Er läuft mit sich zu Gericht

Der Wind der ausfahrenden U-Bahn fegt kurz und heftig die Staubflusen aus den Ecken des Bahnsteigs unter der Straße. Dort wo gerade der gelbe Zug im Tunnel verschwunden ist und ratternd im Dunkel verschwindet, übernimmt ein erst leises Klimpern und dann lauter werdendes Schlurfen das Klangbild des U-Bahnhofs. Bevor man ihn sieht, hört man ihn, den Ankläger, Richter und Verteidiger seines Selbst. O-Beinig, rechts humpelnd, in ausgelatschten Turnschuhen, schäbig-fadenscheinigen Hosen, einer verdreckten Kutte und zerrissenem T-Shirt wackelt der Mann von vielleicht dreißig Jahren über die Fliesen am Gleis. Dauernd murmelt er etwas in seinen schwarzen, ungepflegt-struppigen Bart. «Nein! So war das nicht!» empört er sich im Vorbeigehen, die Augen dabei glasig vernebelt und mit einem Blick in ein anderes Universum. Der rechte Arm ist angewinkelt und hält einen weichgewordenen Pappbecher, der einmal «Kaffee To-Go» versprach. «Natürlich war es so. Da gibt es gar nichts zu deuten. Bedenken sie die Auswirkungen, die ihre Handlungsweise hatte! So etwas passiert nicht einfach so.», behauptet er gleich darauffolgend in seltsam wohlgewählten Worten und mit anderem Klang in der Stimme. Seine schwielige Hand rüttelt den Becher mal vor und zurück, mal im Kreis und das Kleingeld darin klimpert. Er bittet nicht um Spenden, er bittet um Gnade. «Aber ich habe doch gar nichts Böses gewollt. Da hat man sich nach Jahren einmal wiedergesehen und gleich gab es Streit. Kein Wort der Anerkennung. Ja, haben sie gesagt, der Stefan, der Stefan kann doch gar nichts. Dabei habe ich soviel gewollt. Ich konnte doch nichts dafür!», jammert und entschuldigt sich die Stimme erst hart, dann weich und wie ein Kind. Seine Hose rutscht, eine löchrige Unterhose blitzt kurz auf und gibt den Blick auf rote Stellen, kalkweiße Haut und dunkle Haare frei. Die Stimme schwillt an, verliert sich immer wieder in unverständlichem Genuschel. Am Ende des Bahnsteigs läuft er immer wieder im Kreis, will nicht ankommen, nicht stehen bleiben, sein Blick irrt durch den Raum. «Das kann man so nicht stehen lassen. Sie müssen in Betracht ziehen, in welchem Zustand er war. Das konnte keinen guten Ausgang nehmen.», rechtfertigt seine Stimme in einem wieder anderen Tonfall. Der Kreislauf wird schneller, wenn er sich die Haare rauft und sagt: «Nein, nein, nein. So war das nicht. All die Jahre und kein Wort der Anerkennung.» Die nächste U-Bahn kündigt sich mit zunehmendem Wind auf dem Bahnsteig an. Das Rattern und Summen des Zuges legt sich immer stärker über die Verhandlung am Ende des Bahnsteigs. Links neben dem struppigen Mann schießt die U-Bahn aus dem Tunnel, er blickt kurz auf, zuckt die Schultern und schließt den Mund. Gleich läuft er weiter, was er sagt ist nicht zu hören zwischen dem einfahrenden Zug, sich öffnenden Türen, aussteigenden Fahrgästen, den Ansagen aus dem Zug. Mit dem ausfahrenden Zug erhebt sich wieder der Wind.

One Response to “Er läuft mit sich zu Gericht”

  1. C. Schmidt sagt:

    Sehr fein : “…will nicht ankommen…” !

    Die Realität und was wir davon wahrnehmen erinnert mich ein wenig an die kleine, süße aus nur 2 Hammer-Power-Sätzen bestehenden Parabel “Auf der Galerie” vom völlig unbekannten Prager Autor Franz Kafka.

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