Landesteilung dank Museum

April 25th, 2010

Ein Land – vier Teile. Historiker legen Wert darauf, dass Mecklenburg-Vorpommern aus den zwei Mecklenburgs – Schwerin und Strelitz – Vorpommern und ehemals brandenburgischen Gebieten zusammengefügt wurde. Für die Darstellung der Landesgeschichte ist das eine Herausforderung. Vorpommern hat bereits ein eigenes Landesmuseum in Greifswald, die Mecklenburgs haben keins. Das ist nach einhelliger Meinung des Landesmuseumsverbandes und des Bildungsministeriums finanziell nicht machbar. Der Landesmuseumsverband hat daher eine kostengünstige und moderne Alternative entwickelt.  Seit 2006 sind in 12 mecklenburgischen Museen Computerterminals aufgebaut und Broschüren ausgelegt worden, die einen Pfad durch die die Geschichte des mecklenburgischen Landesteils in einer „Dezentralen Landesausstellung“ bilden. Die „Landesausstellung“ hat allerdings einen entscheidenden Haken. Mecklenburg-Strelitz blieb komplett außen vor.

Zwei Mecklenburgs und nur eine Ausstellung für das größere Mecklenburg

Es gibt nur eine „Dezentrale Landesausstellung Mecklenburg-Schwerin“. Frank Saß, der Leiter des Museums in Burg Stargard in Mecklenburg-Strelitz, findet das sehr ärgerlich. Er machte sich im Landesmuseumsverband lautstark Luft, wütete gegen den Verband, der das Projekt angeschoben und verwirklich hatte. Saß meint: „Das ist in meinen Augen die neueste Landesspaltung von Mecklenburg.“ Auch Neustrelitz und Neubrandenburg sind nicht dabei, obwohl sie zum einen Haupt- und zum anderen Residenzstadt des kleineren Mecklenburgs waren.  Der Vorsitzende des Landesmuseumsverbandes, Dr. Steffen Stuth, kann nur im Rückblick nachvollziehen, warum es die Aufspaltung gab. Er sagt: „Das hat sich aus der Projektentwicklung so ergeben, dass es Mecklenburg-Schweriner Museen waren.“ Mecklenburg-Schweriner Kollegen trafen sich, um die „Dezentrale Landesausstellung“ zu konzipieren. Federführend am Projekt „Dezentrale Landesausstellung“ beteiligt waren Dr. Wolf Karge, der ehemalige Chef des Museumsverbandes, der schon 2004 ein ähnliches Projekt anschieben wollte, und Jürgen Schwarnweber vom „Museum Festung Dömitz“. Beide sind Mecklenburg-Schweriner und ausgewiesene Kenner der mecklenburgischen Landesgeschichte.

Unter sich – Mecklenburg-Schweriner beraten und beschließen

Als mögliche Teilnehmer an einer „Dezentralen Landesausstellung“  wurden ausschließlich Museen in Mecklenburg-Schwerin identifiziert und in der Projektbeschreibung heißt es kategorisch: Ziel der dezentralen Landesausstellung soll die Vermittlung der politischen, wirtschaftlichen und lebensweltlichen Strukturen des historischen Territoriums von Mecklenburg-Schwerin sein. [...] Eine Einbindung oder ähnliche Form für Mecklenburg-Strelitz soll optional bleiben.“ Der Landesmuseumsverband, der sich als Interessenvertreter der Museen aller Landesteile versteht, stellte mit eben diesem Wortlaut einen Förderantrag an das Bildungsministerium.  In den Jahren 2006, 2007 und 2008 förderte das Ministerium das Vorhaben mit insgesamt 71.300 EURO, obwohl es die Museumslandschaft kategorisch spaltet. Das Ministerium begründet seine Entscheidung damit, dass man sich auf die Fachleute des Museumsverbandes verlassen habe. Johanna Herrmann, Pressesprecherin des Bildungsministeriums schreibt dazu: „Die Fachleute des Museumsverbandes haben eingeschätzt, dass eine Einbeziehung von Mecklenburg-Streltiz zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht leistbar ist.“

