5 Männer sitzen in einem Halbrund auf blauen Sesseln, hinter sich eine Stellwand, ähnlich denen bei Fußballübertragungen, vollgepackt mit Sponsoren. Ein Sessel in der Runde ist frei, der rechts neben dem Moderator Thomas Böhm. Dort sollten, laut Intro, entweder Oberbürgermeister Roland Methling oder Finanzsenator Georg Scholze sitzen, sind aber nicht gekommen, wie die Stimme aus dem Off verrät. Die illustre Runde mit dem Chef der IHK Rolf Paarmann, dem Bürgermeister der Rostocker Nachbargemeinde Graal-Müritz, dem Chef der Rostocker Straßenbahn AG Wilfried Eisenberg und eben Thomas Böhm, dem Chefredakteur von tv.rostock, spricht über das sogenannte “Stadtbahn-Konzept” für Rostock und seine Umgebung. Damit sollen Bahnen sowohl auf den Gleisen der Straßenbahn in Rostock als auch den ganz normalen Gleisen der Bahn im Umland fahren. Das soll Wege nach Rostock verkürzen und die Region insgesamt voranbringen. Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling lehnt das Konzept ab – die finanziellen Risiken sind ihm für die Stadt zu hoch und die Bürgerschaft eiert rum. In der Diskussionsrunde kann man das dank geschickter Suggestivfragen und einer eigentümlichen Verträglichkeit der Gesprächsteilnehmer nicht nachvollziehen. Im Verlauf des “Talk Region Rostock” sind sich alle immer wieder einig, wie toll, großartig und risikofrei das Projekt sei. Ganz zum Schluss ergreift Thomas Böhm nocheinmal das Wort – ungeschnitten macht er sich, kurzzeitig stotternd, ganz ungehalten Luft über den in der Runde fehlenden Oberbürgermeister, der, nach Böhms Worten, dem tv.rostock “Lobbyismus” vorwerfe und fordert ihn auf sich der Diskussion zu stellen. Das finde ich doppelbödig, denn “Talk Region Rostock” wird von denjenigen, die das Stadtbahnprojekt favoriseren, gesponsert. Deutlich sichtbar sind sie auf den Aufstellern im Hintergrund zu sehen und werden im Abspann als Sponsoren genannt. In der Talkrunde gab es nicht einen Gast, der das Vorhaben kritisch sah und wenn sich ein Fernsehsender selbst als “wirtschaftsnah” bezeichnet, dann finde ich die Zusammensetzung der Runde in einem vorgeblich journalistischen Format problematisch. Den Oberbürgermeister allein für das vorläufige Scheitern des Stadtbahnprojekts verantwortlich zu machen ist wohlfeil – gilt er doch als schwach, ohne Hausmacht, detailverliebt und bockbeinig. Das weltfremde Herumeiern der Bürgerschaft, kritische Fragen zur Finanzierung oder der Wahl des Partners Deutsche Bahn durch die Straßenbahn AG, das alles fällt unter den Tisch. Lobbyismus unter dem Mäntelchen des Journalismus finde ich gefährlich.
Rubriken
Blog-Freunde
Blogroll
Archiv
Das ist nicht der erste Pro-Stadtbahn-Beitrag auf tvr. Ich erinnere mich an zwei ähnliche Beiträge in den vergangenen Wochen, teilweise mit monatealten Archiv-O-Tönen von Personen, die jetzt in der von dir erwähnten Talkrunde saßen.
Eine distanzierte Auseinandersetzung mit Nutzen und Kosten war auch damals nicht zu erkennen.
Aber was soll man auch erwarten, wenn das Betreiberunternehmen von tvr auf seiner eigenen Internetseite über sich schreibt:
“Dienstleistungen
Die mediadock GmbH bietet nicht nur die Möglichkeit, Unternehmen auf dem größten lokalen Fernsehsender Mecklenburg-Vorpommerns mit mehr als 100.000 angeschlossenen Haushalten zu präsentieren; die mediadock GmbH bietet kostengünstige Produktionen für Präsentations- und Industriefilme.”
Ja, “wirtschaftsnah” trifft es schon recht gut. Ob es auch eine Nähe zum ernsthaften Journalismus gibt, wird wohl mancher in diesem Fall bezweifeln.