Seitlich gebeugt sitzt die Fahrerin der großen, gelben Straßenbahn in ihrem Cockpit. Leise summend fährt ihre tonnenschwere Maschine an. Auf der Kreuzung vor ihr, nur wenige Meter entfernt, eilen noch immer Menschen über die Gleise. Wie so oft an der Ecke Müllerstraße/Seestraße rennen die Fußgänger über die Kreuzung, bemerken dabei aber nicht, dass die Ampel für die Kreuzung der Straßenbahngleise Rot zeigt, weil eine Tram kommt und Vorrang hat. Schon oft hat es hier beinahe zwischen Mensch und Maschine gekracht und die Bimmel der Straßenbahn lang und aufgeregt geklingelt. Nur heute eben nicht, als sie den einen letzten Sprinter vor sich nur knapp verfehlt. Die Warnbimmel war nicht zu hören. Entspannt zur Seite gebeugt, rollt die Fahrerin an die Haltestelle und während sie an mir vorbeifährt sehe ich, wie die junge Frau mit den rötlichen Haaren auf einem Handy herumtippt. Auf der Straße ist es ihren Augen wohl zu langweilig.
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Langweiliger Straßenbahnjob
Freitag, Januar 15th, 2010Des Nächtens
Sonntag, Oktober 5th, 2008miescha
Es gibt Abende, dann kann man ihn riechen. Er liegt als penetrant feiner Hauch in der Luft, der Stress in Berlin. Dann kriechen sie aus ihren Vierteln, rotten sich an Haltestellen zusammen, massieren sich ständig die Eier, verströmen billiges After Shave und Duschgel.
Mit zurückgegelten Haaren oder Glatze – je nach Bezirk – icken und ischen sie ihre halbseidenen Poser-Storys in die Nacht. Uniformiert in gerade angesagten Markenklamotten oder Szene-Fashion klopfen sie sich ständig auf die Schulter und ziehen irgendwann los.
Wenn ich an solchen Abenden mit Bus und Bahn nach Hause fahre, weiß ich, dass der nächste Morgen überreich an Polizeimeldungen sein wird.
Durchsagen gehen durch und durch
Donnerstag, September 25th, 2008Berliner U-Bahnfahrer: Oft dick, mit wenigen Haaren oder Vokuhila-Fifi und immer sprachgewaltig. Sie sind die heimlichen Mikrofonstars Berlins, denn die Rampensäue im Führerhaus scheuen sich nicht im grellen Licht der U-Bahnhofs-Bühnen ihre Kunst zu zeigen.
Szene 1:
Ein schmaler Bahnsteig, flackerndes Neonlicht. Die U-Bahn-Stimme sagt: “Einsteigen bitte!”, vereinzelte Fahrgäste springen noch hinein. “Zurückbleiben bitte!”, sagt die U-Bahn-Stimme, da kommt ein langhaariger junger Mann noch angesprungen, die Türen schließen sich bereits, er greift beherzt in den immer kleiner werdenden Raum zwischen den Türen und stemmt sich gegen den Schließvorgang. Er will unbedingt noch mit. Da knackt es kurz, rauscht und plötzlich donnert es aus den Lautsprechern: “Welschen Tail von zurückbleim bitte ham sie nisch vastanden?” Der Nachzügler schaut wie vom Donner gerührt und lässt los. Die Türen schließen sich, die Fahrgäste schmunzeln, die U-Bahn fährt los.
Szene 2:
Mitten in einer Wochenendnacht. Der U-Bahn-Wagen riecht schon ein bisschen wie Kneipe, eine Bierflasche durchrollt klimpernd immer wieder das Abteil. Vier Jungs in viel zu weiten Hopper-Klamotten lümmeln auf den Polstern. An der nächsten Station steigen sie aus. Die Bahn fährt wieder an. Die Jungs schlagen mit ihren Händen und Füßen gegen die Wagen. Abrupt stoppt der Zug. “Na Jungs, stischt der Hafer oder wat?”, klingt es abgeklärt es aus den Lautsprechern.
