Von den Wänden starrt Putz, abgeplatzt und grau macht er das Licht im Raum schäbig. Es riecht nach Hundescheiße und ein dumpfer, muffig-feuchter Geruch wie alter, nasser Teppich steht zwischen der Decke und dem abgeranzten Fußboden. Hier im Wohnzimmer sollten eigentlich Möbel stehen und das Gespräch stattfinden, das per Brief und Anruf angekündigt worden war.
Hilflos steht Sabine händeringend mitten in dem kahlen Zimmer. Ihr gegenüber die Respektsperson vom Amt. Mitte Vierzig, gut gekleidet und mit einem mütterlich-resignierten Blick schaut Frau Haseloff sich kopfschüttelnd seit ein paar Minuten in der Behausung um, die in in zwei Wochen Sabine und ihr Baby plus Freund beherbergen soll. Das Mädchen steht hochschwanger im Raum, ringt die Hände, weiß irgendwie, dass es so nicht geht und doch nicht weiter. “Was soll ich denn machen, ich kann doch nicht, schauen Sie mich doch an.”, jammert sie. “Deswegen habe ich dir doch gesagt, dass du dir Hilfe organisieren sollst. Ich hab dir sogar aufgeschrieben, was du wo bekommen kannst. Das dein Freund jetzt malert ist doch schon schön, aber wo sind die Möbel? Wo ist die Ausstattung, die wir dir von der AWO besorgt haben?”, fragt Haseloff. “Weiß ich nicht. Irgendwo in den Tüten.”, gibt sich Sabine hilflos. Die Tüten, das sind unzählige blaue Plastikmüllsäcke, die überall in der Wohnung verteilt herumliegen – mal einzeln, mal gestapelt. Martin, der Freund, schimpft und rumpelt im Schlafzimmer, immer wieder schießen wüste Flüche durch den Türspalt, knallt irgendetwas dumpf gegen die Wand und auf den Fußboden. Der beißwütige Köter des Pärchens kläfft im Bad und randaliert.
Frau Haseloff ist das erste Mal in der neuen Wohnung und eigentlich war vereinbart, dass so kurze Zeit vor der Geburt alles fertig sein sollte. Frau Haseloff schüttelt den Kopf, knurrt und schaut sich weiter um. ‘Irgendwie passt das wieder alles’, denkt Haseloff bei sich. ‘ Zum Ficken zu blöd und jetzt nix auf die Reihe bekommen. Ich werd’ noch bescheuert.’ Sabine wollte nicht schwanger sein. Das zierliche Mädchen mit den Zöpfen bekam irgendwann Bauch. Das war kein Bauch, den man bekommt, wenn man zuviel isst oder trinkt oder beides gleichzeitig. Der Bauch begann zu tief, war keine Futtermurmel und wuchs zu gleichmäßig. Frau Haseloff fiel das auf, denn Sabine hat schon seit Jahren regelmäßig Termine bei ihr.
Man kennt sich; Sabine war nämlich eigentlich ein Bauchschmerz ihrer Mutter. Die war – schwer übergewichtig – vor 19 Jahren ins Krankenhaus gekommen, klagte über Bauchweh und war zwei Stunden später Sabines Mutter. Der Bauchschmerz war lästig, 13 Jahre lang, dann nahm Bacchus seine größte Anhängerin zu sich. Frau Haseloff fand sie damals, erstickt an ihrer eigenen Kotze, auf ihrem Bett liegend. Und jetzt riecht es hier wie damals und fühlt sich genauso hoffnungslos an.
Das Mädchen fing an zu weinen, als Haseloff im Büro sagte. “Du bist doch schwanger. Das seh ich doch.” “Nein, nein, nein, das stimmt nicht!”, hatte Sabine noch zurückgefaucht. Nur wenig später saßen beide beim Amtsarzt und als der sagte: “Sie sind schwanger junge Frau.”, brach Sabine fast zusammen. Da war sie schon im fünften Monat. “Es kam doch kein Blut aus der Muschi! Seit ich die Pille nehme ist das so. Da kann ich doch nicht einfach so schwanger sein. Das geht doch nicht. Ich bin nicht schwanger!”, stellte sie weiterhin trotzig fest. Einfühlsam versuchte der Arzt ihr nochmal zu erklären, dass da ein Kind in ihrem Leibe wachse. Sie hat dann viel geweint und es irgendwann akzeptiert, verstanden wohl nicht.
Plötzlich war soviel zu tun – zuviel zu tun. “Frau Haseloff, ich geb mir aber Mühe. Ich versuch’ das wirklich. Dann klappt das auch.”, gab sie sich entschlossen. Einen langen, aber leicht verständlichen Zettel mit Ansprechpartnern und Telefonnummern und sogar den Fragen, die sie stellen sollte, machte Frau Haseloff fertig, damit schickte sie Sabine los. Und jetzt stehen sie in diesem stinkenden Trümmerhaufen. Haseloff reibt sich die Schläfen, dahinter rumort es. ‘Verdammt nochmal. Hab ich jetzt Mist gebaut? Ich hab ihr doch hinterhertelefoniert. Alle gefragt, ob sie wirklich da war und ihren Krempel organisiert. Scheiße. Und jetzt das hier.’, denkt sie. “Da müssen wir aber noch einiges tun.”, sagt sie. “Aber das geht doch voran!”, brüstet sich Sabine. Haseloff macht noch ein paar Schritte durch das Durcheinander, schreibt ein paar Notizen in ihren Block und geht.