Kann reine Empirie die Analyse politischer Zusammenhänge oder politischer Systeme sein? Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nicht, die unterschiedlichen Methoden empirischer Datenerhebung zu analysieren, sondern vielmehr im Bezug auf die Fragestellung ihre Probleme und Nachteile zu charakterisieren.
Der Umgang mit Befragungsergebnissen in der Politik und Politikwissenschaft soll damit kritisch hinterfragt werden. Dazu müssen auch die Probleme einer empirischen Politikwissenschaft angesprochen werden. In der empirischen Sozialforschung gilt die Befragung als bevorzugtes Mittel unter den Erhebungsmethoden, doch ihr sind Fehlerquellen systemimmanent(vgl. Kromrey 1994, S. 267 und Diekmann 2000, S. 372):
1. Die Häufigkeit des Interviews als Messinstrument
2. Die Befragungsmethode persönlicher gegenüber telefonischen oder schriftlicher Interviews
3. Ökonomische Aspekte der Befragungsmethode
4. Unterscheidungsprobleme zwischen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Akteuren der Sozialforschung
Das Interview wird in den Sozialwissenschaften sehr viel häufiger als andere Untersuchungsmethoden verwendet. Diekmann weist auf eine Untersuchung sozialwissenschaftlicher Zeitschriften zur Methodologie hin. Im Ergebnis stand eine signifikante Gewichtung bei der Wahl der Untersuchungsmethode; etwa 70% aller Daten stammten aus Befragungen (vgl. Diekmann 2000, S. 372). Andere statistische Quellen werden also vernachlässigt, was zu einer Verzerrung der Ergebnisse führt.
Daraus ergibt sich ein weiteres Problem, denn die Befragung ist kein beobachtendes Element wissenschaftlicher Analyse, sondern ein reaktives Verfahren. Aus der Diskursanalyse der Linguistik ist bekannt, dass die Versprachlichung eines Problems bereits zu seiner Veränderung führt.
Bei persönlichen Befragungen kommen drei weitere mögliche Fehlerquellen hinzu: Das Erscheinungsbild, das Geschlecht und die Interviewsituation. Diekmann weist darauf hin, dass bei Befragungen zu Vergewaltigungen weibliche Interviewer andere Antworten erhielten als männliche (vgl. Diekmann 2000, S. 399). Im persönlichen Interview, egal ob telefonisch oder in physischer Gegenwart des Befragenden, ist die Anwesenheit Dritter ebenfalls problematisch. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Fragen dann anders beantwortet werden als in einer Vier-Augen-Situation (vgl. Diekmann 2000, S. 399ff).
Schriftliche Interviews bergen zudem die Gefahr, dass unklare Fragen nicht oder nur unzureichend beantwortet werden, da dem Probanden keine klärende Instanz zur Verfügung steht (vgl. Schnell, Hill, Esser, 2008 S.321ff.).
Für die vergleichende Politikwissenschaft ergibt sich ein weiteres Problem aus der Befragungsart. «Rankings», also die Bewertung und Gewichtung politischer Themen oder Werte in einer Rangfolge, stellen für persönliche und telefonische Interviewsituationen ein Problem dar, denn die Versuchsperson muss sich die Themen merken, in eine Reihenfolge bringen und dann mitteilen. Mit zunehmender Komplexität der Befragung vergrößert sich auch das Problem (vgl. dazu Kromrey, 1994 S. 278 und Diekmann, 2000 S. 393). Eine spitzfindige Unterscheidung zwischen Ranking und Rating, wie sie Diekmann vornimmt, erscheint für die Lösung des Problems wenig zielführend (vgl. Diekmann, 2000 S. 431).
Auch die ökonomische Perspektive auf das Verhalten der Befragenden und ihrer Auftraggeber darf nicht unerwähnt bleiben: Eine persönliche Befragung ist mit hohem organisatorischen und personellen Aufwand verbunden (vgl. Schnell, Hill, Esser, 2008 S. 321ff.). Die deutlich zeitsparendere und damit aus betriebswirtschaftlicher Sicht kostengünstigere Alternative, sind schriftliche oder telefonische Befragungen (vgl. Rösch, 1998 101ff. und Diekmann, 2000 S. 429). Einen medial-kommunikativen Aspekt hat dieser Umstand vor allem für außerwissenschaftliche Akteure auf dem Feld der empirischen Sozialforschung. Meinungs- und Marktforschungsinstitute bedienen sich des Telefoninterviews, um schnell Ergebnisse zu generieren und diese ebenso schnell publizieren zu können. Christoph Weischer spricht hier auch von einem «Aktualitätsfetisch», dem sich auch die Wissenschaft ausgesetzt sieht (Weischer, 2004 S. 143).
