Alt, arm, charmant – Omi Vera überlebt

Sie ist nur knapp höher als das Geländer an den Treppen, die zum kleinen Teich im Park führen. Sie lacht laut und kichernd und dabei strahlen ihre blauen Augen. Die grauen Haare stehen unter der lila Strickmütze hervor, die Haut ihrer Hände ist hell und faltig, die Fingerspitzen sind violett, denn Omi Vera ist kalt. Seit einer halben Stunde steht sie hier am Geländer zusammen mit 10 anderen Menschen. Sie ist die älteste und fröhlichste in der Gruppe. Sie sagt, dass ihr die Kälte nichts ausmache, weil sie doch minus 20, ja minus 25 Grad gewöhnt sei. Damals in Breslau gab es auch erst schulfrei, wenn es mindestens minus 20 Grad kalt gewesen sei. Omi Vera wartet jetzt in Rostock auf einen heißen Schluck Kaffee, viel lieber aber einen Glühwein. Die heiße Bockwurst schmeckt ihr auch gut und ein paar Lebensmittel kann sie auch noch in die große schwarze Handtasche packen. Nur ein paar Bananen, ein wenig Gemüse, ein Brot und zwei, drei Schokobrötchen kommen da hinein. Ihren Porsche oder Mercedes oder Ferrari hat sie direkt vor der Motorhaube des Wohnmobils der Obdachlosenhilfe geparkt. Der Rollator hilft ihr sehr und ist neu. Eine Bekannte wollte sich das Gefährt auch schon einmal ausleihen, Omi Vera gibt ihn aber nicht her, sonst käme der bestimmt nicht zurück. Er hat ja auch Geld gekostet und nicht wenig. 8 Euro musste sie der Krankenkasse dazubezahlen, um ihren Ferrari zu bekommen. Er ist auch viel leichter die sechs Stufen zu ihrer Wohnung hinaufzutragen und sie deutet an, wie sie ihn schultert. In der kleinen Wohnung wartet ihr Mann von 80 Jahren. Schwerhörig und gehbehindert ist er und kein guter Gesprächspartner mehr. Sie sorgt für ihn, muss aber immer wieder raus, weil sie doch den Kontakt zu Menschen brauche. Man müsse ja mit jemandem reden, sonst falle einem die Decke auf den Kopf, sagt sie nachdenklich. Na und die Rente gebe auch nicht viel her. 215 Euro im Monat bekommt Omi Vera ausgezahlt. Zusammen mit der Rente ihres Mannes reicht das gerade für Miete, Strom, Telefon und das Allernötigste. Übrig bleibe von dem Geld gar nichts und deswegen müsse sie auch sehen, wo sie günstig etwas herbekomme. Sie geht den beschwerlichen Weg zur Suppenküche allein, schiebt ihren Ferrari dabei über ausgekundschaftete Wege, die, wie sie sagt, leicht zu passieren seien. Dadurch braucht sie manchmal länger, kommt aber trotzdem ans Ziel. Eine warme Mahlzeit für 1,10 Euro kann sie dann bekommen und sie nimmt auch immer ein Eimerchen mit. Omi Vera zeigt mit ihren kleinen Händen, wie groß das Eimerchen ist, das sie immer ordentlich voll machen lasse, damit sie ihrem Mann auch etwas mitbringen kann. Sie lacht herzlich, offen und breit und sucht den Kontakt zu den Menschen, mit denen sie jeden Mittwoch hier am Geländer steht, um einen heißen Kaffee und ein paar Lebensmittel zu bekommen.

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