Mecklenburg-Strelitzer fühlt sich übergangen

Der Burg Stargarder Frank Saß sagt, er und seine Kollegen in Mecklenburg-Strelitz seien in die Entwicklung des Projekts gar nicht einbezogen worden und hätten erst Ende 2006, kurz vor dem Start der „Dezentralen Landesausstellung Mecklenburg-Schwerin“ Anfang 2007, davon erfahren. Er fühlte sich vor vollendete Tatsachen gestellt und seitdem habe sich auch nichts mehr in Richtung Mecklenburg-Strelitz bewegt. Er behauptet: „Also uns wurde nicht die Chance gegeben unseren Landesteil dort zu vertreten, weil wir gar nicht in die Planungen mit einbezogen waren.“ Mecklenburg-Strelitz ist für Besucher der „Dezentralen Landesausstellung Mecklenburg-Schwerin“ unsichtbar. Mehr noch: Touristen werden geradewegs an Mecklenburg-Strelitz vorbeigeleitet, wird an den Computerterminals und in den Broschüren doch nur auf die angeschlossenen mecklenburg-schwerinschen Museen verwiesen. Frank Saß wird dabei bitter: Für den, der nicht aufmerksam liest, dass im Kleingedruckten steht ‚Herzogtum Mecklenburg-Schwerin in den Grenzen von sowieso’, der denkt: Mecklenburg ist nicht größer. Und wir haben manchmal sowieso hier in der Gegend den Eindruck, dass die Urlauber denken jenseits der Müritz kommt Polen.“

Eine Erweiterung ist denkbar – mehr ersteinmal nicht

Museumsverbandschef Dr. Steffen Stuth kann allerdings kein Problem für eine Weiterentwicklung der „Dezentralen Landesausstellung“ entdecken, weil sie offen konzipiert worden sei und auch erweitert werden könne. Kann – mehr erst einmal nicht, konkret geplant ist nämlich nichts. Das Projekt „Dezentrale Landesausstellung Mecklenburg-Schwerin“ ist ohnehin abgeschlossen. Im Verband gebe es aber Überlegungen, so Stuth und er räumt ein: „Da sind wir noch zu keinem Ergebnis gekommen. Aber wir wollen es weiterentwickeln, wir wollen es räumlich ausdehnen, wir wollen es inhaltlich ausdehnen.“ Frank Saß aus Burg Stargard hofft nun, dass in den angekündigten Gesprächen die kategorische Spaltung der Museumslandschaft überwunden werden kann: „Ich glaube, man hätte ein bisschen weiter über den Tellerrand gucken müssen und sagen: Strelitz gehört doch dazu.“ Am Sonntag trifft sich der Landesmuseumsverband zu seiner alljährlichen Frühjahrstagung, die Zunkunft der Museen des Landes ist dabei das Schwerpunktthema.

Bilderrätsel

März 19th, 2010

Heute beim großen Online-Kaufhaus. Die Suchauswahl bezog sich auf Indie und Alternative und dann das:

Musikauswahl

Kein Blut aus der Muschi

Februar 28th, 2010

Von den Wänden starrt Putz, abgeplatzt und grau macht er das Licht im Raum schäbig. Es riecht nach Hundescheiße und ein dumpfer, muffig-feuchter Geruch wie alter, nasser Teppich steht zwischen der Decke und dem abgeranzten Fußboden. Hier im Wohnzimmer sollten eigentlich Möbel stehen und das Gespräch stattfinden, das per Brief und Anruf angekündigt worden war.

