Otto vom Dönerimbiss

Hinter zwei Flaschen Berliner Pils und einem Glas versteckt er sich im “Grill und Schlemmerbuffet” am Rosenthaler Platz. Ein zotteliger, blond-grauer Bart, um den Mund herum voll, an den Wangen fisselig, schmückt sein altes, runzeliges Gesicht. Wache braune Augen blitzen unter seinem schwarzen Barett hervor. “Ich geh zweimal die Woche in eine Gaststätte, um mein Bier zu trinken. Ich esse aber nicht so gern in einer Gaststätte.”, sagt er und schaut dabei auf den vollen Teller mit Pommes, halbem Hähnchen und Salat seines Gegenübers. “Meine Güte, dass würde für mich aber eine halbe Woche reichen!”, setzt er hinterher. Die angebotenen Pommes lehnt er trotzig ab. Auf seinem verwaschen-orangen T-Shirt steht “Achtung WILD!” – das wirkt komisch, denn drüber trägt er einen beigen Trenchcoat und wirkt eher wie einer der Widerstandsrentner, die zum Grab von Karl und Rosa in Lichtenberg ziehen. “Mit der DDR hat ich aber nichts am Hut. Ich hab da nicht mitgemacht. Mein Leben gelebt, ja, aber mit dem Staat und der Politik wollt ich nichts zu tun haben.” Friedlich, mit roter Nase und wachen Augen sitzt er auf seinem Fensterplatz. “Hat sich viel verändert seit der Wende. Da gab’s ja kaum Autos. Und jetzt? Da stehen sie im Dutzend hier an der Ampel.”, sprichts und reibt sich den rechten Arm im Trenchcoat-Ärmel. “Ach, das interessiert ja eh keinen.”, meint er. Aus Halle an der Saale hat es ihn kurz nach dem Krieg nach Berlin verschlagen. “Wegen der Liebe. Ich war hier auf Montage – hab Straßenbahnkabel gezogen. An der Jannowitzbrücke gewohnt und in der Ackerhalle mein Bier geholt. Und da stand sie. Meine erste Frau.” Lang gehalten hat das nicht. Irgendwann in den Sechzigern haben sie sich scheiden lassen. In der Zwischenzeit war Otto mit ihr in die Nähe des Rosenthaler Platzes gezogen. “Damals konnte man noch mit Straßenbahn von Osten nachm Westen fahren. Das ging dann ja nicht mehr.” Für ihn war der Mauerbau nur ein Störfaktor, weil er nicht mehr durch Berlin hindurch nach Potsdam fahren konnte, zu seinem geliebten Boot. “Ich bin Wassersportler, leidenschaftlich.”, versichert er und reibt sich wieder den Arm im Trenchcoat. “Aber das interessiert ja eh keinen.”, ist er noch immer überzeugt. Jetzt lebt er von 700 Euro in einer Einraumwohung irgendwo hier in der Nähe des Rosenthaler Platzes. “Das ist wenig Geld, aber ich bin zufrieden. Ich geh in die Ackerhalle einkaufen und hol mir da was ich brauche. Wissen sie, ich habe so einen kleinen Wagen mit zwei Rädern. Da packe ich alles rein. Auch meine 20 Flaschen Bier – nicht das hier” – er zeigt auf das Berliner vor sich auf dem Tisch -” ein anderes. Das ist preiswerter. Aber wissen sie, das mag ich zu Hause auch nicht allein trinken. Den ganzen Tag saufen, das geht nicht.”, lacht er in seinen Bart. Immer wieder streicht er sich über seinen Arm. Ab und zu trinkt er aus seinem Glas, der Schnauzer taucht dann tief in das Bier, Schaumschlieren bleiben hängen. Schwere Arbeit sei das gewesen die Straßenbahnkabel zu ziehen. “Das habe ich aber nicht mein ganzes Leben gemacht. Ich war auch Kraftfahrer. Beim VEB-Fortschritt, ganz in der Nähe der Jannowitzbrücke.” Kurz nach der Wende hat man ihn entlassen. “Dann war ich Rentner, vor der Rente.” Kurz vor der Wende hat seine zweite Frau ihn verlassen. “Nur ein paar Tage vor der Wende sind wir geschieden worden.”, und schaut ein bisschen traurig drein. Seit mehr als 18 Jahren lebt er nun schon allein. “Aber wen interessiert das? – Wissen sie, man muss zufrieden sein. Zufrieden mit dem was man hat.”

Über miescha

Seit 30 Jahren mit offenen Augen und Ohren durch die Welt.
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