Rösch argumentiert, dass die Stichprobenziehung für Telefoninterviews in den letzten Jahren immer einfacher und genauer geworden sei (vgl. Rösch, 1998 S. 101ff). Eine Aussage, die zum Beispiel in Bezug auf die Medienforschung relativiert werden muss. Die halbjährliche Befragung des Radionutzungsverhaltens «Media Daten Analyse», kurz «MA», setzt zum Beispiel noch immer auf die telefonische Befragung per «Computer Assisted Telephone Interview», kurz «CATI». Die Befragung beschränkt sich jedoch auf Festnetzanschlüsse und lässt Mobiltelefone außer Acht. Studien hingegen belegen, dass das Mobiltelefon den Festnetzanschluss vor allem bei jüngeren Menschen verdrängt oder ersetzt. Diese Menschen werden von einer Befragung wie der ‚MA‘ ausgeschlossen, die Ergebnisse der Befragung werden jedoch als allgemein auf die Gesamtbevölkerung anwendbare valide Ergebnisse präsentiert und dienen auch der Medienpolitik oder der (politischen) Medienwissenschaft als Grundlage.
Im Verhältnis von Markt- und Meinungsforschung, Politik und politischer Wissenschaft tut sich dadurch auch ein Spannungsfeld auf. Denn in dem Maße, in dem die Politikforschung nicht-staatliche Beteiligte am politischen Prozess – wie Meinungs- und Markforschungsinstitute, Think Tanks und Stiftungen – in den Blick nimmt, schreibt sie ihnen auch einen Anteil an der Gestaltung der Gesellschaft und gesellschaftlichen Prozessen zu. Umfragen und Studien sowie die Reaktion darauf wechselwirken direkt mit gesellschaftlichen und politischen Prozessen, die Gegenstand der Politikwissenschaft sind.
An einem m.E. eindeutigen Beispiel von Lobbying unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit soll dies verdeutlicht werden. Die Bertelsmann Stiftung veröffentlicht regelmäßig Studien, die Probleme der Gesellschaft aufzeigen sollen, Bertelsmann kann dann direkt über seine Tochterfirma Arvato die in den Studien aufgezeigten Lösungsansätze liefern. Meines Erachtens steht die Politikwissenschaft hier vor einer ähnlichen Herausforderung wie in den 1960er und 1970er Jahren, als es um den Umgang mit den Meinungs- und Marktforschungsinstituten, deren Arbeit und ihrer Ergebnisse ging. Damals wurden Verflechtungen zwischen Politik und Forschungsinstituten und die Rückkopplung der Ergebnisse mit politischem Handeln untersucht (Weischer, 2004 S. 133 – 138). Ein neues Problemfeld, das sich dabei auftut, ist der Umstand, dass nicht wie damals die Ergebnisse den beauftragenden Unternehmen und Parteien als Handlungsgrund geliefert werden, sondern im Fall Bertelsmann Stiftung im Sinne einer Wertschöpfungskette produziert werden. Die steuerbegünstigte Stiftung liefert die Ergebnisse, die der Tochter Arvato als Grundlage für ein Angebot dienen können. Aufgabe von Politikwissenschaft muss es also auch sein, solche Zusammenhänge transparent zu machen und womöglich Gegenentwürfe zu publizieren, Ergebnisse dieser kommerziellen «Forscher» gegebenenfalls zu falsifizieren, sie aber in jedem Fall zu überprüfen und kritisch zu kommentieren. Bertelsmann bedient sich derselben Methoden wie die Politik- und Sozialwissenschaft, allerdings mit einem deutlich anders gelagerten Erkenntnisinteresse. Dieses wirtschaftlichen Überlegungen folgende Erkenntnisinteresse hat einen Einfluss auf die Politik – auf die Art, wie Politiker denken und handeln. Bertelsmann spitzt zu und will Politik antreiben, ist Interessenvertreter, während die Politikwissenschaft ein grundsätzlich anderes Erkenntnisinteresse verfolgt. Ein Streit um die (politische) Methodik erscheint ebenso angezeigt wie im oben erwähnten Zeitraum (vgl. Weischer, 2004 S. 138 – 143). Bertelsmann ist als Medienkonzern eben auch gesellschaftlicher und politischer Akteur, verfügt mit der RTL-Gruppe über reichweitenstarke Medien und kann so als Agendasetter agieren, mit Implikationen für die Politikwissenschaft. Verliert die Politik dadurch an Macht und staatlichen Handlungsmöglichkeiten? Kann hier empirisch ein Nachweis geführt werden oder ist nicht vielmehr eine kontextualisierte, inhaltsanalytische Untersuchung angebracht?