Hilflos steht Sabine händeringend mitten in dem kahlen Zimmer. Ihr gegenüber die Respektsperson vom Amt. Mitte Vierzig, gut gekleidet und mit einem mütterlich-resignierten Blick schaut Frau Haseloff sich kopfschüttelnd seit ein paar Minuten in der Behausung um, die in in zwei Wochen Sabine und ihr Baby plus Freund beherbergen soll. Das Mädchen steht hochschwanger im Raum, ringt die Hände, weiß irgendwie, dass es so nicht geht und doch nicht weiter. “Was soll ich denn machen, ich kann doch nicht, schauen Sie mich doch an.”, jammert sie. “Deswegen habe ich dir doch gesagt, dass du dir Hilfe organisieren sollst. Ich hab dir sogar aufgeschrieben, was du wo bekommen kannst. Das dein Freund jetzt malert ist doch schon schön, aber wo sind die Möbel? Wo ist die Ausstattung, die wir dir von der AWO besorgt haben?”, fragt Haseloff. “Weiß ich nicht. Irgendwo in den Tüten.”, gibt sich Sabine hilflos. Die Tüten, das sind unzählige blaue Plastikmüllsäcke, die überall in der Wohnung verteilt herumliegen – mal einzeln, mal gestapelt. Martin, der Freund, schimpft und rumpelt im Schlafzimmer, immer wieder schießen wüste Flüche durch den Türspalt, knallt irgendetwas dumpf gegen die Wand und auf den Fußboden. Der beißwütige Köter des Pärchens kläfft im Bad und randaliert.

Frau Haseloff ist das erste Mal in der neuen Wohnung und eigentlich war vereinbart, dass so kurze Zeit vor der Geburt alles fertig sein sollte. Frau Haseloff schüttelt den Kopf, knurrt und schaut sich weiter um. ‘Irgendwie passt das wieder alles’, denkt Haseloff bei sich. ‘ Zum Ficken zu blöd und jetzt nix auf die Reihe bekommen. Ich werd’ noch bescheuert.’ Sabine wollte nicht schwanger sein. Das zierliche Mädchen mit den Zöpfen bekam irgendwann Bauch. Das war kein Bauch, den man bekommt, wenn man zuviel isst oder trinkt oder beides gleichzeitig. Der Bauch begann zu tief, war keine Futtermurmel und wuchs zu gleichmäßig. Frau Haseloff fiel das auf, denn Sabine hat schon seit Jahren regelmäßig Termine bei ihr.

Man kennt sich; Sabine war nämlich eigentlich ein Bauchschmerz ihrer Mutter. Die war – schwer übergewichtig – vor 19 Jahren ins Krankenhaus gekommen, klagte über Bauchweh und war zwei Stunden später Sabines Mutter. Der Bauchschmerz war lästig, 13 Jahre lang, dann nahm Bacchus seine größte Anhängerin zu sich. Frau Haseloff  fand sie damals, erstickt an ihrer eigenen Kotze, auf ihrem Bett liegend. Und jetzt riecht es hier wie damals und fühlt sich genauso hoffnungslos an.

Das Mädchen fing an zu weinen, als Haseloff im Büro sagte. “Du bist doch schwanger. Das seh ich doch.” “Nein, nein, nein, das stimmt nicht!”, hatte Sabine noch zurückgefaucht. Nur wenig später saßen beide beim Amtsarzt und als der sagte: “Sie sind schwanger junge Frau.”, brach Sabine fast zusammen. Da war sie schon im fünften Monat. “Es kam doch kein Blut aus der Muschi! Seit ich die Pille nehme ist das so. Da kann ich doch nicht einfach so schwanger sein. Das geht doch nicht. Ich bin nicht schwanger!”, stellte sie weiterhin trotzig fest. Einfühlsam versuchte der Arzt ihr nochmal zu erklären, dass da ein Kind in ihrem Leibe wachse. Sie hat dann viel geweint und es irgendwann akzeptiert, verstanden wohl nicht.

