeugs

Kathleen Dehmel im Cockpit ihres Iveco-Schneeräumfahrzeugs

Vom Einsatzleiter hat sie vor wenigen Minuten ihre Räumungs-Route für bekommen. „Wir fahren jetzt von Kröpelin nach Kühlungsborn und dann nach Neubukow. Das ist erstmal unsere Richtung.“, sagt Dehmel. Mit 22 Kollegen ist sie derzeit in 3 Schichten im Einsatz. 14 Räumfahrzeuge sind unterwegs, um die Straßen im westlichen Landkreis Bad Doberan freizuhalten. Sie macht den Job aus purer Begeisterung. „Das ist schon schön, wenn der Schnee vom Pflug so zur Seite fliegt. Das macht richtig Spaß. Und die Technik hat mich auch immer interessiert. Man ist auch draußen in der Natur und sieht, was man macht.“, erklärt die junge Frau. Der Sturm schleudert immer mehr Schnee auf die Straße. Schon kurz hinter Kröpelin liegen die ersten Verwehungen. Routiniert drückt Demel den kleinen Hebel am Pult rechts neben sich, um den Schneepflug zu senken und drückt einen darunterliegenden, grünen Knopf. „Damit mach ich den Streuer an. So, jetzt sind wir durch. Ich mach das Pflug wieder hoch. Fertig.“, sagt sie fröhlich. Das war noch leicht. Als der LKW wenig später aus der Kühlung – dem Waldstück vor Kühlungsborn – herausfährt, ist die Straße vom Schnee verschluckt und dichte Schneewirbel drücken heftig gegen den LKW. „Man sieht die Straße ja gar nicht mehr. Oh!“, ist Dehmel kurz überrascht.

Kurz vor dem Ortsausgang Kühlungsborn in Richtung Wittenbeck.

Kurz vor dem Ortsausgang Kühlungsborn in Richtung Wittenbeck.

Wie eine weiße Wand stehen die Schneewehen bis in die Straßenmitte. Kathleen Demels Blick ist hochkonzentriert, mit fester Hand hält die zierliche Frau das Lenkrad unter Kontrolle. Der LKW rüttelt, kämpft, tanzt und bricht hinten leicht aus. „Man muss dann mit ruhiger Hand gegenhalten und auf die Bewegungen des LKW achten.“, sagt sie routiniert. Gefühlvoll gibt sie Gas, kuppelt und schaltet – der LKW brummt mächtig, bleibt aber nicht stehen. Bis nach Kühlungsborn bleibt das Schiebeschild unten. Im Ort fährt sie auf einen Parkplatz und telefoniert mit der Einsatzleitung. „Die Straße wird immer enger, da müsste man nochmal drüber.“, schätzt sie ein. Die Räumungsroute wird verkürzt aus der Einsatzzentrale verkürzt. Dehmel muss jetzt die wichtige Verbindung zwischen Kühlungsborn und Kröpelin offen halten, entscheidet der Einsatzleiter nach ihrer Einschätzung. „Wir fahren da jetzt noch dreimal rauf und runter, dann dürfte die Straße wieder offen sein.“, gibt Dehmel sich zuversichtlich. Aber die Räumung ist schwieriger als gedacht. „Man sieht ja fast gar nichts mehr. Das weht ganz schön heftig rüber.“, sagt sie angespannt. An den Bäumen orientiert sich Dehmel jetzt und den Leitpfosten, wo sie noch zu sehen sind. Ins Schwitzen kommt sie dabei aber nicht. „Das ist ja nicht viel anders als PKW fahren. Man hat hier nur mehr Gänge. Das lernt man schnell.“, bemerkt sie. Dreimal räumt Kathleen Dehmel die Straße, dann fährt sie zurück zur Zentrale. Von dort geht es mit neuen Anweisungen wieder los.

Kathleen Dehmel vor ihrem Iveco.

Kathleen Dehmel vor ihrem Iveco.