In diesem Zusammenhang scheint eine polemische Auseinandersetzung mit oben beschriebenem Phänomen sinnvoll: Schnell, Hill und Esser sprechen von einem Missbrauch der empirischen Sozialforschung und ihrer Methoden, auch im politikwissenschaftlichen und politischen Kontext. Sie unterstellen eine Fixiertheit auf empirische Daten, die in der Auswertung jedoch mangelhaft sind, da die Methoden der empirischen Sozialforschung und die Auswertung der erfassten Daten zugunsten schneller, vorgeblich leicht zu interpretierender Ergebnisse vernachlässigt würden (Schnell, Hill, Esser, 2008 S. 5ff.). Besonders kritisch sehen sie dabei eben jene «Umfragen», die den Begriff und Gegenstand der empirischen Sozialforschung diskreditierten (ebd).
Die Wechselwirkung zwischen Umfragen, Umfrageergebnissen und Politik muss daher auch Gegenstand politikwissenschaftlicher Arbeit sein. Sie sollte sich dabei methodisch fundierter empirischer Forschung bedienen, aber eben auch einen kontextualisierenden, inhaltsanalytischen Ansatz verfolgen, um das Problem in seiner Gesamtheit zu erfassen. Simpler Aktionismus, der vorgeblich spektakulären empirischen Daten folgt, kann die erfassten Probleme nicht lösen. Zu beantworten bleibt auch die Frage, inwieweit empirische Daten nicht immer auch nur eine Bestandsaufnahme des status quo sind, die Datenlage von gegenwärtigen politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen beeinflusst wird. «Leo Löwenthal formulierte diesen Vorbehalt in Form des bis heute nicht widerlegten Verdachts, dass die ‚empirische Sozialforschung […] am modernen Leben, einschließlich der Massenmedien, zuviel als gegeben hin[nimmt]‘» (zitiert nach: Klingen, 2008 S. 131). Die von Schnell, Hill und Esser formulierte Kritik der Beliebigkeit kann noch polemischer gefasst werden, wenn man eine Daten- und Ergebnisverliebtheit attestiert, die eine Kontextualisierung vernachlässigt: «Daher kann sich auch eine weitgehend theorieabstinente Sozialforschung kaum des Vorwurfs erwehren, ‚nichts als Marktforschung‘ zu sein, ‚nichts als ein Instrument zweckdienlicher Manipulation, ein Werkzeug mit dem man aus widerwilligen Kunden begeisterte Käufer machen könne‘ (Klingen, 2008 S. 134)».
Politikwissenschaft kann sich als Beraterin der Politik nur dann behaupten, wenn sie sich dezidiert von Marktforschung und Meinungsforschung abgrenzt, in dem sie eigene Ergebnisse produziert und sich nicht sklavisch dem «Aktualitätsfetisch» unterordnet. Politikwissenschaft als Beraterin der Politik steht in der Pflicht, nicht nur Ergebnisse zu liefern, sondern diese auch in politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen zu verorten und sich mithin unterscheidbar zu machen. Für den politischen Kontext ist dabei die Frage von Methodologie, Methode und Methodik nicht relevant, für den wissenschaftlichen dafür umso mehr.
Maria Behrens argumentiert in Bezug auf die Politikfeldanalyse, dass eine Diskussion der Methoden und Methodologie der deutschen Politikwissenschaft nur «randständig» geführt würde. Sie plädiert für eine Spezifizierung, die notwendig sei, um das spezifisch Politikwissenschaftliche beim Einsatz sozialwissenschaftlicher Methoden abzugrenzen und deutlich zu machen (Behrens, 2003 S. 204). Auch Ruth Zimmerling spricht sich für einen methodischen und methodologischen Diskurs aus, um die Politikwissenschaft als eigenständige Wissenschaft innerhalb der Sozialwissenschaften weiterhin abgrenzen zu können und damit eben nicht in die weiter oben beschriebene Beliebigkeit abzurutschen (vgl. Zimmerling, 2002).