Plötzlich war soviel zu tun – zuviel zu tun. “Frau Haseloff, ich geb mir aber Mühe. Ich versuch’ das wirklich. Dann klappt das auch.”, gab sie sich entschlossen. Einen langen, aber leicht verständlichen Zettel mit Ansprechpartnern und Telefonnummern und sogar den Fragen, die sie stellen sollte, machte Frau Haseloff fertig, damit schickte sie Sabine los. Und jetzt stehen sie in diesem stinkenden Trümmerhaufen. Haseloff reibt sich die Schläfen, dahinter rumort es. ‘Verdammt nochmal. Hab ich jetzt Mist gebaut? Ich hab ihr doch hinterhertelefoniert. Alle gefragt, ob sie wirklich da war und ihren Krempel organisiert. Scheiße. Und jetzt das hier.’, denkt sie. “Da müssen wir aber noch einiges tun.”, sagt sie. “Aber das geht doch voran!”, brüstet sich Sabine. Haseloff macht noch ein paar Schritte durch das Durcheinander, schreibt ein paar Notizen in ihren Block und geht.

Getroffen

Februar 9th, 2010

Geschäftsführer

Senator

Gewerkschafter

Abgeordneter

Historiker

Landschaftsökologin

Journalistin

Journalist

Postbotin

Geschäftsfrau

Stadtführerin

Studentin

Musiker

Literaturwissenschaftlerin

Sportlehrer

Gutachterin

Vermieterin

Imbissverkäuferin

Gaststättenbesitzer

Schnafferin

Lokführer

Frost und Schnee und Ruhe

Februar 9th, 2010

Auf der Insel Usedom kann man prima von Swinemünde nach Heringsdorf wandern, immer am Strand entlang. Bei frostigem Winterwetter macht das besonders viel Spaß, zumal man unterwegs auf einem alten Fischerboot sein Picknick bequem verspeisen kann.

Einlaufschmerz

Februar 8th, 2010

Heinz Rudolf Kunzes “Dein ist mein ganzes Herz, du bist mein Reim auf Schmerz” scheppert aus den Boxen. In diesem Moment, zu dieser Zeit, bei diesem Wetter ist es das passende Lied für ihn, um ihr zu sagen, dass er sie wirklich liebt. “Hä?”, fragt sie mit verzogenem Gesicht, nach kurzem, nur halb konzentriertem Hinhören. “Was singt der?”, bekräftigt sie und lacht schallend los. “Einlaufschmerz?”

Schneelast im Nordosten

Januar 30th, 2010

Stefan und Wiebke wohnen im kleinen Dorf Dersekow bei Greifswald. In der Nacht vom Freitag zum Samstag sind die beiden gemeinsam mit den anderen Dersekowern eingeschneit, das Dorf war von der Außenwelt abgeschnitten. Selbst der legendäre, traktorgestützte dörfliche Winterdienst konnte gegen die Schneemassen nichts ausrichten. Zum Größenvergleich: Stefan ist etwa 2 Meter groß, der Schneehaufen, neben dem er hier zu sehen ist, kam als Wehe und Schneeablageplatz nach der Gehwegräumung zustande.

Frau gegen Frau im Schnee

Januar 17th, 2010

Draußen faucht Sturmtief Daisy mächtig und wirbelt Schnee über die Äcker, direkt auf die Straßen. Kathleen Dehmel arbeitet im Cockpit ihres 18 Tonnen-LKWs dagegen an. Die 27jährige mit den dunkelblond-gelockten Haaren fährt für die Straßenmeisterei Kröpelin im Winterdienst.

