Ganz plötzlich zuckt die junge Frau zusammen. Die Augen verengen sich zu Schlitzen, die Lippen werden schmal, eine herbe Strenge wandert in das sonst offene und freundliche Gesicht. “Ich will nicht mitmachen bei dem Projekt!”, sagt sie kategorisch. “Ich hab’ keine Lust aufs Maul zu bekommen!” Sie ist 23, Berufsschülerin an einer großejn Rostocker Berufsfachschule und soll im Rahmen ihrer Ausbildung eigentlich an einem Projekt gegen Rechts teilnehmen. Das Projekt soll an die Öffentlichkeit, die junge Frau gemeinsam mit ihren Mitschülern die Öffentlichkeitsarbeit organisieren. Und die Öffentlichkeit ist das Problem. Die Furcht vor rechten Repressalien ist so groß, dass nicht nur die eine, sondern auch weitere Schüler nichteinmal auf den Teilnehmerlisten des Projekts auftauchen wollen. Es kostet den Dozenten einige Mühe die Schüler davon zu überzeugen weiter am Projekt teilzunehmen, gerade weil sie Angst vor den braunen Schlägern haben. “Wie kann es sein, dass eine gewalttätige Minderheit dafür sorgt, dass ihr eure Meinung nicht mehr frei äußern wollt? Wo leben wir denn, wenn ihr euch nicht mehr traut gegen diese Spinner was zu sagen?”, wütet der Dozent in den Klassenraum.
Dozent und Klasse wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich die NPD-Landtagsfraktion bereits über das Projekt informieren. Eine kleine Anfrage an das Sozialministerium zeigt, dass die Rechten das Projekt aufmerksam verfolgen. Sie wollen wissen, an welchen Schulen und mit welchem historischen Quellenmaterial das Projekt bestritten wird.
Schweigen und langes Nachdenken, dann bricht es aus einigen heraus. “Das ist doch Scheiße, dass wir uns von so paar Typen den Mund verbieten lassen. Aber Schiss hab ich trotzdem.”, meint ein sonst eher unscheinbarer Teilnehmer. Ein paar der Schüler haben bereits Erfahrungen mit Nazis gemacht, mal in der Schule, mal als Nachbarn, mal auf dem Campingplatz in Mecklenburg-Vorpommern. So wie in einem kleinen Dorf kurz vor Ahlbeck. Direkt an der Straße liegt der Campingplatz, jetzt in der Hauptsaison ist er bis auf den letzten Quadratzentimeter belegt. Familien, Dauercamper und vereinzelte Tagesreisende, die den beliebten Platz füllen freuen sich über Sonnenwetter und günstige Preise. Nur in der Nacht hat die Freude mehrmals in der Woche und besonders am Wochenende ein Ende. Immer wieder gibt`s dann “Remmidemmi bis morgens früh.”, berichtet ein Mittfünziger, der mit Frau und Enkel auf dem Platz Kurzurlaub macht. “Mit Heil Hitler und allem drum und dran!”, empört sich der Mann. “Neulich hat der Platzbetreiber auch die Polizei gerufen und die jungen Leute vom Platz geschmissen. Bis 8Uhr hatten die Zeit um den Platz zu verlassen. Aber schön ist das nicht. Vorgestern-Nacht haben wir schon wieder so’n Gegröle gehabt. Aber da traut man sich ja auch nicht hin. Früher hätte man die mit ‘nem Fuffzig-Mark-Schein umgehauen, aber heute. Die sind ja immer so besoffen und ohne Hemmungen, die schlagen einen ja tot. Und dauernd die Polizei auf den Platz holen, das geht ja auch nicht.”
Denn selbst die Polizei gerät ins Visier der Nazis. So geschehen im vorpommerschen Löcknitz. Dort versammeln sie sich immer wieder in einem Garagenkomplex, dann wird gesoffen, gegrölt und gekotzt. Mal der Suff vor die Garage, mal die verquere Meinung in die Luft. Als Anwohner sich über den Lärm beschwerten und zwei Polizisten anrückten, eskalierte die Lage vor kurzem. Geschätzte 20 enthemmte Kameraden attackierten die Beamten, die sich nur unter Einsatz von Pfefferspray und Rückwärtsgang aus der gefährlichen Lage befreien konnten.
Ganz ohne Pfefferspray und im schnellstmöglichen Vorwärtsgang mussten sich etwa zehn junge Leute in einer uckermärkischen Gemeinde in Sicherheit bringen. Zum Tanz wollten die Jugendlichen bei einem Straßenfest, um eine Geburtstagsfeier zu beschließen. In zwei Gruppen begab man sich in die Ortsmitte im Abstand von etwa fünf Minuten. Als die zweite Gruppe in die Nähe des Straßenfestes kam, drang ihr bereits infernalisches Geschrei entgegen. “Judensau, wir kriegen dich!”, brüllt es aus mindestens zehn Kehlen, zwanzig schwere Stiefel rappeln über den neuen Asphalt in der Ortsmitte. Ein Gast der Geburtstagsfeier rennt vor der enthemmten Meute um sein Leben. Ein anderer springt über die Mauer des Kirchhofs, um sich dort zu verstecken. Im Vorbeilaufen kracht ein schwerer Stiefel gegen den Unterschenkel eines Mädchens. Mit einem Schmerzensschrei sackt sie zusammen. Die Discomusik auf dem Platz läuft weiter. Die Besucher des Straßenfestes stehen wie angewurzelt an den Bierständen und auf der Tanzfläche. Keiner greift ein, obwohl jeder jeden kennt und mit Namen zur Räson bringen könnte. Die Hatz dauert gut eine Viertelstunde. Einen Geburtstagsgast erwischen die Rechten noch, drücken ihn an eine Hauswand, treten gegen Knie und Unterleib, zerreissen seine Kleidung. Der Hinweis, dass er im Fußballverein ist, rettet ihn vor weiteren Verletzungen. Ein halbe Stunde später ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. Die Ermittlungen ziehen. Der offensichtlich rechtsextreme Hintergrund der Attacke wird in den Ermittlungen immer wieder von Beamten in Frage gestellt. Die “Judensau”-Rufe spielen keine Rolle.