Mit einer Hand an der Haltestange steht der grauhaarige Mann auf dem Treppenabsatz zwischen Unter- und Oberdeck. Der Blick ist wachsam, die Haltung leicht geduckt. Er beobachtet den Schaffner, der sich langsam durch die Menschenmenge im Zug bewegt. Als der Kopf des Schaffners am anderen Ende des Wagens auf dem Weg ins Unterdeck verschwindet, hastet der Alte die Treppe hoch, hält kurz inne, schaut nochmal und beginnt dann mit seiner ‚Arbeit’, wie er sagt. Heinz Schmidt, so will er genannt werden, spricht schnell und verhuscht. Sein Rollkoffer und die zwei Stoffbeutel klappern gläsern, denn drin stecken leere Pfandflaschen. ‘So ein Zug voller Ausflügler ist meine Goldgrube. Da mach ick einen guten Schnitt.’, sagt er. Schnell und geübt wuselt er durch das Oberdeck, findet leere Flaschen, fragt höflich, ob er sie nehmen darf. Leise klimpert eine Flasche nach der anderen in die Beutel, knistern und knacken Plastikflaschen hinterher. ‘Die sind mir am liebsten, da bekomm ick dat beste Geld für.’ 25 Cent für die Einwegbuddeln, 8 Cent für die Bierflaschen, die er auch morgens schon hier im RE einsammelt. ‘Wat soll ick machen? Meine Rente reicht nicht. Ick war zu lange arbeitslos.’, sagt er schulterzuckend. Etwas dazu zuverdienen gehe wegen der angegriffenen Gesundheit nicht. ‘Na und weil die Flaschensammler Reviere haben, war et erst schwer. Aber im Zuch hat noch keener jesammelt.’ Manchmal kauft er den kleinstmöglichen Fahrschein, oft ist er ohne Ticket unterwegs. Das macht ihm zu schaffen. ‘Weil ick dann immer so aufjeregt bin.’, sagt er. Heinz Schmidt pendelt zwischen zwei größeren Bahnhöfen, kennt den Fahrplan und weiß, wo das Personal wechselt. Das nutzt er aus, um unbehelligt umsteigen und das Pfandgut einlösen zu können. ‘Spaß macht det nich, aber ick muss.’, beschreibt er seine Arbeit lapidar. Dass die Bundesregierung bei Hartz IV-Empfängern sparen will, um den Haushalt in den Griff zu bekommen, hat er gehört. ‘Denn haben se noch mehr von meine Sorte.’, verspricht er. ‘Det wird denn aber schlecht für meine Arbeit. Mehr Sammler, weniger Buddeln. So einfach.’, ist er sicher. Sein Wechselbahnhof ist der nächste Halt des Regionalexpress. Heinz Schmidt steigt die Treppen zum Ausgang herab, leise klimpern seine Taschen.