Ypsilantis Telefonproblem
Sonntag, September 21st, 2008Andrea Ypsilanti ist einem so genannten “Spaß-Telefonat” des niedersächsischen Privatsenders ffn auf den Leim gegangen, sie wollte das Gespräch nicht freigeben, ihr Fraktionsgeschäftsführer Mende hat die Ausstrahlung dann endgültig untersagt. Das Gespräch tauchte aber einen Tag später in einer durchproduzierten Version bei You Tube und anderen Videoportalen auf. Soweit so bekannt.
In einschlägigen Foren wie diesem wird eifrig über das Telefonat und seine Veröffentlichung debattiert. Den dämlichsten Beitrag lieferte allerdings am 19.09. ein Mann, der es eigentlich besser wissen müsste. Christoph Lemmer, Radiojournalist in Berlin, drückte sich ein buntes Potpourri aus Halbwissen und politischer Meinungsmache aus dem Rücken. Reichweitenstark, die Internetseite Radioszene.de wird stark von Radiomachern und -hörern frequentiert.
Nach der Lektüre des Artikels habe ich mich gefragt, wie er wohl reagierte, wenn man ihn telefonisch danach fragte, ob er die süße Senderchefin damals wirlich gebumst habe, um den Job als Nachrichtenchef zu bekommen und die Antwort dann so breit wie möglich veröffentlichte. Oder nach den demokratischen Prinzipien in Redaktionen von Privatsendern oder seinem Parteibuch oder seinen Gehaltsverhandlungen, dem Gesundheitszustand seiner kranken Mutter, seiner Bewerbung bei einem anderen Sender, obwohl er noch festangestellt ist….Das ließe sich beliebig lange fortsetzen…
Langweiler im Kostüm
Mittwoch, September 17th, 2008Dorotee Bär (30) und Carsten Schneider (32) sind die jüngsten Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Und sie sind furchtbar langweilig, zumindest morgens im ARD-Frühstücksfernsehen. Frau Bär sieht aus wie ihre eigene Großmutter, Herr Schneider guckt einfach nur verkniffen. Beide erzählen Werner Sonne, der immer aussieht wie sein eigener Großvater, wie toll die Arbeit der Großen Koalition doch sei, was man alles erreicht habe, dass die Medien schon den Wahlkampf ausriefen, die tägliche Sacharbeit spiele dagegen kaum eine Rolle. Da standen Friede, Freude und Eierkuchen im Gespräch und die Zeit wollte nicht vergehen. Warum gleich wurden sie interviewt? Ich hab’s vor lauter Gähnen vergessen.
Oliver Pocher als Berufsberater
Dienstag, September 16th, 2008Die Bundesagentur für Arbeit hat heute Vormittag ihre neue Berufsberatung Planet Beruf im Internet gestartet. Mit Oliver Pocher als Moderator vor mehreren hundert Schülern im Tempodrom in Berlin. Ich habe mich dorthin getraut.
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Humboldt verloren
Dienstag, September 9th, 2008In teuren Jeansklamotten, dunkelhäutig und mit nervösem Blick steht er an einer Häuserecke in Berlin. Mit beiden Händen fest umklammert hält er ein kleines schwarzes Buch. Viele Menschen laufen an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Auch ich schlendere erstmal weiter, besinne mich aber, denn er spricht die Menschen ganz verschüchtert an. Irgendwie hilflos und fragend, nicht so wie die Typen von der Jehova-Bande, die einem forschen Schrittes entgegen eilen, um ihr zwielichtiges Heilsverprechen an den Mann zu bringen.
Auf dem Hacken also kehrt, zwei, drei Schritte auf den Typen zu. Er freut sich, die Augen flackern aber gleich wieder nervös los. Er fingert hastig in den letzten Seiten seines kleinen schwarzen Buches herum, sagt: “Universität Humboldt?!?”, und zeigt in seinem Büchlein auf die Entsprechung in seiner Sprache. Weder des Deutschen noch des Englischen mächtig steht er verloren vor mir. Ich zeige auf das U-Bahnschild an einem Haus, nur wenige Meter von uns entfernt, sage “U-Bahn to Alexanderplatz. Then S-Bahn to Friedrichstraße.”, einfacher bekomme ich es nicht hin. Beflissen wiederholt er den ersten Namen, schon am zweiten scheitert er.
