Zwei junge Männer in einer Kneipe. Die Luft ist dick und rauchgeschwängert, an den Tischen flüstern, lachen, saufen und klimpern Gäste. Zwei Männer, Anfang 30 kommen nacheinander in das Lokal. Hängen ihre Mäntel an die Haken unterm Tresen, setzen sich.
A: Na meister ?
B: Na, wie isset? Allet schick?
A: Jau.
B: Und selber, haste dir Luft gemacht, oder wat ?
A: So ähnlich.
B: Na dann lass mal kucken, warum du so verträumt hier dein Bierchen trinkst.
A: Nach unserm letzten Bierchen hab’ ich mich irgendwie erleichtert gefühlt. Mal ein bisschen nachgedacht. Also, auch wenn Du recht viel gequasselt hast
B: Wie? Gequasselt? Wie soll ich denn das verstehen?
A: Das war ein wenig wie Wasser auf eine sozial vertrocknete Blume.
B: Schönes Bild. Prost. Meine Kehle ist auch ganz vertrocknet.
A: Ja. Prost. Das war alles so spontan
B: Na ich muss ja kein Drehbuch für ein Bierchen mit dir schreiben. Und wenn man freundschaftlich verbunden ist, dann erst recht. Find ich.
A: Ja, nee is klar. Nein, nein. Ich meinte bloß, dass Dein Redebedarf ja auch recht groß war
B: Ja, das ist er auch weiterhin und besonders klein isser auch nie gewesen. Beim Weg ausm Schneckenhaus gehört das dazu.
A: Ja, genau, lautes Knacken beim Bruch der Schale.
B: Richtig. Und ich hab mein Herz schon immer irgendwie auf der Zunge getragen. Das renkt sich aber auch langsam wieder schön ein. Ich taue wieder auf, meine Umgebung auch. Lustig ist auch, wie man wieder über was anderes als den bekackten Job schwatzen kann.
A: Ja, genau. Gut zu hören, sehr gut.
B: “Alles Scheiße” ist vorbei.
A: So there actually IS a life behind the dark curtain.
B: Hinterm Horizont gehts weiter!
A: Ohh, kein Udo bitte, uahh.
B: Das Lied mag ich aber.
A: Erinnerst du dich noch an Ludger? Diesen Riesen mit den Fingern so dick wie Bananen? Mit dem hat seine Freundin nach 8 Jahren schluss gemacht. Am Telefon!
B: Das ist ja wie mein Chef, der mich per SMS über die Mail mit der Kündigung unterrichtet hat. Ich bekomms immer schriftlich. Mal als Brief, mal als Mail. Auch privat. Lustig. Die Eine hat sich erst immer weiter zurückgezogen und dann einen Brief geschickt, die Andere eine Mail mit ein paar dürren Sätzen. Aber es muss einen Phrasenbaukasten für Frauenkommunikation geben. Denn in beiden Schriftsätzen stand drin, dass ich ein ‚toller Kerl’ sei, ‚wir ja Freunde bleiben könnten’, sie aber ansonsten ‚keine Zukunft für uns’ sieht. So eine feige Scheiße. Nun ja. Vorbei ist vorbei. Schade…Was lachst du denn so blöde?
A: Phrasenbausteinkasten. Tschuldige, aber es ist komisch. Als wenn mit der Schminke in der “Wendy” auch eine Liste von solchen Sprüchen, so als Aufkleber mitgegeben wird. «Wir müssen reden!» Oha !
B: Ja, so ein Phrasenbaukasten, den jeder normal denkende Mensch im Regal stehen lassen würde. Frauen greifen da wohl eher zu. War wohl ein Sonderangebot aufm Sprachramschtisch
A: Gleich im IKEA neben Kerzen und Betten, die keiner mehr sehen kann.
B: Genau.
A: Von China bis Kanada überall Schlafzimmer nach Schablone.
B: Aber bevor sie den Phrasenbaukasten benutzen, shoppen sie vorher noch mal im Subtilitätenregal. Wochenlang. Das sind dann die Zeichen der Zeit! Bevor sie dann den Billighammer auspacken, der nur für einen schlag reicht. Der muss eben sitzen.
A: Und da soll ich nicht lachen? Man, Alter. Das ist wie mein IKEA-Hass. Bei jeder neuen Einweihungsparty in Berlin geht’s mir so: “Ohh, das Bett kennst Du ja, hattest DU mal was mit der Frau?» und da ist mir schon mal rausgerutscht: “Du kennen wir uns, hatten wir mal was ? – nee, das Bett ist von IKEA . Ach sooo»
B: Jetzt schmeiß ich mich aber weg.
A: Naja, so isses doch. Und im Extremen andersherum – Schlagermaus Michelle muss immer noch ihren 18 jahre – Filter auspacken, damit die pädophilen Opas drauf abfahren.
B: Was?
A: Ja, das steht in ihrem Vertrag, dass sie den Kinder-Filter immer uffe Stimme rauf ziehen muss wie eine Lümmeltüte. Damit ja keine Ecken und Kanten zu hören sind
B: Was? Nicht dein Ernst?
A: Doch!
B: Hast du das mit eigenen Augen gesehen?
A: Nu stell dich mal nicht an! Naja, Du weiß ja, welche Art von digitalen Filtern ich meine, es hat mir mal jemand von BMG Sony gesagt, der war mit ihr im Studio.
B: Alles klar.
A: Es gibt ja auch welche, die man kaufen kann für spezielle Loops in der Stimme, die heißen dann eben Maria Carey und Whitney Houston. Ohne Scheiß.
B: Deswegen klingt die immer wie ‘ne zehnjährige vor einsetzen des Brustwachstums und hat dabei sone Mörderhupen.
A: Genau. whatever, so eine Kacke gibt es auch in Live-Tune-Verfahren, also auch im Gespräch. Achso und die Dinger von Michelle sind ja wohl «gemachte” Mörderhupen.
B: Live-Tune? Was ist das?
A: Na bei fucking “Wetten Dass” und Konsorten.
B: Hä?
A: Da werden die Mikros auf den Sprecher eingestellt vorher.
B: Achso.
A: Also wenn Christina Agliera ins Mikro rülpst, würde man es nicht hören. So meine ich es. Die Amplituden werden begrenzt etc.
B: Genau.
A: Und da zieht man krasse Filter oft in so hohem Level wie Wetten Dass mit Mikros für viele tausend Euro.Mal abgesehen von den bescheuerten Regelungen, wie lange welches Halb-Profil von J-Los Schulter zusehen sein darf, uahhh. Ätz, weißt Du, was ich mache, wenn ich von so was in der Bild-zeitung in der Mittagspause höre ?
B: Nö.
A: Ich schaue bei Youtube good old Motown an, wo Dianna Ross & Supremes der Riesen-Ohrring beim Singen rausfällt, und was macht sie ? Kein Mucks, kein Zucken, professionell weitersingen ! So !
B: Na denn lass uns jetzt mal weiter trinken. Prost.
Gläser klirren, Gesprächsfetzen fliegen durch die dicke Luft.