Neupräsident Wulff bei Farbe bekennen: “Ich liebe Deutschland und vor allem die Fußballnationalmannschaft.” Dann folgt diese vergammelte Fußballrethorik. Teamwork, Bälle zuspielen und der ganze ranzige Sprachmist. Da muss ich fast schon hoffen, dass wir nicht Weltmeister werden, damit diese bekloppten Analogien aufhören. Und wie diese Koalition noch den gewaltigen Rückstand aufholen will, den sie sich mit ihren Eigentoren selbst eingebrockt hat, weiß ich nicht. Mist, Fussballsprache ist infektiös.
Archive for the ‘Geschichten’ Category
Fußballsprache ist politisch nicht zu gebrauchen
Donnerstag, Juli 1st, 2010Opa Walter und der Tod als Scheißkerl
Freitag, Juni 11th, 2010Eine Kolportage:
Seit 4 Jahren ist Opa Walter auf der Station und spielt jeden Tag Karten. Kanaster, Skat und wenn die Rente kommt, auch Poker gegen die anderen Herren, die er aber immer in die Tasche steckt. An diesem Morgen nun kommt der Pfleger, fragt wie es geht und beginnt mit den morgendlichen Verrichtungen. Rollstuhl ranschieben, Opa Walter “aufladen”, wie er es selber nennt, losfahren ins Bad und erstmal schön auf den Pott. Wie jeden Morgen seit 4 Jahren schon. Opa Walter ist ein Mann der Gewohnheit, das gibt Sicherheit und strukturiert den Tag. Pfleger Martin geht kurz raus, wartet, fragt zwischendurch mal nach. Nur heute ist es anders. Opa Walter thront wie jeden Tag, die Zeitung war auch dabei, aber er gibt diesmal keine Antwort als der Pfleger nachfragt. Martin schaut nach und erschrickt. Ganz grau ist Opa Walter im Gesicht, zusammengesunken sitzen die 100 Kilo Lebendgewicht, die sich sonst auf knappe einssiebzig verteilen, unförmig irgendwo zwischen Klosett und Haltegriff an der Wand. Seine Brust hebt und senkt sich nicht mehr. Martin fühlt den Puls – nichts. Atmung – null. Der Pfleger drückt die Notfallklingel. Zwei weitere Pfleger eilen herbei, fühlen Puls, checken die Atmung. Opa Walter ist tot. Wie Martin später sagt: “Beim Kacken gestorben. Ein gnädiger Tod.”
Twitter überlastet
Mittwoch, Juni 9th, 2010Abgewählt
Dienstag, Mai 11th, 2010Bilderrätsel
Freitag, März 19th, 2010Heute beim großen Online-Kaufhaus. Die Suchauswahl bezog sich auf Indie und Alternative und dann das:
Kein Blut aus der Muschi
Sonntag, Februar 28th, 2010Von den Wänden starrt Putz, abgeplatzt und grau macht er das Licht im Raum schäbig. Es riecht nach Hundescheiße und ein dumpfer, muffig-feuchter Geruch wie alter, nasser Teppich steht zwischen der Decke und dem abgeranzten Fußboden. Hier im Wohnzimmer sollten eigentlich Möbel stehen und das Gespräch stattfinden, das per Brief und Anruf angekündigt worden war.
Hilflos steht Sabine händeringend mitten in dem kahlen Zimmer. Ihr gegenüber die Respektsperson vom Amt. Mitte Vierzig, gut gekleidet und mit einem mütterlich-resignierten Blick schaut Frau Haseloff sich kopfschüttelnd seit ein paar Minuten in der Behausung um, die in in zwei Wochen Sabine und ihr Baby plus Freund beherbergen soll. Das Mädchen steht hochschwanger im Raum, ringt die Hände, weiß irgendwie, dass es so nicht geht und doch nicht weiter. “Was soll ich denn machen, ich kann doch nicht, schauen Sie mich doch an.”, jammert sie. “Deswegen habe ich dir doch gesagt, dass du dir Hilfe organisieren sollst. Ich hab dir sogar aufgeschrieben, was du wo bekommen kannst. Das dein Freund jetzt malert ist doch schon schön, aber wo sind die Möbel? Wo ist die Ausstattung, die wir dir von der AWO besorgt haben?”, fragt Haseloff. “Weiß ich nicht. Irgendwo in den Tüten.”, gibt sich Sabine hilflos. Die Tüten, das sind unzählige blaue Plastikmüllsäcke, die überall in der Wohnung verteilt herumliegen – mal einzeln, mal gestapelt. Martin, der Freund, schimpft und rumpelt im Schlafzimmer, immer wieder schießen wüste Flüche durch den Türspalt, knallt irgendetwas dumpf gegen die Wand und auf den Fußboden. Der beißwütige Köter des Pärchens kläfft im Bad und randaliert.
