Kraniche stehen auf einem Feld, in Sassen brennen Mülltüten auf einem der vorpommerschen Frühlingsfeuer. In Loitz torkelt ein Mann mittleren Alters hinter der Sparkasse entlang. Eigentlich hatten wir bei “Anni’s Eis” sonntägliche Erfrischung an diesem frühen Frühlingstag schmecken wollen. Jetzt fallen auch die vier jungen Männer wieder auf, die mit Wegbieren in der Hand und szenetypischer Kleidung als nationale Ortsstreife an uns vorbeipatrouillierte. Vor dem Kauf mehrerer Tüten Softeis begrüßt uns dann auch noch der Frakturschriftzug “Pommern – Land am Meer” von einem großen Busen, der sich in der Mitte zwischen blondiertem Haar und Lippenpiercing und zu enger schwarze Hose über Springerstiefeln wölbt. Das köstlich Eis an diesem Frühlingstag genießen wir ein paar Minuten später auf dem Parkplatz vor der Sparkasse, ein junges Paar setzt sich auf die Flechtdraht-Sitze unter einem kleinen Nadelbaum und beginnt fingerzeigend zu lästern als wir uns wieder ins Auto setzen.
Wir fahren in Richtung des Kirchturms durch die enge Hauptstraße, begleitet von leeren Fensterhöhlen und Schaufenstern, gerahmt von grauem Putz. “Kirche offen” verspricht ein roter Schriftzug auf weißem Grund am Zaun des Kirchhofs. Das Schloss der Tür zur weißen Marienkirche bricht das Versprechen. Eine eng bedruckte Tafel erzählt deutsch, englisch, schwedisch und polnisch die Geschichte und bleibt nicht in Erinnerung. Das Schiff der Kirche ist ungewöhnlich lang, in den Schatten der Kirche drängen sich hübsche, zweigeschossige Häuser.
Durch den Rest des Steintors schauen wir vor die Stadt, ein Star knattert jenseits des alten Stadtgrabens die kleine Steigung zur Hauptstraße hoch. Vorbei am Geländer drücken wir uns über die gesperrte alte Brücke vor die Altstadt. Wir folgen dem mottrigen Weg entlang des Grabens, links die Rückseiten der Stadthäuser mit kleinen Gärten, Schuppen und wachsamen Hunden. Rechts eine Ansammlung von Zäunen und mit schwarzer Dachpappe gedeckten, aus Altholz und Fensterrahmen zusammengenagelter Hühner- und Hundeställe. Ein kleines, handgemaltes Schild weist auf “Pachtland” hin. Reste der winterlichen Peene haben das Pachtland in einen grün-grauen Pachtsumpf verwandelt. Eingeklemmt zwischen zwei Trampelpfaden und Zäunen harrt das kleine Stück eines neuen Pächters.
Rechts schimmert durch eine Baumreihe die Peene. Braungrüngrau liegt sie zwischen Erlen, beschienen von einer faheln Sonne hinter hohen Wolken. Der Weg am Graben biegt nach links, der Graben endet in einem grauen Rohr über das ein weicher, schwarzer Weg zu einer großen Baustelle führt. Über den Fluss führen zwei metallene Treppenstiegen, die in einiger Höhe in einen Stahlträgerkäfig münden. Der Brückenboden ist aus hölzernen Bohlen gezimmert, die Brücke schwingt in unserem Gleichschritt als wir über die Peene gehen. Im Spiel des Lichts scheint das Wasser in Richtung Demmin davon zufließen, Schilfhalme, eine Flasche und graue Bläschen schwimmen dem Anschein entgegen, hinzu dem großen roten Speicher auf der anderen Seite in Richtung Anklam.
Die Baugruben am städtischen und jenseitigen Ufer wecken das Interesse der mitgereisten Historiker. Wie alt mögen die Bohlen sein, die dort schlammverkrustet neben der mit stählernen, rostig-stumpfen Spundwänden gesicherten Baugrube liegen? Die fest vermörtelten, rot leuchtenden Backsteine im Baufeld Stadtufer aus dem Fundament der alten Drehbrücke, die hier einst stand werden eingehend untersucht. An der Bauabsperrung stehen derweil drei ältere Herren. Einer groß, mit schiefen Zähnen, rot-violettem Gesicht und blauem Handwerkerdrillich, einer klein, grau im Gesicht mit blauer Schiffermütze, einer gedrungen, feiste Backen, viereckige Brille und Halbglatze ins Gespräch vertieft. Sie müssen sehr alt sein, denn sie sprechen von der Arbeit als Steinhauer, die sie hier am Brückenfundament verrichtet haben wollen.
