Ostermesse in der St. Marienkirche

Vor dem Eingang der St. Marienkirche steht ein Halbkreis von etwa 80 Menschen. Aus den kleinen Seitenstraßen klappern noch Schuhe heran, in der Kröpeliner Straße grölen Jungs ein Hansa- Fanlied. Vom Halbkreis verdeckt lodert ein Feuer mit dicken Scheiten in einer Feuerschale. Pastor Tillmann Jeremias steht, eine fast mannshohe, weiße Kerze im Arm, mit dem Rücken zur Kirche. Alle schweigen. Über den Dächerhorizont der Altstadt kriecht langsam ein blauer Streifen hellen Lichts, als der Pastor die Menschen vor der Kirche begrüßt. Er freut sich über die vielen Besucher, die Morgendämmerung und das Einsetzen des Vogelgesangs in den Bäumen rund um die Kirche. Mit einem Bild aus der Bibel beginnt die Messe vor der Kirche. Wie die Frauen nach der Kreuzigung Jesu würden wir nun wandern, Jeremias singt einen Vers, den die Besucher mitsingen sollen. Darauf lässt er die Kerze in seinem Arm mit einem Stück Holz entzünden.

Den Besuchern voran geht der Pastor in die Marienkirche. Darin fällt nur ein schwaches, blaues Licht durch die hohen Kirchenfenster. Die Wände sind schwarz, werden nur schwach vom Kerzenschein erhellt. In der Mitte des Querschiffs geht Pastor Jeremias nach links, in Richtung der Winterkirche. Dort stellt er die brennende Kerze rechts an den Altar, hinter ihm werden die Plätze knapp. Alle Stühle sind besetzt, die Bänke mit dem Rücken zur Seitenwand auch. 3 Gemeindemitglieder lesen nacheinander aus der Bibel: Schöpfung, Noah, Auszug aus Ägypten. “Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet!”, singt der Pastor zwischen den Lesungen. Der Chor der Gemeindemitglieder fällt links in dunklem Männerbass ein, rechts sitzen mehr Frauen und singen in Sopran und Alt.

Die brennende Kerze voran, geht der Pastor danach weiter durch die Kirche, die Besucher greifen kleine Kerzen und nehmen sie zur nächsten Station mit. In einer kleinen Seitenkappelle wartet der Pastor schon und gibt das Licht seiner Kerze weiter. Kinder entzünden ihre Kerzen zuerst, geben das Licht weiter und kurz darauf in den Händen aller die kleinen Kerzen. Im Wechselgesang mit einem Kollegen erzählen die Geistlichen vom Wunder der Auferstehung und fordern zum Gebet auf. Die Kirche wird heller, Kerzen- und Morgenlicht fallen in die Gesichter. Alle folgen der großen Kerze schließlich zur Tauffünte.

Hier bittet Pastor Jeremias drei junge Leute aus dem Kreis der Besucher nach vorn. Die zwei Männer und eine Frau stammen aus dem Iran. Sie werden gleich zu Konvertiten, treten vom Islam, den sie, nach den Worten Jeremias’, nur als Zerrbild von Religion erlebt hätten, zum Christentum über. Einzeln treten sie vor, der Pastor benetzt sie mit Wasser und heißt sie in der christlichen Gemeinschaft willkommen. Das Glaubensbekenntnis sprechen alle Besucher gemeinsam im Chor. Nachdem sie Taufurkunden bekommen haben, wandert die Gemeinde -wieder hinter der Kerze durch die nun schon helle Kirche. Vorbei an der astronomischen Uhr hinter dem Altarraum wieder in das Querschiff und dann in den Altarraum. Dort stehen Bänke und Stühle auf denen sich die Besucher niederlassen. Voller Freude stimmt der Pastor den Gesang an und die Kirche scheint fast zu erzittern als die Orgel einsetzt. Zum ersten Mal seit Gründonnerstag darf sie wieder gespielt werden. Orgel, Pastor und Besucherchor singen gemeinsam, lange hallt das Echo nach, das Vaterunser schließt die Ostermesse.

Pastor Jeremias bemerkt, dass es das erste Mal in seiner Zeit hier in Rostock sei, dass am Schluss der Ostermesse die Sonne in das Kirchenschiff scheine. Kräftig orange leuchtet sie durch die Fenster als die Besucher die St. Marienkirche verlassen.

Über miescha

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