Leuchtende Kinderaugen

Mit dem Intercity reise ich bevorzugt, denn die Sitze sind bequem, die Abeile großzügig und meist haben sie einen Steuerwagen. In diesem Waggon mit Cockpit sitzt der Lokführer und steuert den Zug, während die Lok am anderen Ende schiebt. Ich liebe diese Steuerwagen so sehr, weil ich dem Lokführer bei der Arbeit über die Schulter schauen kann und sehe, was er dort so alles anstellt damit sich der Zug in Bewegung setzt. Auch heute wählte ich meinen Sitzplatz im Steuerwagen des Intercity nach Stralsund, verließ den Platz aber wie immer kurz vor der Abfahrt, um dem Lokführer bei der Ausfahrt aus dem Rostocker Hauptbahnhof zuzuschauen. Diesmal war die gläserne Schiebetür zum IC-Cockpit sogar auf und so lehnte ich mich gewollt entspannt an de Seitenwand davor und begann zu schauen. “Kommen sie soh herein und setzen sie sich auf den Sitz da.”, bedeutet mir der Lokführer plötzlich. “Dafür ist der ja da.”, meint er. Ich kann mein Glück gar nicht fassen uns nehme Platz, links von dem Mann, der den Zug gleich in BEwegung setzen wird. Er geht kurz hinter mir vorbei, öffnet das Seitenfenster, schaut nach hinten heraus, winkt mit dem rechten Arm, schließt das Fenster und setzt sich wieder auf seinen Sessel. Er rutscht ein bisschen hin und her, legt mehrere Schalter um und schiebt einen etwas längeren Stab nach vorn. Und los geht’s! Und ich vorn dabei! Und das nicht etwa nur bei einem Bahnhofsfest, auf einer Eisenbahnmesse oder im Simulator – Nein! – im Regelbetrieb auf einem planmäßigen Zug! Jubel brandet in mir auf, meine Augen gehen fast über. Routiniert steuert der Lokführer unseren Zug. Ich breche das betretene Schweigen mit der mir passend erscheinenden Frage: “GDL oder Transnet?” – “GDL natürlich!”, antwortet der Lokführer. Geduldig beantwortet er immer wieder meine Fragen, die ich stelle wenn es mir passend erscheint, schließlich soll er konzentriert den IC steuern und nicht ins Schwatzen kommen. Satte 502 Tonnen setzt er heute in Gang, fährt lieber schnell als langsam, ärgert sich über den Streckenzustand zwischen Hamburg und Bremen, weil dort eigentlich 200 Stundenkilometer möglich sind, er aber seit gut einem Jahr “nicht mehr auf einem Meter die Gewschwindigkeit erreicht, weil die Strecke in so schlechtem Zustand ist.” Bis nach Stralsund sitze ich im Führerstand des IC-Steuerwagens, beobachte meinen Helden im Cockpit und freue mich wie ein kleiner Junge. Mit einem “Danke und schönen Tag noch.” verabschiede ich mich in Stralsund. Ich glühe vor Glück.

Über miescha

Seit 30 Jahren mit offenen Augen und Ohren durch die Welt.
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Eine Antwort auf Leuchtende Kinderaugen

  1. Mensch Micha, tolle Erfahrung! Hoffentlich erwische ich den netten Lokführer auch mal.:)…deine Frage(‘…GDL oder Transnet…’) ist im rhetorischen Zusammenhang ein echter Brüller, und sehr gut platziert. Schöner, runder Text…

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