Am städtischen Peene-Ufer ist die alte Kaikante neu gebaut worden. Schlichte Nachwende-Betonästhetik am Wasserrand und dem Pflaster des Weges. Parallel zum Ufer, dann einer neunzig Grad Linkskurve folgend, wird der Verkehr von der neuen Straßenbrücke abfließen. Am großen alten Speicher vorbei fließt die Peene, die Kaikante nur noch touristisch, Getreide wird hier schon lange nicht mehr verladen. Die Peene wälzt sich bald nach rechts, alte Bootshäuser folgen ihrem Lauf. Wir sehen den alten, herausgeputzen Bahnhof der Stadt. Preußischer Standardbahnhof vom Beginn des 20. Jahrhunderts, links der alte Güterschuppen, in der Mitte das Hauptgebäude, rechts das Café. Davor die Treppe hinab zur städtischen Marina. Kein Gleis führt mehr hierher, dafür Radwanderkarten und die Tür zu Kaffee und Kuchen ist auch jetzt schon in der Vorsaison geöffnet.
Die Gleise führten einst auch zur Stärkefabrik, die schloss 1999. Gras sprießt aus Betonflächen, Lagerhallen verfallen beim Zuschauen. Dem alten Bahndamm folgen wir wieder in die Stadt und suchen ein ganz besonderes Haus, vorbei an einer bunten Graffitti-Diskussion über Rechtsextremismus, den Widerstand dagegen und die politischen Lager der Stadt. In der Heilgeiststraße finden wir das Haus. Aufgeschichtet aus Feldsteinen, die Eingangstür alt-rot und wohl noch aus dem Barock. Die Geschosse sind höher als bei den anderen Ackerbürger-Häusern der Stadt. Es hat sich anscheinend schon jemand an einer Sanierung versucht, die Fenster sind noch jung, ein Blick ins Innere des Hauses zeigt Arbeitsspuren, die an alten Kachelöfen vorbeiführen. Schafe blöken ein paar Meter weiter. Mitten in der Stadt stehen 4 graue und ein schwarzes Schaf auf einem Stück Brachland. Der Schafsbesitzer rollt in einem blauen Twingo auf den sandigen Stellplatz neben der kleinen Brachlandkoppel. Der kleine Schafbock nimmt Anlauf, der Schäfer hebt seinen Fuß, wendet die Schuhsohle dem heranspringenden Nock entgegen und lässt ihn gegen die Sohle prallen. Der Schäfer lacht, der Bock nimmer wieder Anlauf.
In der Breiten Straße, nur wenig weiter, eine ganze Häuserzeile leer, zwei Häuser fehlen schon, eine Lücke ist zum Parkplatz geworden. Ein Kaufhaus, ein Lebensmittelgeschäft und ein Schuhhändler waren hier einmal. Der Historiker weist darauf hin, dass hier ein Haus auf ein älteres gebaut wurde. Das Balken-X des älteren Hauses steht mitten in der Hauswand, rundherum weitere schwarze Balken bis zum meterweit höher liegenden Dach. Eine blassblaue Tür führt über dem Erdgeschoss direkt in die Luft der Parkplatzlücke. Die Fenster auf den Rückseiten der Häuser stehen offen, das Fachwerk hat Löcher und Spatzen fliegen aus und ein.
Gegenüber steht ein graues, unscheinbares, zweigeschossiges Haus zum Verkauf. Vier Familien könnten darin Platz finden, es macht noch einen ordentlichen Eindruck. 5000,- Euro soll es kosten, das steht im Aushangkasten vor dem Rathaus. Dieses Rathaus ist eines der wenigen Schmuckstücke im Ort, am gepflegten Marktplatz steht es in weichem orange-weiß als ehrwürdig-fröhlicher Farbklecks in der sonst so grauen Stadt. Auf dem Rückweg durch Sassen kündet eine schwarze, steil aufsteigende Rauchsäule davon, dass noch Müllsäcke im Feuer liegen. Die Kraniche stehen nicht mehr auf dem Feld.
Kraniche stehen auf einem Feld, in Sassen brennen Mülltüten auf einem der vorpommerschen Frühlingsfeuer. In Loitz torkelt ein Mann mittleren Alters hinter der Sparkasse entlang. Eigentlich hatten wir bei "Anni's Eis" sonntägliche Erfrischung an diesem frühen Frühlingstag schmecken wollen. Jetzt fallen auch die vier jungen Männer wieder auf, die mit Wegbieren in der Hand ...