Die Kantine Kempf ist mein Nahversorgungspunkt, wenn es um eine reichliche und bekömmliche Mahlzeit in heimeliger Kantinenatmosphäre, samt Plastiktablett, freundlicher und handfester Bedienung und kleinen Preisen geht. Von Montag bis Freitag stehen täglich mindestens drei Gerichte zur Auswahl, das was am Vortag nicht so gut ging, kommt als Spezial zu kleinem Preis unters hungrige Volk, frisch zubereitet versteht sich. Das alles ist aber nicht der eigentliche Grund meiner regelmäßigen Besuche. Vielmehr ist es die Mischung von Menschen, die sich dort jeden Tag wieder einfinden. Auf den ersten Blick ist der Altersschnitt weit jenseits der 60, aber längere Feldforschung hat ergeben, dass der Schnitt durch die Anwesenheit der deutlichen jüngeren Verwaltungsmitarbeiter des Rathauses Wedding entscheidend gesenkt wird und zumindest an den Tagen, wenn ich als Fütterungsnesthäkchen an die Traufe strebe, der Durchschnitt nochmals deutlich sinkt. Anlässlich meines letzten Besuchs traf ich auf zwei ältere Herren, Marke Berlin, verrentet, in einem Fall verwitwet, kariertes Hemd, kurzärmelig. Mit reichlich Mittagessen befüllt, empörten sie sich über den aktuellen Gammelfleisch-Skandal. Herr 1: “Ick sach dir, dit mit den Jammelfleisch hat ma den Appetit uff Fleisch orntlisch vadorben. Dit is ne große Sauerei, wat die da mit uns va-anstalten.” Herr 2: “Ick hab dit aber schon imma jeahnt. Wenn ick in Supamarcht jehe und kiloweise Fleisch fürn Appel und n Ei bekomm, denn muss da wat nich stimmen.” Mit bedeutungsschwerem Räuspern, einem kurzen Reiben übers Kinn und tastenden Blicken in das Tischrund endet dieser erste Teil des Gesprächs und ich denke an das, was ich da im Supermarktregal finden kann. Bisher hatte das wenig mit Gammelfleisch zu tun. Der Übergang mag jetzt makaber klingen, aber die beiden Herren beklagten den Tod der herzensguten und sympathischen “oma-die-immer-am-tisch-vor-der-dunklen-nische-sitzt”. Für sie war es immer besonders wichtig an dem einen Tisch, auf dem einen bestimmten Platz zu sitzen, den sie immer besetzte, auch wenn er schon besetzt war. Nun gibt es einen Stammgast weniger in der Kantine Kempf.
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