C.U.

Sie ist ein Wiedergänger. In unregelmäßigen Abständen macht sie sich bemerkbar. Mit Schmerzen, Blut, Gewichtsverlust, Verstimmungen, Selbstekel. Knapp zweieinhalb Jahre sind seit ihrem letzten, langen Besuch vergangen. Ende Mai hat sie sich kurzfristig wieder angemeldet und bereitet gerade erst wieder ihre Abreise vor. Hinter mir liegen mehr als 8 Wochen Schmerzen, Schweiß, Blut und Gewichtsverlust.

Die Colitis Ulcerosa vermiest einem die schönsten und einfachsten Genüsse. Kaffee – tabu. Bier – tabu. Kalte Getränke und Speisen – tabu. Warme Speisen und Getränke – gerade so. Spazierengehen? Nur mit Karte auf der Örtlichkeiten verzeichnet sind. Ohne Schüsselverzeichnis oder Ortskenntnis ist das Risiko eines unkontrolllierbaren, imperativen Abgangs nur mit peinlichen Konsequenzen zu haben.

Schlaf? Unregelmäßig und nur mit Unterbrechungen. Je nach Stärke des Schubs Schlafphasen zischen 60 und 90 Minuten. Dann Gang. Wegen der akuten Entzündung Wäschewechsel in der Nacht, literweise Schweiß im Bettzeug, Hitzeattacken in Sommernächten. Leichtes, anhaltendes Fieber.

Die Colitis ist somit das Unangenehmste, was man sich als chronische Krankheit aussuchen kann. Kein Tag vergeht ohne das Warten auf den und Erleben des Schmerzes. Mal als messerscharfes Stechen hinter dem Bauchnabel, das sich wie eine Kugel erst in Richtung linke Bauchseite schiebt, dann langsam und drückend absteigt und mit reißenden Schmerzen, die meine Knie weichwerden lassen, den Ausgang sucht. Suchen ist das falsche Wort. Den Ausgang befiehlt. Gegenwehr ist zwecklos. Auch beim dumpfen Grollen, dass kurz unter dem Rippenbogen startet, mir Sodbrennen verursacht und dann langsam abwärts wandert. Erst in Richtung Rücken, dann über die rechte Seite aufsteigend, quer über den Bauch wandernd und dann blitzartig in Richtung Ausgang. Das ist der gefährlichere Teil der Schmerzattacken, denn schon der Gedanke an Gegenwehr beschleunigt den unaufhaltsamen Prozess.

Besorgte Freunde wollten neulich einen Arzt rufen, als ich wie ein Stier bei einer Steißgeburt aus dem Kachelzimmer brüllte, brummte, wimmerte und schließlich leichenblass herausgekrochen kam. Ich habe mich daran gewöhnt.

Die oberen Schichten der Dickdarmschleimhaut sind entzündet. Warum? Das kann kein Arzt beantworten. Als mich die Colitis vor 12 Jahren zum ersten Mal befiel, hieß es noch sie sei eine psychosomatische Erkrankung. Also ein Ausdruck psychischen Unwohlseins über den Körper. Davon ist die Forschergemeinde mittlerweile abgerückt. Der aktuelle Forschungsstand ist der, dass die Colitis Ulcerosa vielmehr eine Auto-Immunerkrankung sei. Heißt: Der Körper greift sich selbst an. Auslöser unbekannt. Stress allerdings begünstigt Ausbruch und schweren Verlauf der Erkrankung.

Ich habe einmal gelesen, dass im Dickdarm von Colitis-Patienten Bakterien gefunden wurden, die man sonst nur aus Erdöl-Pipelines kennt. Wie diese fiesen Biester dorthin gelangen, weiß auch keiner. Es gab aber einen Verdacht. Über Fertigprodukte, sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel. Alles was aus Tüten, Pappen, Plastikbeuteln kommt. Die chemischen Zusätze darin könnten die Ansiedlung der Bakterienstämme begünstigen. Toll! Meine Verdauungsapparat könnte also eines Tages strategische Einflusszone der USA oder Chinas werden, weil man in meiner Ablfussleitung die letzten Erdöl-Bakterien dieser Welt gefunden hat.

Das macht die Behandlung der Erkrankung nicht unbedingt einfacher. Heilung gibt es nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht. Seit etwa zwei Wochen bekomme ich ein Glukocorticoid. Im Volksmund auch Kortison genannt. Dazu kommt ein Mesasalazin-Präparat. Das Kortison, 100 Milligramm morgens, fungiert als Antriebshormon für die Selbstheilung der Darmschleimhaut, das Mesasalzin-Präparat soll die entzündlichen Prozesse im Darm stoppen, davon gibt`s dreimal täglich ein Gramm Wirkstoff eingepackt in eine Art Brausepulver. Schmeckt wie “Ahoi-Zitrone”. Faszinierend an letzterem Präparat: Bei langfristiger Einnahme senkt es das Darmkrebsrisiko unter das eines Normalsterblichen. Obwohl die Colitis das Krebsrisiko steigen lässt. Das muss mir meine Ärztin nochmal erklären.

Seit gestern blute ich nicht mehr. Ich hab mich darüber sehr gefreut. Ich hoffe, es vergehen weitere zweieinhalb oder noch viel mehr Jahre, bis sich die Colitis wieder meldet. Ich verfolge auch die Forschungsaktivitäten weiter aufmerksam, denn vielleicht gibt es irgendwann eine Heilung dafür. Bisher kennt man nur eine ultimative Kurierung: Die Kolektomie, die Totalentfernung des Dickdarms mit anschließender Pouch-Operation. Dabei wird die gesamte Abflussröhre ausgebaut, ein künstlicher Darmausgang angelegt, in einer Folgeoperation ein neuer Enddarm geformt und an die zwischenzeitlich stillgelegte Rosette angeflanscht. Das geht meistens gut. Aber nur meistens.

Ich will aber mit dem Arschloch und seinem Kanalsystem sterben, dass mir die Natur geschenkt hat. Ich halte Chirurgen nur für bedingt gute Klempner.

Über miescha

Seit 30 Jahren mit offenen Augen und Ohren durch die Welt.
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