Frau Haseloff ist das erste Mal in der neuen Wohnung und eigentlich war vereinbart, dass so kurze Zeit vor der Geburt alles fertig sein sollte. Frau Haseloff schüttelt den Kopf, knurrt und schaut sich weiter um. ‘Irgendwie passt das wieder alles’, denkt Haseloff bei sich. ‘ Zum Ficken zu blöd und jetzt nix auf die Reihe bekommen. Ich werd’ noch bescheuert.’ Sabine wollte nicht schwanger sein. Das zierliche Mädchen mit den Zöpfen bekam irgendwann Bauch. Das war kein Bauch, den man bekommt, wenn man zuviel isst oder trinkt oder beides gleichzeitig. Der Bauch begann zu tief, war keine Futtermurmel und wuchs zu gleichmäßig. Frau Haseloff fiel das auf, denn Sabine hat schon seit Jahren regelmäßig Termine bei ihr.
Man kennt sich; Sabine war nämlich eigentlich ein Bauchschmerz ihrer Mutter. Die war – schwer übergewichtig – vor 19 Jahren ins Krankenhaus gekommen, klagte über Bauchweh und war zwei Stunden später Sabines Mutter. Der Bauchschmerz war lästig, 13 Jahre lang, dann nahm Bacchus seine größte Anhängerin zu sich. Frau Haseloff fand sie damals, erstickt an ihrer eigenen Kotze, auf ihrem Bett liegend. Und jetzt riecht es hier wie damals und fühlt sich genauso hoffnungslos an.
Das Mädchen fing an zu weinen, als Haseloff im Büro sagte. “Du bist doch schwanger. Das seh ich doch.” “Nein, nein, nein, das stimmt nicht!”, hatte Sabine noch zurückgefaucht. Nur wenig später saßen beide beim Amtsarzt und als der sagte: “Sie sind schwanger junge Frau.”, brach Sabine fast zusammen. Da war sie schon im fünften Monat. “Es kam doch kein Blut aus der Muschi! Seit ich die Pille nehme ist das so. Da kann ich doch nicht einfach so schwanger sein. Das geht doch nicht. Ich bin nicht schwanger!”, stellte sie weiterhin trotzig fest. Einfühlsam versuchte der Arzt ihr nochmal zu erklären, dass da ein Kind in ihrem Leibe wachse. Sie hat dann viel geweint und es irgendwann akzeptiert, verstanden wohl nicht.
Plötzlich war soviel zu tun – zuviel zu tun. “Frau Haseloff, ich geb mir aber Mühe. Ich versuch’ das wirklich. Dann klappt das auch.”, gab sie sich entschlossen. Einen langen, aber leicht verständlichen Zettel mit Ansprechpartnern und Telefonnummern und sogar den Fragen, die sie stellen sollte, machte Frau Haseloff fertig, damit schickte sie Sabine los. Und jetzt stehen sie in diesem stinkenden Trümmerhaufen. Haseloff reibt sich die Schläfen, dahinter rumort es. ‘Verdammt nochmal. Hab ich jetzt Mist gebaut? Ich hab ihr doch hinterhertelefoniert. Alle gefragt, ob sie wirklich da war und ihren Krempel organisiert. Scheiße. Und jetzt das hier.’, denkt sie. “Da müssen wir aber noch einiges tun.”, sagt sie. “Aber das geht doch voran!”, brüstet sich Sabine. Haseloff macht noch ein paar Schritte durch das Durcheinander, schreibt ein paar Notizen in ihren Block und geht.
Frost und Schnee und Ruhe
Dienstag, Februar 9th, 2010Auf der Insel Usedom kann man prima von Swinemünde nach Heringsdorf wandern, immer am Strand entlang. Bei frostigem Winterwetter macht das besonders viel Spaß, zumal man unterwegs auf einem alten Fischerboot sein Picknick bequem verspeisen kann.
- Strandaufgang Swinemünde
- Strand Swindemünde
- Altes Fischerboot als Picknickplatz kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze
- Blick von der Seebrücke Heringsdorf
Einlaufschmerz
Montag, Februar 8th, 2010Heinz Rudolf Kunzes “Dein ist mein ganzes Herz, du bist mein Reim auf Schmerz” scheppert aus den Boxen. In diesem Moment, zu dieser Zeit, bei diesem Wetter ist es das passende Lied für ihn, um ihr zu sagen, dass er sie wirklich liebt. “Hä?”, fragt sie mit verzogenem Gesicht, nach kurzem, nur halb konzentriertem Hinhören. “Was singt der?”, bekräftigt sie und lacht schallend los. “Einlaufschmerz?”
