von Dr. Carsten Schmidt
Oder: Der General Bergfrühling putzt alle Klischees blitzeblank weg
Von China haben einige Leute, sehr gern auch Journalisten mit der gefährlichen Deutungshoheit im Gepäck, immer noch komische Klischees, und einige glauben, nur weil sie 3 Tage im Hotel in Peking waren, ein Bild, eine Meinung oder sogar ein Urteil abgeben zu können. Ich kann gewiss nicht viel mehr als die Herren und Damen, aber ich werde sicher auch kein 20 Seiten «Ich habe China verstanden»-Special in einer Wochenzeitschrift veröffentlichen, sondern nur zehn Widersprüche nennen, welche eventuell die meist verbreiteten Klischees ein wenig lockern können.
1. «China öffnet sich der Welt»
Journalistischer Quatsch, denn so ein Satz ist nicht formulierbar für ein Land mit fast 1,5 Milliarden Menschen. Selbstverständlich haben in jedem Land die allermeisten keine Ahnung vom Ausland und sie reisen auch fast gar nicht. Das ist auch in China nicht anders, und wenn es eine Öffnung gibt, dann gibt es sie seit über hundert Jahren und nicht erst seit 2-3 Jahren. Sicher, China hat viel erreicht in den letzten 2-3 Jahrzehnten, was man dem Land noch 1940 oder 1950 sicher nicht zugetraut hat, aber dennoch öffnet sich der allergrößte Teil des Landes ganz gewiss nicht, und demzufolge wissen die meisten Ausländer auch fast nichts über das wahre China (ich auch nicht). Viele Länder, auch Diktaturen, haben sich ein wenig geöffnet (Olympische Spiele), wenn es das Ausland erwartete und dem Image diente. Aber allein die restriktiven Behandlungen vieler Ausländer in Sachen Information und Visum müssen genügen, um diesen plumpen Satz mit der Öffnung zu relativieren. Und man kann sich die Isolierung, den Grad der Abschottung nicht vorstellen. Wie schattenhaft wenig der einzelne Chinese von der ganzen Welt da draußen erfährt und weiß, würde einigen Deutschen große Angst machen.
2. Klischee: Kommunismus = Klassenlose Gesellschaft
Jedem, der sich ein klitze-bisschen mit Geschichte auskennt, versteht, dass das nicht geht und auch in der DDR ja kaum ein paar Jahre «funktioniert» hat. Diejenigen, die es heute geschafft haben in China und z. Bsp. ein Auto fahren, wissen ganz genau, wer sie sind und schnauzen schon mal gern Hilfskräfte in Werkstätten und Tankstellen an oder drängeln sich an Schlangen mit einer Arschruhe vor, die es selbst bei uns nicht oft gibt. Also das was Marx «Klassenbewusstsein» genannt hat, ist ganz klar zu sehen.
3. Kommunismus ade? Willkommen Kapitalismus?
Das habe ich nicht gesehen. Obwohl Mao sicher nicht mehr die Rolle spielt wie noch 1980, so werden seine Lehren doch in den Schulen bei Uniform-Apellen und in den staatlichen Einrichtungen sowie im TV weiter verbreitet und aufrecht erhalten, nicht nur auf Millionen roten Bannern überall. Viele Vorzeigekapitalisten, wie etwa Baulöwen aus Shanghai, sind auch fast immer große KP Mitglieder, die 5 Jahrespläne ausfüllen und mit althergebrachter Sprache Bericht erstatten. Beides existiert also nebeneinander, ohne dass eine Art Wachwechsel klar zu erkennen ist. Aber auch die DDR war in vielen Dingen kapitalistischer als man verklärend meint (Devisenbeschaffung, Waffenhandel).
4. Chinesen verfallen nun hemmungslos dem Materialismus?
Das habe ich vereinzelt gesehen, aber es stimmt dennoch für ganz große Teile der Bevölkerung nicht. Viele, auch junge Leute, sind nicht hinter Geld her und sind eben auch nicht sozialisiert, eine Gehaltserhöhung zu fordern. Dass jede Gesellschaft und Zeit Menschen hervorbringt, die übertrieben gesagt für 50 Cent ihre Großmutter verkaufen würden, ist klar. Dennoch habe ich Raffgier, Neid und Missgunst seltener gesehen als bei uns, wo Kosten, Löhne, Preise und Prozente dauernd im Sprachgebrauch enthalten sind.