Schnell, Hill und Esser gestehen den Sozialwissenschaften und damit auch der Politikwissenschaft zu, Methoden und Methodologien untereinander zu entlehnen oder neu zu definieren (Schnell, Hill, Esser, 2008 S. 9.ff). Der Beliebigkeitsfalle entgeht aber nur, wer sich nicht nur auf die reinen Daten stürzt, sondern sie fundiert analysiert, kritisch hinterfragt und kontextualisiert. Der nachfolgende Abschnitt illustriert, was eine klar abgegrenzte und identifizierbare Politikwissenschaft eben nicht sein sollte.
Oskar Niedermayer versucht in seinem Buch Bürger und Politik eine Darstellung des politischen Verhaltens der Deutschen anhand einer Fülle empirischer Daten.
Studien haben immer wieder gezeigt, dass der sozio-ökonomische Status eines Individuums – d.h. die Ausstattung mit sozio-ökonomischen Ressourcen – seine politischen Verhaltensweisen beeinflusst. Personen mit höherem sozio-ökonomischen Status weisen eine größere ‚Politiknähe‘ auf. Insbesondere wird die Wahrscheinlichkeit politischer Partizipation umso größer, je mehr beteiligungsrelevante Ressourcen (Zeit, Information, materielle Mittel) einer Person zur Verfügung stehen. Gemessen wird der sozio-ökonomische Status über die Indikatoren Berufstätigkeit, Bildung und Einkommen (Niedermayer, 2005 S. 12)
Als Beispiel einer quantitativen Überfrachtung und Darstellung des status quo ist es besonders gut geeignet, denn auch die Einordnungen und Verweise stützen sich immer wieder lediglich auf empirische Nachweise, die das politische Verhalten der Deutschen charakterisieren sollen. Die Ergebnisse der einen sollen die Ergebnisse der anderen Statistik erklären. Dieser Ansatz greift jedoch deutlich zu kurz, wenn er die gemessenen Verhaltensweisen und Einstellungen nur über weitere empirische Daten zu erklären sucht. Die Einordnung und Erklärung über eine nicht-empirische Analyse sozialer, kultureller und historischer Kontexte fehlt. Auch ein chronologischer Vergleich der Daten schafft wenig Klarheit, reiht er doch nur die Momentaufnahmen aus einzelnen Befragungsjahren oder -abschnitten aneinander und dokumentiert lediglich die Veränderungen, ohne jedoch ihre Ursachen zu analysieren.
Die (hypothetische) Aussage, dass übergewichtige, arbeitslose Mittdreißiger im südlichen Vorpommern eher die NPD als die Grünen wählen, ist nichts weiter als eine Feststellung sozio-ökonomischer Indikatoren und eines in einer Befragung bekundeten möglichen politischen Verhaltens. Ursachen und Folgen dieser Feststellung müssen ebenso Gegenstand politikwissenschaftlicher Betrachtung sein wie die Aussage des Befragten selbst. Hier manifestiert sich erneut der Streit zwischen Anhängern der qualitativen und der quantitativen Politikwissenschaft. Eine sortenreine Unterscheidung und Anwendung im Forschungsprozess erscheint dem Verfasser dieser Arbeit jedoch als wenig zielführend.
Maria Behrens führt an, dass die Politikwissenschaft durchaus in der Lage ist, ihre unterschiedlichen Ansätze in neue Modelle zu integrieren, die den alten Graben zu überwinden suchen. Sie beschreibt dabei das Phasenmodell, das Konvergenzmodell und das Komplementaritätsmodell, die alle drei – auf der Grundlage verschiedener erkenntnistheroretischer Ansätze – versuchen, die Methodologien der qualitativen und quantitativen Politikwissenschaft zusammenzuführen (vgl. Behrens, 2009 S. 225 – 230). Hiltrud Naßmacher wendet dagegen jedoch ein, dass die Verbindung «zu Lasten der Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses und der Überprüfbarkeit der dargestellten Zusammenhänge geht (Naßmacher, 2004 S.506)». Der Verfasser möchte abschließend jedoch auf ein Zitat von Ulrich Beck und Wolfgang Bonß verweisen, dass den Weg der Sozialwissenschaften und seiner Forschung und deren Publikation treffend charakterisiert, denn m.E. ist der wissenschaftliche Streit:
immer und notwendig in Form von langen, meist örtlich, zeitlich und sozial versetzten Interpretationsprozessen, im Wechsel zwischen Sprachformen, in einer aktiven, die Ergebnisse im Horizont praktischer Erwartungen und Erfahrungen über viele Instanzen und längere Zeiträume neu deutenden und nach eigenen Regeln herstellenden ›Umgangsform‹. Verwendung ist also nicht ›Anwendung‹, sondern ein aktives Mit- und Neuproduzieren der Ergebnisse, die gerade dadurch den Charakter von ›Ergebnissen‹ verlieren und im Handlungs-, Sprach-, Erwartungs- und Wertkontext des jeweiligen Praxiszusammenhangs nach immanenten Regeln in ihrer praktischen Relevanz überhaupt erst geschaffen werden (Beck und Bonß, 1989 S. 11).