Kathleen Dehmel im Cockpit ihres Iveco-Schneeräumfahrzeugs

Kathleen Dehmel im Cockpit ihres Iveco-Schneeräumfahrzeugs

Vom Einsatzleiter hat sie vor wenigen Minuten ihre Räumungs-Route für bekommen. „Wir fahren jetzt von Kröpelin nach Kühlungsborn und dann nach Neubukow. Das ist erstmal unsere Richtung.“, sagt Dehmel. Mit 22 Kollegen ist sie derzeit in 3 Schichten im Einsatz. 14 Räumfahrzeuge sind unterwegs, um die Straßen im westlichen Landkreis Bad Doberan freizuhalten. Sie macht den Job aus purer Begeisterung. „Das ist schon schön, wenn der Schnee vom Pflug so zur Seite fliegt. Das macht richtig Spaß. Und die Technik hat mich auch immer interessiert. Man ist auch draußen in der Natur und sieht, was man macht.“, erklärt die junge Frau. Der Sturm schleudert immer mehr Schnee auf die Straße. Schon kurz hinter Kröpelin liegen die ersten Verwehungen. Routiniert drückt Demel den kleinen Hebel am Pult rechts neben sich, um den Schneepflug zu senken und drückt einen darunterliegenden, grünen Knopf. „Damit mach ich den Streuer an. So, jetzt sind wir durch. Ich mach das Pflug wieder hoch. Fertig.“, sagt sie fröhlich. Das war noch leicht. Als der LKW wenig später aus der Kühlung – dem Waldstück vor Kühlungsborn – herausfährt, ist die Straße vom Schnee verschluckt und dichte Schneewirbel drücken heftig gegen den LKW. „Man sieht die Straße ja gar nicht mehr. Oh!“, ist Dehmel kurz überrascht.

Kurz vor dem Ortsausgang Kühlungsborn in Richtung Wittenbeck.

Kurz vor dem Ortsausgang Kühlungsborn in Richtung Wittenbeck.

Wie eine weiße Wand stehen die Schneewehen bis in die Straßenmitte. Kathleen Demels Blick ist hochkonzentriert, mit fester Hand hält die zierliche Frau das Lenkrad unter Kontrolle. Der LKW rüttelt, kämpft, tanzt und bricht hinten leicht aus. „Man muss dann mit ruhiger Hand gegenhalten und auf die Bewegungen des LKW achten.“, sagt sie routiniert. Gefühlvoll gibt sie Gas, kuppelt und schaltet – der LKW brummt mächtig, bleibt aber nicht stehen. Bis nach Kühlungsborn bleibt das Schiebeschild unten. Im Ort fährt sie auf einen Parkplatz und telefoniert mit der Einsatzleitung. „Die Straße wird immer enger, da müsste man nochmal drüber.“, schätzt sie ein. Die Räumungsroute wird verkürzt aus der Einsatzzentrale verkürzt. Dehmel muss jetzt die wichtige Verbindung zwischen Kühlungsborn und Kröpelin offen halten, entscheidet der Einsatzleiter nach ihrer Einschätzung. „Wir fahren da jetzt noch dreimal rauf und runter, dann dürfte die Straße wieder offen sein.“, gibt Dehmel sich zuversichtlich. Aber die Räumung ist schwieriger als gedacht. „Man sieht ja fast gar nichts mehr. Das weht ganz schön heftig rüber.“, sagt sie angespannt. An den Bäumen orientiert sich Dehmel jetzt und den Leitpfosten, wo sie noch zu sehen sind. Ins Schwitzen kommt sie dabei aber nicht. „Das ist ja nicht viel anders als PKW fahren. Man hat hier nur mehr Gänge. Das lernt man schnell.“, bemerkt sie. Dreimal räumt Kathleen Dehmel die Straße, dann fährt sie zurück zur Zentrale. Von dort geht es mit neuen Anweisungen wieder los.

Kathleen Dehmel vor ihrem Iveco.

Kathleen Dehmel vor ihrem Iveco.

Langweiliger Straßenbahnjob

Januar 15th, 2010

Seitlich gebeugt sitzt die Fahrerin der großen, gelben Straßenbahn in ihrem Cockpit. Leise summend fährt ihre tonnenschwere Maschine an. Auf der Kreuzung vor ihr, nur wenige Meter entfernt, eilen noch immer Menschen über die Gleise. Wie so oft an der Ecke Müllerstraße/Seestraße rennen die Fußgänger über die Kreuzung, bemerken dabei aber nicht, dass die Ampel für die Kreuzung der Straßenbahngleise Rot zeigt, weil eine Tram kommt und Vorrang hat. Schon oft hat es hier beinahe zwischen Mensch und Maschine gekracht und die Bimmel der Straßenbahn lang und aufgeregt geklingelt. Nur heute eben nicht, als sie den einen letzten Sprinter vor sich nur knapp verfehlt. Die Warnbimmel war nicht zu hören. Entspannt zur Seite gebeugt, rollt die Fahrerin an die Haltestelle und während sie an mir vorbeifährt sehe ich, wie die junge Frau mit den rötlichen Haaren auf einem Handy herumtippt. Auf der Straße ist es ihren Augen wohl zu langweilig.