5. «Außen Vampir – Innen Löwe»
Dem letzten Punkt muss man jedoch etwas anknüpfen, was ein Widerspruch zwischen Außendarstellung und innerer Wahrheit ist. Kein Land kann derartige Wachstumszahlen in der Wirtschaft über Jahre schaffen ohne gigantische Bedürfnisse zu wecken und riesige Ressourcen auszusaugen, denn die Straßen und Häuser werden nicht mehr aus Sand, Lehm und Bambus gebaut. Natürlich saugt China in Russland, Afrika und Südamerika sehr viel an Schürfrechten und baut in wenigen Monaten Ölpipelines im Sudan, während andere Nationen sich noch über die EU-Richtlinien des Seilbahngesetztes im berglosen Mecklenburg-Vorpommern streiten. Über die Rohstoffgewinnung für das eigene Land wird jedoch wenig in China selbst berichtet, fast gar nichts. Hauptsache, es wächst im Lande. Wo es her kommt und unter welchen Bedingungen die wirtschaftliche Situation z. Bsp. Simbabwes vielleicht hierzu gnadenlos ausgenutzt wurde, wird fast niemand erfahren. Deswegen passt also der Titel «Außen Vampir – Innen Löwe».
6. «Volkseinheit»
Natürlich ist das Wort ein abstraktes Konstrukt und auch immer gebunden an die herrschende Staatsform (Diktatur), wenngleich sie ganz klar viel stärker präsent ist als in Deutschland, wo kaum ein junger Mensch noch so etwas wie Stolz und Verpflichtung gegenüber seiner Region, seinem Bundesland oder seinem Heimatland hat, weil ihm – unabhängig von Geschichte – einleuchtet, dass er dafür nichts getan hat oder dafür kann, wo er geboren wurde. Das ist definitiv in China anders, eine gewisse Einheit und ein beinahe fühlbarer «Dienst am Volke» lassen sich erkennen, wenngleich sie sicher nicht individuell entstanden sind, sondern oktroyiert wurden. Es besteht für die meisten kein Zweifel, ihre Kräfte und Kenntnisse dem Lande zur Verfügung zu stellen und auch nach einem Auslandsstudium wie selbstverständlich nach China zurückzukehren. Die Werte «Familie», «Gehorsam» gegenüber den Eltern und die Festigkeit der «Ehe» sind jedenfalls völlig anders als bei uns, in einem der Länder mit der höchsten Scheidungsrate der Welt. In China unvorstellbar. Gut oder schlecht? Andererseits scheinen doch viele Frauen unglücklich zu sein, denn in keinem Land der Erde gibt es so viele weibliche Selbstmorde, wovon man in China selbst aber sicher wenig weiß.
Ein krasser Kontrapunkt zur Volkseinheit ist jedoch die leider ansteckende «Scheißegal-Attitüde» gegenüber den Mitmenschen, die doch auf der Straße und im Verkehr schockiert. In welchem Grade man sich nicht umeinander schert, wenn z. Bsp. direkt vor einem jemand hinfällt oder einen Unfall hat, ist schon erschreckend.
7. Minoritäten
Tibet interessiert China nur insofern, als dass es nach ihrem Verstehen seit Jahrhunderten eine Provinz ihres Landes ist, nämlich «Xizà ng» oder «Lhasà », Punkt aus. Was immer das Ausland darüber moniert und eventuell demonstriert, wird nicht diskutiert oder überhaupt wahrgenommen. Niemand wird es in den wenigen «Nachrichten» sehen, und wenn, wird er mit dem Namen «Tibet» eben fast nichts anfangen können. Die Minoritäten, wovon 55 in China anerkannt sind, «helfen» und dienen indirekt durch ihre oft auf Bühnen und in Shows präsentierte Folklore, Musik, Kleidung und Sprache, die Größe und Großartigkeit sowie Friedlichkeit des Riesenreiches zu unterstreichen. Dabei spielt also Tibet keine Rolle, ob es nun Staatschefs im 4, 6 oder 8 Augen-Gespräch ansprechen oder nicht, ist völlig egal (denke ich).