Langweiliger Straßenbahnjob

Januar 15th, 2010

Seitlich gebeugt sitzt die Fahrerin der großen, gelben Straßenbahn in ihrem Cockpit. Leise summend fährt ihre tonnenschwere Maschine an. Auf der Kreuzung vor ihr, nur wenige Meter entfernt, eilen noch immer Menschen über die Gleise. Wie so oft an der Ecke Müllerstraße/Seestraße rennen die Fußgänger über die Kreuzung, bemerken dabei aber nicht, dass die Ampel für die Kreuzung der Straßenbahngleise Rot zeigt, weil eine Tram kommt und Vorrang hat. Schon oft hat es hier beinahe zwischen Mensch und Maschine gekracht und die Bimmel der Straßenbahn lang und aufgeregt geklingelt. Nur heute eben nicht, als sie den einen letzten Sprinter vor sich nur knapp verfehlt. Die Warnbimmel war nicht zu hören. Entspannt zur Seite gebeugt, rollt die Fahrerin an die Haltestelle und während sie an mir vorbeifährt sehe ich, wie die junge Frau mit den rötlichen Haaren auf einem Handy herumtippt. Auf der Straße ist es ihren Augen wohl zu langweilig.

Alt, arm, charmant – Omi Vera überlebt

Januar 7th, 2010

Sie ist nur knapp höher als das Geländer an den Treppen, die zum kleinen Teich im Park führen. Sie lacht laut und kichernd und dabei strahlen ihre blauen Augen. Die grauen Haare stehen unter der lila Strickmütze hervor, die Haut ihrer Hände ist hell und faltig, die Fingerspitzen sind violett, denn Omi Vera ist kalt. Seit einer halben Stunde steht sie hier am Geländer zusammen mit 10 anderen Menschen. Sie ist die älteste und fröhlichste in der Gruppe. Sie sagt, dass ihr die Kälte nichts ausmache, weil sie doch minus 20, ja minus 25 Grad gewöhnt sei. Damals in Breslau gab es auch erst schulfrei, wenn es mindestens minus 20 Grad kalt gewesen sei. Omi Vera wartet jetzt in Rostock auf einen heißen Schluck Kaffee, viel lieber aber einen Glühwein. Die heiße Bockwurst schmeckt ihr auch gut und ein paar Lebensmittel kann sie auch noch in die große schwarze Handtasche packen. Nur ein paar Bananen, ein wenig Gemüse, ein Brot und zwei, drei Schokobrötchen kommen da hinein. Ihren Porsche oder Mercedes oder Ferrari hat sie direkt vor der Motorhaube des Wohnmobils der Obdachlosenhilfe geparkt. Der Rollator hilft ihr sehr und ist neu. Eine Bekannte wollte sich das Gefährt auch schon einmal ausleihen, Omi Vera gibt ihn aber nicht her, sonst käme der bestimmt nicht zurück. Er hat ja auch Geld gekostet und nicht wenig. 8 Euro musste sie der Krankenkasse dazubezahlen, um ihren Ferrari zu bekommen. Er ist auch viel leichter die sechs Stufen zu ihrer Wohnung hinaufzutragen und sie deutet an, wie sie ihn schultert. In der kleinen Wohnung wartet ihr Mann von 80 Jahren. Schwerhörig und gehbehindert ist er und kein guter Gesprächspartner mehr. Sie sorgt für ihn, muss aber immer wieder raus, weil sie doch den Kontakt zu Menschen brauche. Man müsse ja mit jemandem reden, sonst falle einem die Decke auf den Kopf, sagt sie nachdenklich. Na und die Rente gebe auch nicht viel her. 215 Euro im Monat bekommt Omi Vera ausgezahlt. Zusammen mit der Rente ihres Mannes reicht das gerade für Miete, Strom, Telefon und das Allernötigste. Übrig bleibe von dem Geld gar nichts und deswegen müsse sie auch sehen, wo sie günstig etwas herbekomme. Sie geht den beschwerlichen Weg zur Suppenküche allein, schiebt ihren Ferrari dabei über ausgekundschaftete Wege, die, wie sie sagt, leicht zu passieren seien. Dadurch braucht sie manchmal länger, kommt aber trotzdem ans Ziel. Eine warme Mahlzeit für 1,10 Euro kann sie dann bekommen und sie nimmt auch immer ein Eimerchen mit. Omi Vera zeigt mit ihren kleinen Händen, wie groß das Eimerchen ist, das sie immer ordentlich voll machen lasse, damit sie ihrem Mann auch etwas mitbringen kann. Sie lacht herzlich, offen und breit und sucht den Kontakt zu den Menschen, mit denen sie jeden Mittwoch hier am Geländer steht, um einen heißen Kaffee und ein paar Lebensmittel zu bekommen.

