Im Körpersaftexpress nach Wacken

Bärte, halblang, buschig an den Stellen wo sie bereits wachsen. Haare lang, manchmal filzig. Warsteiner in Dosen als Wegzehrung und dunkle T-Shirts, die von Satan, Tod und Gitarren künden. “Arschficken” ist das augenblickliche Hauptansinnen der Rucksacktouristen im RegionalExpress. Die Isomatten balancieren gefährlich über den Häuptern, “durchgescheuert bis auf den Rasen” sollen sie am kommenden Wochenende werden. Das eine oder andere Lippenpiercing stört den Biergenuss, erheitert die Mitreisenden aber wiederholt. Headbang-Techniken, Bandnamen, Religionsverachtung umrahmen das Hauptziel dieser Reise: “Arschficken”. Die einzige Mitreisende am Tisch will aber nicht vom ihren Ziel abweichen: “Mein Arsch bleibt Jungfrau!” Zwischen Bissen von einer dicken Schinkenstulle – Brot vom Backshop, Formvorderschinken von JA!, bekennt ein eher punkig daherkommendes Mitglied der Reisegruppe: “Knorkator ist die Band, wo ich schon immer sehen wollte.” Das “Ossis Scheiße sind” postulieren die Bubis gern halblaut in ihrem fränkischen und bayerischen Heimatidiom, wenn der Schaffner vorbeikommt und in breitem Sächsisch “de Fohrschaine” verlangt. Die Runningorder wird zur Nebensache, als die stiefeltragenden Jungs entdecken, dass ein weibliches Mitglied der offenbar großen Reisegruppe im Gang Bekanntschaft mit einem anderen Bahnfahrer schließt. “Da müssen wir hinterher!”, sagt einer am Tisch. “Ohne Stiefel?”, fragt ein anderer. Die Fußbekleidung ist egal, denn es gilt einen Nebenbuhler in die Schranken zu weisen. “Ey!”, ruft der Junge ohne Stiefel im Brunftesperanto durch den Gang. Fragende Blicke aus einigen Sitzgruppen, aber keine Reaktion aus dem Rendevouzs am Fenster. “Ey, du!”, setzt der Stiefellose nach und zwängt sich aus dem Sitz. Schlurfend geht er auf Mädchen und Reisebekanntschaft zu. “Was willst du denn?”, faucht sie rauchig zurück. Der bierselige Haremswächter bricht seinen Angriff augenblicklich ab. “Hast dich wohl verschätzt.”, höhnt ein Metalbruder vom Tisch als sich der Besiegte wieder setzt. Mehr als “ach” kommt nicht. “Halbzeit!”, jubelt der Tisch plötzlich. Wacken ist aber noch weit. Gegen halb zwölf in der Nacht wollen sie angekommen sein.

Über miescha

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