8. Alte Bürger
Trotzdem es in manchen Teilen des öffentlichen Lebens immer noch eine Art Höflichkeit gegenüber dem Alter gibt, verbunden mit dem Respekt vor älteren Generationen, also das Aufstehen im Bus oder das Platzmachen in einer Schlange, werden die Alten doch auch für viele ganz niedrige Arbeiten «benutzt», für die sie körperlich sicher nicht mehr herhalten sollten (Straßenkehrer, Gärtner an Autobahnen). Allemal wird es in dem Land, wo auf Propagandaplakaten die farbigen Halstücher der Kinder leuchten und die Augen des Selbigen freilich auch, in den nächsten Jahrzehnten gewiss zu weiteren großen Problemen mit der Gesellschaftsstruktur kommen. Dies lässt sich nicht vermeiden, denn jeder versteht ja, dass die Ein-Kind-Politik seit Ende der 1970er nicht dazu beitragen kann, das Land «jünger» zu machen, sondern es wird in Größenordnungen «alt» wie wir uns es kaum vorstellen können. Meine Ahnung geht dahin, dass sich die Politik immer mehr aufweichen wird, man wird die staatlichen hohen «Strafen» und die Gebühren für die zweiten und dritten Kinder senken.
9. Außen-Innenblick Chinas – Das Ministerium für Wahrheit im »Museum for Science and Technology Shanghai»
Ich lernte im umständlich genannten «Ecological Desaster Scenario Cinema», dass es in London ganz böse viel Smog gibt und nie blauen Himmel, das Ganze auch in Los Angeles, darüber hinaus hat Wales angeblich große Wasserkatastrophen, die Exxon Valdez hat Alaska ganz schön mit Öl bekleckert, und Tschernobyl war alles in allem auch nicht gerade gut für die Umwelt. Film-Ende. In einem Land, wo dermaßen zentralistisch und immanent alles von innen heraus gedacht wird, der Phallus der eigenen überlegenen Armee, Kultur und Volkseinheit stets und ständig aus jedem Plakat, Radio oder Fernseher wabert, fällt eben nicht ein Sterbenswörtchen über eigene mögliche Fehler und Schwächen. Ermutigend!
10: Stille, kleine, unbedeutende Sehnsucht in Richtung Westen
Die mit Neonfarben beworbenen Produkte der Kosmetik, seltener Alkohol, Autos, Kleidung oder Musik prangen mit westlichen Gesichtern in den Läden und an verglasten Hochhäuserfronten, als wenn alleine der Fakt die Qualität einer Jacke steigerte, dass sie einem westlichen Model passt. In den Friseurläden erkennt man schablonenförmig den Wunsch mancher Asiatinnen, Locken wie Andy McDowell oder Wellen wie Gwyneth Paltrow zu haben, selbst wenn niemand ihre Namen aussprechen könnte. Man würde wohl über Nacht Bill Gates zum zweitreichsten Mann machen, wenn man ein Mittel fände, was gleichzeitig, ohne Gesundheitsschäden asiatisches Haar, für Männer und Frauen, lockig und hell machen kann.
Aber manche Dinge sollte man sich vielleicht nicht wünschen, denn wie sähe die Welt dann aus? Man stelle sich die Wagner-Spiele und den «Ring» in Bayreuth im Jahre 2010 vor: In den Hauptrollen Siegfried, gespielt von Nakawame Tobijuma und Kriemhild von Chen Mang Hong, klingt irgendwie komisch, oder?
Nun würde man aber einem Irrtum aufgesessen sein, wenn man China in den Neonfarben und der bunten Werbung einer ähnlichen Imitation der westlichen Welt bezichtigte wie Japan, oder die beiden Länder mit einander vergliche, denn das klappt ganz gewiss überhaupt nicht. Für die Stabilität des Landes, für das Selbstverständnis der Nation bedeutet das ganz geringe Wissen über die restliche Welt und viel zu kleine Neugier und eben auch der fast nicht vorhandene Zugriff an Informationen, dass China sich zwar verändert wie jedes Land, dass es aber durch eben genannte bremsende Faktoren viel, viel langsamer vor sich geht als man denkt.