Kotzen fördert die Liebe

Januar 1st, 2010

In einem Schwall ergießt sich unter viehischen Lauten eine rot-gelbe Masse auf den U-Bahnsteig. Ein langer, zäher Sabberfaden zieht sich vom Mund entlang links über das Kinn bis kurz vor die Brust. Das blone Mädchen reihert sich die Seele aus dem Leib. Ihr kleines Schwarzes ist schon vollgekoddert und die spitzen Stiefel sehen aus wie aus dem Speiseresteimer in der Kantine. Um sie herum zwei Jungs und ein anderes Mädchen, alle partyfein gekleidet, ordentlich angeschickert und sehr besorgt. Besorgt um das speiende Häufchen Elend, das immer wieder zuckend zum nächsten Auswurf ansetzt und sich dann krümmt, denn viel ist nicht mehr drin in dem zierlichen Mädchen, wenn man die Menge Erbrochenes vor ihren Füßen in Betracht zieht. Mit Taschentüchern streichen ihre Begleiter immer wieder zärtlich um ihr Kinn, reden immer wieder auf sie ein. Sie sind besorgt und besonders lieb zu ihr, streichen auch immer wieder durchs zersauste Haar und reden ihr gut zu. In die U-Bahn wird sie fast getragen, ihr Freund schaut sie trotz der Sauerei immer noch verliebt und zärtlich an. Er stützt, schiebt, hält seine Freundin fest und küsst sie einmal auf die Stirn. Völlig zu, schaut sie ihn an, will etwas sagen, bringts aber nicht raus, nur die Lippen bewegen sich und die Augen fallen ihr zu. Er packt sie liebvoll kräftig und seufzt. Ein kräftiger Rülpser schießt über seine Schulter; er lacht laut los.

Weniger und doch mehr – Museumsdialektik in Pasewalk

Dezember 31st, 2009

Der Historiker Stefan Rahde hat über ein Jahr für das Pasewalker Museum gearbeitet. Im Dezember hat er ein Gutachten verfasst, das sich sehr kritisch mit dem Museum auseinandersetzt und auch seine eigene Arbeit
dokumentiert. Das Fazit: Es wurde viel getan, das Museum hat trotzdem große Probleme. Die Stadt muss sich den Problemen in ihrer Museumslandschaft stellen.

Herr Rahde, aus welchem Grund ist dieses Gutachten entstanden?

Zum Einen, um der Stadt zu erklären, in welcher Situation sich das Museum befindet und welche Veranstaltungen organisiert worden sind. Zum Anderen ist es auch eine Art Abrechnung meiner Arbeit, die ich dort im vergangenen Jahr erbracht habe.

Ihr Gutachten verfolgt einen Zweck. Welchen?

Die Besucherzahlen sind massiv eingebrochen, ich versuche die Gründe dafür einmal nachzuvollziehen. Trotz der negativen Zahlen will ich aber auch zeigen, dass sich das Museum positiv entwickelt hat, denn wir haben eine gewisse Kontinuität in die Arbeit bekommen und Vertrauen in der Stadt zurückgewinnen können, weil wir wieder mit wissenschaftlicher Substanz arbeiten.

Aber wie geht denn das zusammen? Weniger Besucher, aber eine bessere Arbeit. Wie kann man das erklären?

Wenn man sich die Besucherstatistik genau anschaut, dann haben wir weniger ein Problem mit Individualbesuchern, sondern vielmehr bei Gruppen und da ganz besonders Schulgruppen. Wir haben sogar einen leichten Zuwachs bei den erwachsenen Einzelbesuchern, die Schülerzahlen sind aber rückläufig. Ich habe projektbegleitetend an Sonderausstellungen und Vorträgen gearbeitet. Der Teil, der immer im Museum lief, Stadt – und Museumsführungen, war nicht meine Aufgabe, aber hier muss massiv nachgebessert werden.

