Wahnsinn, sind ja schon fast vier Monate vergangen, seit ich hier angefangen habe. Nun, Besserung sei gelobt und künftig ab und zu ein Text hier veröffentlicht.
Heute Wedding 1:
Mein Kiez in Berlin ist der Sprengelkiez, eingezwängt zwischen Seestraße, Müllerstraße, der Ringbahn und einem viel zu breiten Kanal. Im Kiez werden mehr als dreißig Sprachen gesproche und gleich bei mir an der Straßenecke ist ein Stadtteilbüro mit netten Mitarbeitern, die mir als zugezogenem sofort mit Rat und Tat zur Seite standen. In meiner Straße drängen sich drei Kulturvereine, eine Bäckerei, ein Wettbüro, ein wiedereröffneter Imbiss mit leckerer Pasta und Pizza, eine Weiterbildungseinrichtung und ein Laden aus dem dunkelhäutige Männer und eine ziemlich dicke Frau immer stapelweise Elektronik in Kombis verladen. Der örtliche Asia-Bistro-Restaurant-Imbiss ist direkt in das Kurt-Schumacher-Haus integriert und an allen Straßenecken gibt es eine Bierquelle (heißt manchmal auch tatsächlich so).Ich wohne also in einem Wirtschaftszentrum Berlins.
Nur wenige Tage nach meiner Ankunft konnte ich mich mit einer Studie frühkindlicher Geschäftstüchtigkeit befassen. Ein Junge, dunkles Haar, blauer Pullover, dunkle Hose vorwitzige Augen und seine Schwester (vermutlich) spazierten immer wieder die Burgsdorfstraße entlang und spielten (vorgeblich). Bei näherer Betrachtung und im Rückschluss waren sie ausgebuffte Wirtschaftsspione, denn als ich mich in Richtung U-Bahn begab, standen die beiden am lokalen Kaugummi-und- Nippes-für-20-Cent-Automaten und er pulte mit einem kleinen Draht wiederholt in dem Gerät und zockte erfolgreich mehrere Kaugummis und kleine Kugeln mit Nippes drin ab. Glanzleistung ohne erwischt zu werden, denn der Automat hängt nahe des damals noch unbewirtschafteten, jetzt aber wiederbetriebenen, Schnauze-Voll-für-zweifuffzich-Ladens. Amüsiert beobachtete ich die Geschichte und vergaß sie in der U-Bahn fast schon wieder. Bei meiner Rückkunft brach ich allerdings in schallendes Gelächter aus, denn just jener dunkel-strubbelige Bengel saß nun auf den Stufen eines Hauses in meiner Straße und bot auf einer kleinen Decke, wer weiß wo er die her organisiert hatte, allerlei Waren feil. Eine Puppe, mehrere Matchbox-Autos, Nippeskugeln aus dem Automaten und eine Packung Stofftaschentücher. Und mit der größtmöglichen Unschuld fragte er mich, den Passanten, den er nicht wiedererkannte: “Was darf isch Ihnen anbieten?”.
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