In drei Reihen stehen die Trommler. Der Rhythmus treibt, die Zuschauer zappeln, trippeln, wanken, klatschen und quietschen zwischendurch immer wieder vergnügt. Die Sambucus spielen den Rathaussaal in Trance, ich versinke in meinen Gedanken, sehe nichts, höre nur auf die Musik. Ich sitze auf dem Rand der kleinen Bühne, die ich den ganzen Abend über immer wieder mit Moderationen bespielt habe. Das erfrischende Bier nach der Versteigerung wirkt nach, ich bin ganz bei mir selbst und von der Musik gefangen.
Zwischendurch hatte es den Anschein, als sei die Rostocker Rathaushalle zur Rostocker Rathaus-Turnhalle geworden. Rollstuhlfechter, Kampfsportgruppen, Line Dancer, Seniorentanzgruppen und Performance-Tänzerinnen. Immer wieder hüpften, sprangen, tanzten viele Menschen über die Bühne. Die Nacht der Kulturen verwandelte das Rathaus in eine große Bühne. Im Sitzungssaal der Bürgerschaft drängten sich die Besucher, der Eingang musste mehrmals geschlossen werden, weil es einfach zu voll war. Gleich vor dem Eingang die Schlemmermeile auf der man sich einmal rund um die Welt mampfen konnte.
Die Eintrittspreise waren gepfeffert – für Rostocker Verhältnisse. 10 Euro an der Abendkasse und keine Gruppentickets. Trotzdem waren mehr als 3000 Menschen im Rathaus. Bis unters Dach hatte Bunt statt Braun das alte Haus mit Kultur vollgestopft. 600 Künstler allein im Programm. Musik vom Einwanderer-Frauenchor über Klezmer bis hin zu Tribal-Klängen in Beratungsräumen, Sälen und Foyers. Im Ratskeller die Salsa-Merengue-Samba-Hölle, schwitzende Tänzer, euphorische Musiker und literweise Coktails. Mir schwirrt der Kopf, das Gesicht juckt ein bisschen. Bis vor kurzem zierten mich eine geschminkte schwarze Stupsnase und Schnurrhaare. Als Katerchen stiefele ich durch die Menschenmenge von einer Moderation zur nächsten. Hatte den Mund zu voll genommen, als ich auf den Schmink- und Quizzstand des Zoos hingewiesen hatte. Die Schmink-Ankündigung einzulösen war Ehrensache.
Als Katerchen, wahlweise auch Hase oder Ratte, zog ich auch die Versteigerung des Udo Lindenberg Likörells durch. Der Meister hatte sein Werk extra für Rostock angefertigt, am Abend sollte es für den guten Zweck unter den Hammer kommen. Als ich die Versteigerung übernehme liegt der Preis bei gerade mal 250 Euro, mögliche Bieter sind zurückhaltend, viele Menschen laufen einfach vorbei. Ich klatsche laut in die Hände, hebe die Stimme und der Budenzauber beginnt. Schwitzend brülle ich das aktuelle Gebot ins Foyer, zeige auf Bieter, witzele darüber das die chronisch klamme Stadt mitbietet. Spreche mögliche Bieter gezielt an. Der Preis steigt und steigt. 777 Euro sind es plötzlich, dann 888, Stadt und ein Privatmann sind mitten in einer Bieterschlacht. Ich locke, schmeichele, rufe, singe die Zahlen fast und es geht weiter. Ich schwitze immer mehr. Bei 1100 Euro stockt der Bieterkampf kurz, ich rufe den aktuellen Preis, nehme den Hammer in die Hand. 1100 Euro zum Ersten – Eine Bieterin läutet eine weitere Runde ein. 1150, der Privatbieter hebt erneut die Hand 1200, die Stadt legt nochmal 20 Euro drauf, der Privatmann ruft 1250. Den Hammer in der Hand nehme ich das Gebot an, schaue nochmal in die Runde, zum Ersten, rufe den Preis erneut, zum Zweiten, der Hammer winkt durch die Luft – zum Dritten. Verkauft! 1250 Euro für den guten Zweck.
Mit heiserer Stimme schleiche ich zum Catering, trinke etwas, esse eine Kleinigkeit. Gehe zurück in die Rathaushalle und genehmige mir ein Bier. Minuten später bin ich wieder auf der Bühne, interviewe, kündige an, schäkere mit den Besuchern. Die Sambucus sind um kurz nach 23Uhr vor der Bühne, legen ohne Moderation los. Der Boden bebt. Ich versinke im Rhythmus.