Daraus ergibt sich für Politikwissenschaft als Beraterin – nicht nur der Politik – eine weitere Aufgabe jenseits von Datenerfassung, -analyse und -bewertung. Wenn man sich die heftige Debatte um Demoskopie und journalistische Berichterstattung im Bundestagswahlkampf 2005 in Erinnerung ruft, so ist auch hier eine Aufgabe politikwissenschaftlicher Arbeit im öffentlichen Raum zu sehen, unter zwei Gesichtspunkten: Die Demoskopen lagen in diesem Wahlkampf mit ihren Prognosen falsch, Politikjournalisten setzten die Ergebnisse in ihrer Berichterstattung ein (vgl. Fengler und Vestring, 2006 S. 168). Politikjournalisten gaben dabei nur unzureichend Hinweise zu Befragungsmethodik und Wechselwirkungen zwischen veröffentlichten Umfrageergebnissen und Wählerverhalten (ebd., S.168f.). Politikwissenschaft muss hier eingreifen und als Korrektiv fungieren, was sie nur über kritische Distanz zu reiner Datengläubigkeit erreichen kann. Gleiches gilt für die Auswirkungen der Konjunkturprognosen, Geschäftsklima-Indizes und ähnlich gelagerter «Barometer», deren «Ergebnisse» den Stresstest der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität nicht bestehen, wie ein Bericht des Nachrichtenmagazins der Der Spiegel nahelegt (vgl. Waldermann, 2009). Zusammenfassend ist es m.E. wichtig, dass Politikwissenschaft einer unkritischen Datengläubigkeit entgegentritt und auch im öffentlichen, nichtwissenschaftlichen Raum, als Korrektiv auftritt.
Literatur
Beck, Ulrich; Bonß, Wolfgang. 1989. Weder Sozialtechnologie noch Aufklärung? Analysen zur Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Behrens, Maria. 2009. Quantitative und qualitative Methoden der Pollitkfeldanalyse. In: Klaus Schubert, Nils C. Bandelow. Lehrbuch der Politikfeldanalyse 2.0. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. München: Oldenbourg, S. 203 – 231
Diekmann, Andreas. 2000. Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. 6. Auflage. Hamburg: Rowohlt, S. 371-455
Fengler, Susanne, Vestring, Bettina. 2009. Politikjournalismus Reihe: Kompaktwissen Journalismus. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften
Klingen, Henning. 2008. Gefährdete Öffentlichkeit. Zur Verhältnisbestimmung von Politischer Theologie und medialer Öffentlichkeit Reihe: Religion – Geschichte – Gesellschaft. Bd. 46. Münster-Berlin: LIT
Kromrey, Helmut. 1994. Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung. 6. Auflage. Opladen: Leske und Budrich
Naßmacher, Hiltrud. 2004. Politikwissenschaft. 5., bearbeitete und erweiterte Auflage. München: Oldenbourg
Niedermayer, Oskar. 2005. Bürger und Politik Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen Reihe: Studienbücher Politisches System der Bundesrepublik Deutschland. 2., akt. und erw. Aufl. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
Rösch, Günther. 1998. Maßnahmen zur Reduktion von Stichprobenfehlern bei telefonischen Bevölkerungsumfragen. in: Gabler, Siegfried u.a. (Hg.): Telefonstichproben in Deutschland. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 101-119
Schnell, Rainer; Hill, Paul B.; Esser, Elke. 2008. Methoden der empirischen Sozialforschung. 8., unveränderte Auflage. München: Oldenbourg
Waldermann, Anselm. 2009. Warum Ökonomen so oft daneben liegen. 25.03.2009 [Online: Zugriff am 06.04.2009] http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,615301,00.html
Weischer, Christoph. 2004. Das Unternehmen ‘Empirische Sozialforschung‘ Strukturen, Praktiken und Leitbilder der Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland. München: Oldenbourg
Zimmerling, Ruth. 2002. Handlungserklärungen in der Politikwissenschaft: ‘Holding the discipline’s feet to the fire’, nichtveröffentlichter Vortrag, Mainz: Dezember 2002