Sie haben über ein Jahr für das Museum gearbeitet. Auch in ihrer Zeit sind die Besucherzahlen gesunken. Das kann doch nicht ausschließlich an den Jugendgruppen liegen.

Doch! Es fehlen die Gruppen, nicht unbedingt nur Schülergruppen, die dafür sorgen, dass auch mal eine Menge Leute in das Museum kommen oder durch die Stadt geführt werden.

Was könnte das Museum ihrer Ansicht nach denn an dieser Stelle besser machen? Sie müssen dabei ja auch im Blick behalten, das Pasewalk bis zum Hals in Schulden steckt und die Museumsarbeit eher weniger, als mehr
kosten darf.

Die Stadt darf nicht länger auf Besucher warten, die irgendwie auf das Museum aufmerksam werden; also über die Internetseite oder andere Außenwerbung. Man muss zum Beispiel aktiv an die Schulen gehen. Stellen
Sie sich einmal ein Konzept gemeinsam mit Geschichts- und Kunstlehrern vor, in dem man nicht nur eine Museumsführung anbietet, sondern auch darauf bezogene Projektarbeit. Das heißt, man wäre einen Tag im Museum, schaut sich zum Beispiel Keramik aus der Geschichte an und in den Schulen versucht man in einem zweiten Schritt die Keramiken nachzutöpfern. Dabei kann Geschichte sehr lebendig vermittelt werden. Im Grunde ist das Pasewalker Museum nämlich kinderunfreundlich, weil es zu wenig zum Anfassen gibt. Wir haben sehr gut aufgearbeitetes Material, aber das steht hinter Glas. Für Schüler ist das Material viel besser in so einem Workshop zu begreifen und das fördert auch das Bewusstsein für den Kulturraum Stadt Pasewalk.

Pasewalk hat nur etwas mehr als 11.000 Einwohner. Im zu Ende gehenden Jahr werden nur etwas mehr als 1600 Besucher im Museum gewesen sein. Also nicht mal alle Pasewalker waren einmal im Museum. Wie wollen Sie das denn ändern?

Nun, es ist ja nicht so, dass in den vergangenen Jahren im Museum nur der Notstand verwaltet wurde. Das Museum macht sehr gute und auch sehr gut besuchte Veranstaltungen. Denken Sie an die Museumsnacht und den internationalen Museumstag, die dem Museum hunderte Besucher bringen. Das Haus wird wahrgenommen. Ein zweiter Aspekt sind die kleineren Veranstaltungen, wie etwa die gerade zu Ende gegangene Reihe mit
Fachvorträgen, die dem Museum eine ganze Reihe Pasewalker Besucher gebracht haben.

Ganz überzeugend ist das mit Blick auf die Besucherzahlen aber nicht.

Man muss schon attestieren, dass sich das Museum ein bisschen versteckt. Die Außenwirkung an seinem Standort ist recht schlecht. Es mangelt an sichtbarer Außenwerbung, denn es wird nicht klar, dass das Nebengebäude des Prenzlauer Tores ein Museum in sich birgt. Der Zugang ist ja fast burgenhaft tiefliegend im Schatten zwischen Tor und Haus verborgen. Und da zeigt erstmal nichts, dass es dort ein Museum gibt, man muss erst die Öffnungszeiten in der Türnische entdecken. Auf dem Museumsparkplatz kann man zumindest das ‚I‘ der Stadtinformation im Glasbau erkennen. Der Hinweis auf das Museum müsste aber ebenso groß präsentiert werden.

Schlechte Beschilderung, sinkende Besucherzahlen und weniger Schüler im Haus. Das sind große Probleme des Museums. Krankt es an noch mehr?

Es fehlt ein Museumsleiter. Bis 2007 war die Stelle besetzt, seit dem ist nur noch eine Sachbearbeiterin im Haus, die die Geschäfte führt und für wirklich alles zuständig ist. Sie war ja auch meine Ansprechpartnerin. Das
ist doch nur Flickschusterei. Wir müssen uns auch mal bewusst machen, dass wir in Pasewalk einen der wenigen Museumsneubauten in M-V nach der Wende haben. Der erste Museumsleiter, Herr Houdelet, hat da großartige Arbeit geleistet. Mit einem Museumsleiter könnte die Arbeit wieder viel kontinuierlicher und fundierter gemacht werden.