Also gut, mitnehmen den Mann, damit er hier nicht völlig scheitert. Mit der Hand zeige ich erst nochmal auf das U-Bahn-Schild, dann auf ihn und mich und gehe los. Es funktioniert! Er folgt mir. Auf dem U-Bahnsteig läuft er erstmal weiter, ich rufe ihn zurück, um auf dem Streckenplan seinen Reiseweg zu zeigen. Wieder spricht er die Worte “Alegsanderblatz, Friehndrickschdrasse?” und schaut so verloren wie eben noch im Tageslicht. Gemeinsam steigen wir in die U-Bahn. Nochmal zeige ich die Reiseroute, diesmal scheint er zu verstehen, denn ich kringele die Stationen auf einem Faltplan ein, setze mich dann ans andere Ende des Wagens.
Meine Hoffnung zerplatzt schon am U-Bahnhof Alexanderplatz. Zielstrebig läuft er in die falsche Richtung – an mir vorbei. “Hey! Follow me!”, rufe ich hinterher. Verdattert dreht er sich um, schaut kurz komisch, läuft aber doch mit, immer einen halb Schritt hinter mir her. Ecken mag oder kennt er nicht, für ihn geht’s immer nur geradeaus. Zweimal müssen wir abbiegen, zweimal muss ich ihm hinterherrufen. Fast entschuldigend guckt er mich dann an wenn wir den Weg gemeinsam fortsetzen. Wir schaffen es bis auf den S-Bahnsteig. Ich wiederhole das Friedrichstraßenmantra, skizziere noch einfachstmöglich den Weg vom S-Bahnhof zur Humboldt-Uni auf einer Seite in seinem Buch, die für Notizen vorgesehen scheint (ja ja, Berliner kennen bestimmt kürzere Wege, aber versucht mal jemandem ohne sprachliche Hilfsmittel den Umstieg in mehrere Buslinien, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite halten und ihn zur Uni bringen könnten, zu erklären).
Die S-Bahn in Richtung Friedrichstraße rollt heulend ein, ich muss in die andere Richtung. Er zeigt auf den Zug, ich nicke. Mit fragendem Blick steigt er ein, die Türen schließen sich.
Wenn ich ihn heute wieder so verloren treffe, dann nehmen ich ihn an die Hand und bringe ihn persönlich ins Studentensekretariat.
Orthografiedesaster
Montag, September 8th, 2008Verdammt nochmal. Das Bloggen mit meinem superspohisticated Telefon macht einfach keinen Spaß. Dauernd kackt der Internetbrowser ab, Texte einfügen ist dem Knochen zuviel, deshalb gibt’s immer nur die Hälfte des kopierten Texts beim Wiedereinfügen. Scheiße. Wenn ich nicht dauernd eingeloggt bleibe, schmeißt mich WordPress wieder raus. Der Text wird nicht zwischengespeichert. Schon wieder Scheiße. Und dieses Tastenfeld! Scheiß-Wahnsinn-Fickdreck-Müll-Fitzelkrempel. Alles viel zu klein für meine Griffel. Ständig vertippe ich mich, die Korrektur macht alles nur viel schlimmer. Die Worterkennung macht mich wahnsinnig, weil sie 1. das Telefonschreibgerät unheimlich verlangsamt und 2. anstatt der häufigsten Worte die seltensten vorschlägt. Aus den Mist. Einfach nur aus. Aber wo und wie? Nachgeschaut, gefunden, ausgeschaltet. Das Fummelmonster ist mir zuwider! Und daher gibt’s Ersatz.
Wenn der liebe marcus erstmal dran war, dann kann ich mit dem Ding auch telefonieren…
Ich hoffe auf und gelobe Besserung.
Nachtrag 10.09.08: Das Fummelmonster hat den Betrieb der wichtigsten Tasten eingestellt, der Browser läuft nur noch, wenn es ihm Spaß macht. Ich habe ein neues Telefon bestellt.