Langweiliger Straßenbahnjob
Freitag, Januar 15th, 2010Seitlich gebeugt sitzt die Fahrerin der großen, gelben Straßenbahn in ihrem Cockpit. Leise summend fährt ihre tonnenschwere Maschine an. Auf der Kreuzung vor ihr, nur wenige Meter entfernt, eilen noch immer Menschen über die Gleise. Wie so oft an der Ecke Müllerstraße/Seestraße rennen die Fußgänger über die Kreuzung, bemerken dabei aber nicht, dass die Ampel für die Kreuzung der Straßenbahngleise Rot zeigt, weil eine Tram kommt und Vorrang hat. Schon oft hat es hier beinahe zwischen Mensch und Maschine gekracht und die Bimmel der Straßenbahn lang und aufgeregt geklingelt. Nur heute eben nicht, als sie den einen letzten Sprinter vor sich nur knapp verfehlt. Die Warnbimmel war nicht zu hören. Entspannt zur Seite gebeugt, rollt die Fahrerin an die Haltestelle und während sie an mir vorbeifährt sehe ich, wie die junge Frau mit den rötlichen Haaren auf einem Handy herumtippt. Auf der Straße ist es ihren Augen wohl zu langweilig.
Alt, arm, charmant – Omi Vera überlebt
Donnerstag, Januar 7th, 2010Sie ist nur knapp höher als das Geländer an den Treppen, die zum kleinen Teich im Park führen. Sie lacht laut und kichernd und dabei strahlen ihre blauen Augen. Die grauen Haare stehen unter der lila Strickmütze hervor, die Haut ihrer Hände ist hell und faltig, die Fingerspitzen sind violett, denn Omi Vera ist kalt. Seit einer halben Stunde steht sie hier am Geländer zusammen mit 10 anderen Menschen. Sie ist die älteste und fröhlichste in der Gruppe. Sie sagt, dass ihr die Kälte nichts ausmache, weil sie doch minus 20, ja minus 25 Grad gewöhnt sei. Damals in Breslau gab es auch erst schulfrei, wenn es mindestens minus 20 Grad kalt gewesen sei. Omi Vera wartet jetzt in Rostock auf einen heißen Schluck Kaffee, viel lieber aber einen Glühwein. Die heiße Bockwurst schmeckt ihr auch gut und ein paar Lebensmittel kann sie auch noch in die große schwarze Handtasche packen. Nur ein paar Bananen, ein wenig Gemüse, ein Brot und zwei, drei Schokobrötchen kommen da hinein. Ihren Porsche oder Mercedes oder Ferrari hat sie direkt vor der Motorhaube des Wohnmobils der Obdachlosenhilfe geparkt. Der Rollator hilft ihr sehr und ist neu. Eine Bekannte wollte sich das Gefährt auch schon einmal ausleihen, Omi Vera gibt ihn aber nicht her, sonst käme der bestimmt nicht zurück. Er hat ja auch Geld gekostet und nicht wenig. 8 Euro musste sie der Krankenkasse dazubezahlen, um ihren Ferrari zu bekommen. Er ist auch viel leichter die sechs Stufen zu ihrer Wohnung hinaufzutragen und sie deutet an, wie sie ihn schultert. In der kleinen Wohnung wartet ihr Mann von 80 Jahren. Schwerhörig und gehbehindert ist er und kein guter Gesprächspartner mehr. Sie sorgt für ihn, muss aber immer wieder raus, weil sie doch den Kontakt zu Menschen brauche. Man müsse ja mit jemandem reden, sonst falle einem die Decke auf den Kopf, sagt sie nachdenklich. Na und die Rente gebe auch nicht viel her. 215 Euro im Monat bekommt Omi Vera ausgezahlt. Zusammen mit der Rente ihres Mannes reicht das gerade für Miete, Strom, Telefon und das Allernötigste. Übrig bleibe von dem Geld gar nichts und deswegen müsse sie auch sehen, wo sie günstig etwas herbekomme. Sie geht den beschwerlichen Weg zur Suppenküche allein, schiebt ihren Ferrari dabei über ausgekundschaftete Wege, die, wie sie sagt, leicht zu passieren seien. Dadurch braucht sie manchmal länger, kommt aber trotzdem ans Ziel. Eine warme Mahlzeit für 1,10 Euro kann sie dann bekommen und sie nimmt auch immer ein Eimerchen mit. Omi Vera zeigt mit ihren kleinen Händen, wie groß das Eimerchen ist, das sie immer ordentlich voll machen lasse, damit sie ihrem Mann auch etwas mitbringen kann. Sie lacht herzlich, offen und breit und sucht den Kontakt zu den Menschen, mit denen sie jeden Mittwoch hier am Geländer steht, um einen heißen Kaffee und ein paar Lebensmittel zu bekommen.