Kommen wir einmal weg von den Problemen des Hauses. Hat das Museum noch Potentiale, um aus sich selbst heraus besser zu werden?

Wir haben einen gut fundierten Grundstock mit der Dauerausstellung im Museum, die uns auch von anderen Museen im Land abhebt. Aus den Bezügen der Stadtgeschichte ergeben sich auch neue Ideen, die für das nächste Jahr auch schon angeschoben sind. Nehmen wir das Beispiel Hugo Lemcke: Der gebürtige Pasewalker ist ein wichtiger Mann für die Aufarbeitung der pommerschen Bau- und Kunstgeschichte. Im nächsten Jahr jährt sich sein Geburtstag zum 175. Mal. In Stettin wird er bereits gewürdigt, in Pasewalk muss das auch geschehen. Aus dem Magazinbestand könnte man auch Sonderausstellungen erstellen, dazu müsste man dort aber die Inventarlisten überarbeiten. Weitere Potentiale bietet auch die kleine Vortragsreihe, die wir ganz bewusst im Museum und nicht im Historischen U gemacht haben. Das hat Leute auf das Haus aufmerksam gemacht. Wir müssen ein lebendiges Museum gestalten! Wir sind nicht nur ein Schauraum, man muss auch aktiv etwas gestalten können.

Pasewalk hat nicht nur das Stadtmuseum sondern auch ein Feuerwehrmuseum und den Lokschuppen. Sie kämpfen für das Museum allein. Ist das noch zeitgemäß? Ist nicht eher ein umfassendes Konzept für die Museen in der Stadt nötig?

Ja, das ist richtig. Der Lokschuppen ist aber ein ganz eigenes Problem. Er wurde mit viel Enthusiasmus und Initiative aufgebaut, von der Pomerania mit der Gießkanne gefördert und wird jetzt zum Finanzierungsproblem. Das aber lassen wir einmal außen vor. Wir haben zwei technische Museen und das Stadtmuseum. Der Gedanke eines Museumskonzepts ist natürlich richtig, diesen Weg müsste man auch gehen. Man muss die Museen der Stadt ersteinmal vernetzen. Es wäre doch sehr wünschenswert, wenn sie sich auch gegenseitig bewerben würden und einen gemeinsamen Öffnungstag hätten. Es ist absolut nötig die Museen zu vernetzen, wobei die Fragen der Trägerschaft und Finanzierung in den einzelnen Fällen im Blick bleiben müssen.

Fassen wir also einmal zusammen: Pasewalk ist eine kleine Stadt, hat aber eine richtig gute Museumslandschaft, man muss aber noch dran arbeiten. Wie könnte das denn aussehen?

Richtig. Aber eine konkrete Idee habe ich noch nicht. Alle Beteiligten könnten sich aber zumindest einmal zusammensetzen und Ideen finden.

Sie bilanzieren mit dem Gutachten sowohl die Arbeit des Museums, als auch ihre eigene. Am Ende schreiben Sie, dass sie auch für die Umsetzung ihrer Vorschläge zur Verfügung stehen. Das ist quasi eine Bewerbung. Ist das nicht einfach nur frech, den Verantwortlichen erstmal die Leviten zu lesen und hinten heraus zu schreiben: ‚Ich würde es trotzdem gern machen‘?

Nein, das sehe ich nicht so. Ich lege der Stadt gegenüber Rechenschaft ab und es soll eben auch eine Hilfestellung sein, weil ich darum weiß, dass es im nächsten Jahr eher noch schwieriger wird, aktive Arbeit vor Ort zu leisten. Ich biete meine Unterstützung an und das Gutachten ist auch ein Übergabeprotokoll für einen etwaigen Nachfolger. Es gibt viel zu tun im nächsten Jahr, auch wenn das nicht mehr mit meiner Person verbunden sein sollte.

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Das Interview wurde am 20.12.09 telefonisch geführt und ist hier nicht wortwörtlich wiedergegeben. Es wurde dem Interviewpartner zur Autorisierung vorgelegt, einzelne Formulierungen sind der Schriftsprache angepasst worden, die den Sinn der Worte allerdings nicht verändern.