Freundschaftlich auf die Fresse
Freitag, August 29th, 2008Drei dicke amerikanische Mädchen in der Berliner S-Bahn. Auf Europareise und doch nur mit sich selbst beschäftigt. “Ryanair is an european airline? Right?”, fragt die eine. “Yeah, it should be. Cause it’s not flying out of L.A.!”, antwortet die andere. Mit der Antwort zufrieden wendet sich das Mädchen mit der dicken Brille und dem viel zu kleinen Oberteil dem viel wichtigeren Thema Freundschaft zu. Eine Reise nach Irland ist geplant, Berlin ist die Basis für die vielen Kurztripps in Europas Hauptstädte. Es gibt nur ein Problem: Iris. “I kinda like her.”, meint die Brillenträgerin. Was ungefähr soviel heißt wie, nun ja, sie existiert und wir sind zusammen in Europa. Weglaufen ist nicht. Außerdem ist sie nicht halb so schlimm wie Sarah. “Cause she is just nineteen!”, plumpst es ihr unter hochgezogenen Augenbrauen aus dem Mund. “And how old are you?”, fragt eine der Mitreisenden. “Well, I’m twenty. But there’s a difference between nineteen and twenty.”, zeigt sie sich ganz sicher. “And Iris, well, she talks a lot. You wanna smack her right across the face to shut her up.But I like her, kind of.” Nun, übersetzt hat das Reisemoppelchen in etwa gesagt: “Iris, die sabbelt ganz schön viel. Eigentlich will man ihr ordentlich eine Klatschen, damit sie’s Maul hält. Aber irgendwie mag ich sie.”
Dürüm mit Kündigung
Donnerstag, August 28th, 2008Ich stehe an der Glastheke eines gepflegten Dönerladens mit angeschlossener Eckkneipe. Ein Dürüm-Döner am späten Abend nach getaner Arbeit soll es sein. Es duftet verführerisch nach frisch aufgebackenem Brot und leckerem Dönerfleisch, nur dem Chef stinkts gewaltig. Der kleine, gedrungene Mann im roten Polo-Shirt brummelt unaufhörlich etwas in seinen Schnauzer, gestikuliert wild und schaut immer wieder in Richtung der Tür mit der Aufschrift “privat”. Langsam macht er sich an mein Abendessen, murmelt, blinzelt und beginnt das Fleisch zu schneiden. Die blonde Kellnerin von hinter dem Tresen in der Eckkneipe kommt in den Imbissraum, geht hinter die Theke und steht demonstrativ hinterm Dönermann.
Er spürt ihre Anwesenheit, fährt herum und haut ihr fast das halbfertige Dürüm-Paket auf die Brust. “Oh, schuldige. Schaust du. Wenn ich ihr sage machst du so, macht sie nicht.” Dabei zeigt er auf den Dürüm und deutet seine Zubereitung an. “Wenn Gast sag: “Bring bitte Bier’. Sie steht rum. Gucken nur so.”, und er starrt mit in die Hüften gestemmten Armen in die Luft.
Sie kommt in diesem Moment durch die “privat”-Tür. Hübsch, braungebrannte Haut, schwarzes Haar, dunkle Augen, enge Jeans und Oberteil. Sie würdigt den Chef keines Blickes. Die blonde Tresenkraft geht zu ihr. Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links. Beide flüstern sich etwas zu. Wortlos verlässt die Zornerregerin den Laden.
“Was sagen sie?”, fliegt es mir vom Dönerspieß entgegen. “Sie kommt hier rein vor vierzehn Tage. Setzt sich hin, klimpert mit Augen und fragt: ‘Hast du Arbeit’. Sag ich: ‘Ja’. Erste Tage geht gut. Aber dann wird immer schlechter.” Die Kräutersoße fliegt lieblos über Fleisch und Salat. “Ich zahle fümpf Euro Stunde. Aber nich für rumsitzen. Geld nur für Arbeit! Oder wie sehen sie?”
Verlegen nicke ich kaum sichtbar mit dem Kopf. Hoffe, dass mich die hübsche Arbeitsverweigerin nicht dabei sieht. Irgendwie ist mir der Appetit auf den Dürüm, der jetzt auf der Theke liegt, vergangen.