Alt, arm, charmant – Omi Vera überlebt

Januar 7th, 2010

Sie ist nur knapp höher als das Geländer an den Treppen, die zum kleinen Teich im Park führen. Sie lacht laut und kichernd und dabei strahlen ihre blauen Augen. Die grauen Haare stehen unter der lila Strickmütze hervor, die Haut ihrer Hände ist hell und faltig, die Fingerspitzen sind violett, denn Omi Vera ist kalt. Seit einer halben Stunde steht sie hier am Geländer zusammen mit 10 anderen Menschen. Sie ist die älteste und fröhlichste in der Gruppe. Sie sagt, dass ihr die Kälte nichts ausmache, weil sie doch minus 20, ja minus 25 Grad gewöhnt sei. Damals in Breslau gab es auch erst schulfrei, wenn es mindestens minus 20 Grad kalt gewesen sei. Omi Vera wartet jetzt in Rostock auf einen heißen Schluck Kaffee, viel lieber aber einen Glühwein. Die heiße Bockwurst schmeckt ihr auch gut und ein paar Lebensmittel kann sie auch noch in die große schwarze Handtasche packen. Nur ein paar Bananen, ein wenig Gemüse, ein Brot und zwei, drei Schokobrötchen kommen da hinein. Ihren Porsche oder Mercedes oder Ferrari hat sie direkt vor der Motorhaube des Wohnmobils der Obdachlosenhilfe geparkt. Der Rollator hilft ihr sehr und ist neu. Eine Bekannte wollte sich das Gefährt auch schon einmal ausleihen, Omi Vera gibt ihn aber nicht her, sonst käme der bestimmt nicht zurück. Er hat ja auch Geld gekostet und nicht wenig. 8 Euro musste sie der Krankenkasse dazubezahlen, um ihren Ferrari zu bekommen. Er ist auch viel leichter die sechs Stufen zu ihrer Wohnung hinaufzutragen und sie deutet an, wie sie ihn schultert. In der kleinen Wohnung wartet ihr Mann von 80 Jahren. Schwerhörig und gehbehindert ist er und kein guter Gesprächspartner mehr. Sie sorgt für ihn, muss aber immer wieder raus, weil sie doch den Kontakt zu Menschen brauche. Man müsse ja mit jemandem reden, sonst falle einem die Decke auf den Kopf, sagt sie nachdenklich. Na und die Rente gebe auch nicht viel her. 215 Euro im Monat bekommt Omi Vera ausgezahlt. Zusammen mit der Rente ihres Mannes reicht das gerade für Miete, Strom, Telefon und das Allernötigste. Übrig bleibe von dem Geld gar nichts und deswegen müsse sie auch sehen, wo sie günstig etwas herbekomme. Sie geht den beschwerlichen Weg zur Suppenküche allein, schiebt ihren Ferrari dabei über ausgekundschaftete Wege, die, wie sie sagt, leicht zu passieren seien. Dadurch braucht sie manchmal länger, kommt aber trotzdem ans Ziel. Eine warme Mahlzeit für 1,10 Euro kann sie dann bekommen und sie nimmt auch immer ein Eimerchen mit. Omi Vera zeigt mit ihren kleinen Händen, wie groß das Eimerchen ist, das sie immer ordentlich voll machen lasse, damit sie ihrem Mann auch etwas mitbringen kann. Sie lacht herzlich, offen und breit und sucht den Kontakt zu den Menschen, mit denen sie jeden Mittwoch hier am Geländer steht, um einen heißen Kaffee und ein paar Lebensmittel zu bekommen.