“Als ich von der Explosion in Göttingen gehört habe, bei der die Kampfmittelräumer gestorben sind, musste ich erstmal rechts ranfahren und habe mich übergeben.”, sagt Robert Müller unvermittelt. “Da kam alles wieder hoch.”, fügt er noch hinzu. “Alles”, das sind Roberts Erfahrungen aus 4 Auslandseinsätzen für die Bundeswehr. Einmal war er im Kosovo, dreimal in Afghanistan. 2002 hat er dort die Explosion einer zur Entschärfung vorgesehenen Rakete überlebt. 5 Kameraden starben damals. Müller ist danach noch zweimal nach Afghanistan zurückgekehrt. Sein Händedruck ist fest, unter dem roten T-Shirt spielen Muskeln, ein großer Mann mit Stoppelbart und hellen, blauen Augen – Typ sympathisch. “Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier? Aber nicht in der Stadt, da ist mir zuviel los.” Wir sind am Stadtrand von Stade, Gewerbegebiets-Ästhetik. Wir setzen uns in ein Hotel-Café, zwei Kännchen. Er ordert später nochmal Zucker nach, sagt, dass er den ganzen Tag noch nichts gegessen habe: “Ich habe einfach keinen Appetit. Ich muss mich zwingen. Der Zucker gibt mir wohl Energie.” Robert Müller spricht konzentriert und entschuldigt sich immer wieder dafür, dass er manchmal stockt, der Blick abschweift und er kurz nicht weiß, worüber er gerade gesprochen hat. “Das ist eine Folge der Belastungsstörung. Da verliere ich den Faden, ganz einfach so.” Robert Müller verliert manchmal nicht nur einfach den Faden, sondern auch die Kontrolle über sein Inneres. Er hat eine Posttraumatische Belastungsstörung. “Dann kippt das und ich werde wütend. Deswegen fahre ich auch kaum noch längere Strecken mit dem Auto, weil mich das unter Druck setzt und es dann manchmal schwierig wird.” Er schaut dabei ganz sanft, fast wie ein Kind, spricht noch konzentrierter. “Ich brauche ab und zu eine Pause, wenn es zuviel wird. Zehn, fünfzehn Minuten um wieder runterzukommen. Oder ich rufe meine Notfallnummer an. Das ist wie bei einem Borderliner. Der hat auch ein Notfallköfferchen dabei. So habe ich meine Notfallnummer.”, erzählt er mit einem kleinen Lächeln. Wer rangeht, wenn er anruft, will er nicht sagen. “Das hilft, wenn ich da anrufe. Das muss reichen.”, verfügt er bestimmt. Er kann sich kontrollieren und fürchtet den Kontrollverlust. Gründe seine Notfallnummer anzurufen, gibt es immer wieder. Robert Müller, Zivilist seit 1.Mai, kämpft nämlich noch immer – innerlich und mit dem Bund. Dort sei er mittlerweile verschrien, sagt er: “Weil ich mit der Presse rede und den Mund aufmache. Ich bin der Typ, der mit dem Kopf durch die Wand will. Das geht natürlich nicht immer.” Es will ihm nicht in den Kopf, dass er nach seinen Einsätzen, seiner Ausbildung und seiner Verletzung, mitsamt Diensthund Idor, ins zivile Leben geschickt wurde, ohne das sich die Bundeswehr seiner posttraumatischen Belastungsstörung angenommen hätte und für seine Therapie sorgt. Der Bund zahlt zwar noch ein Übergangsgeld und der Weg ins zivile Leben wird über die Bundeswehr Fachschule in Hamburg mit organisiert – um die Belastungsstörung und ihre Folgen kümmere sich der Bund in seinem Fall aber nicht. Müller macht gerade an der Fachschule eine Ausbildung zum Erzieher. Wenn er davon spricht, lächelt er schüchtern. Die Ausbildung macht ihm Spaß. Er muss sich sehr anstrengen, um die Klausuren zu schaffen, denn er hat eine Konzentrationsschwäche. “Das hat mit der PtBs zu tun. Ich muss mich heftig vorbereiten, um die Klausuren zu schaffen.”, sagt er. Wenn er von der Schule nach Hause kommt, muss er erst einmal schlafen. “So zwei Stunden meistens, um mich zu erholen.”, berichtet er. Der Bund hat mittlerweile eine Weiterverwendungsregelung, die dafür sorgt, das Soldaten, die im Einsatz verwundet werden, solange von der Bundeswehr beschäftigt werden, bis sie im zivilen Leben eine Arbeit haben und Geld wird auch ausgezahlt – aber diese Regelung ist mit einem Stichtag versehen worden. Roberts Verwundung und ihre psychischen Folgen fallen vor den Stichtag, somit hat er keine Ansprüche aus der Weiterverwendungsregelung. Die Bundeswehr versorgt Veteranen, aber eben nicht alle. Nach Müllers Zählung betrifft das auch noch mindestens 14 andere Kameraden. Er sagt, er kämpfe deswegen nicht nur für sich selbst und es gibt da auch noch einen Kameraden, der, ähnlich belastet, ganz zurückgezogen von Hartz IV lebt und dem es noch viel schlechter gehe. Seinen “Buddy”, wie er ihn immer nennt. Roberts “Buddy” zu sein, bedeute mehr als Freundschaft im landläufigen Sinne. Da unterscheidet er rigoros. Für seinen Buddy, der schon erfolglos gegen den Bund geklagt hat und die anderen Kameraden setze er sich ein. Deswegen ist Robert Müller mittlerweile ein Netzwerker, eine Kontaktbörse, ein Vermittler, ein Kümmerer. Seine Geschichte hat es bereits in ein Buch, die FAZ und den Wehrbericht des Wehrbeauftragten des Bundestages geschafft. Manchmal wird ihm das zuviel. Woher er die Kraft fürs Weiterkämpfen nimmt, weiß er auch nicht so genau, denn schon für einfache Alltagsdinge braucht er oft einen Anstoß. Nur eins weiß er: “Ich habe kein Helfersyndrom. Der Stichtag soll neu festgelegt werden, damit alle, die es betrifft, erfasst und versorgt werden.”
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