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Die 10 größten mir aufgefallenen China Widersprüche

Sonntag, November 30th, 2008

von Dr. Carsten Schmidt

Oder: Der General Bergfrühling putzt alle Klischees blitzeblank weg

Von China haben einige Leute, sehr gern auch Journalisten mit der gefährlichen Deutungshoheit im Gepäck, immer noch komische Klischees, und einige glauben, nur weil sie 3 Tage im Hotel in Peking waren, ein Bild, eine Meinung oder sogar ein Urteil abgeben zu können. Ich kann gewiss nicht viel mehr als die Herren und Damen, aber ich werde sicher auch kein 20 Seiten «Ich habe China verstanden»-Special in einer Wochenzeitschrift veröffentlichen, sondern nur zehn Widersprüche nennen, welche eventuell die meist verbreiteten Klischees ein wenig lockern können.

1. «China öffnet sich der Welt»

Journalistischer Quatsch, denn so ein Satz ist nicht formulierbar für ein Land mit fast 1,5 Milliarden Menschen. Selbstverständlich haben in jedem Land die allermeisten keine Ahnung vom Ausland und sie reisen auch fast gar nicht. Das ist auch in China nicht anders, und wenn es eine Öffnung gibt, dann gibt es sie seit über hundert Jahren und nicht erst seit 2-3 Jahren. Sicher, China hat viel erreicht in den letzten 2-3 Jahrzehnten, was man dem Land noch 1940 oder 1950 sicher nicht zugetraut hat, aber dennoch öffnet sich der allergrößte Teil des Landes ganz gewiss nicht, und demzufolge wissen die meisten Ausländer auch fast nichts über das wahre China (ich auch nicht). Viele Länder, auch Diktaturen, haben sich ein wenig geöffnet (Olympische Spiele), wenn es das Ausland erwartete und dem Image diente. Aber allein die restriktiven Behandlungen vieler Ausländer in Sachen Information und Visum müssen genügen, um diesen plumpen Satz mit der Öffnung zu relativieren. Und man kann sich die Isolierung, den Grad der Abschottung nicht vorstellen. Wie schattenhaft wenig der einzelne Chinese von der ganzen Welt da draußen erfährt und weiß, würde einigen Deutschen große Angst machen.

2. Klischee: Kommunismus = Klassenlose Gesellschaft

Jedem, der sich ein klitze-bisschen mit Geschichte auskennt, versteht, dass das nicht geht und auch in der DDR ja kaum ein paar Jahre «funktioniert» hat. Diejenigen, die es heute geschafft haben in China und z. Bsp. ein Auto fahren, wissen ganz genau, wer sie sind und schnauzen schon mal gern Hilfskräfte in Werkstätten und Tankstellen an oder drängeln sich an Schlangen mit einer Arschruhe vor, die es selbst bei uns nicht oft gibt. Also das was Marx «Klassenbewusstsein» genannt hat, ist ganz klar zu sehen.

3. Kommunismus ade? Willkommen Kapitalismus?

Das habe ich nicht gesehen. Obwohl Mao sicher nicht mehr die Rolle spielt wie noch 1980, so werden seine Lehren doch in den Schulen bei Uniform-Apellen und in den staatlichen Einrichtungen sowie im TV weiter verbreitet und aufrecht erhalten, nicht nur auf Millionen roten Bannern überall. Viele Vorzeigekapitalisten, wie etwa Baulöwen aus Shanghai, sind auch fast immer große KP Mitglieder, die 5 Jahrespläne ausfüllen und mit althergebrachter Sprache Bericht erstatten. Beides existiert also nebeneinander, ohne dass eine Art Wachwechsel klar zu erkennen ist. Aber auch die DDR war in vielen Dingen kapitalistischer als man verklärend meint (Devisenbeschaffung, Waffenhandel).

4. Chinesen verfallen nun hemmungslos dem Materialismus?

Das habe ich vereinzelt gesehen, aber es stimmt dennoch für ganz große Teile der Bevölkerung nicht. Viele, auch junge Leute, sind nicht hinter Geld her und sind eben auch nicht sozialisiert, eine Gehaltserhöhung zu fordern. Dass jede Gesellschaft und Zeit Menschen hervorbringt, die übertrieben gesagt für 50 Cent ihre Großmutter verkaufen würden, ist klar. Dennoch habe ich Raffgier, Neid und Missgunst seltener gesehen als bei uns, wo Kosten, Löhne, Preise und Prozente dauernd im Sprachgebrauch enthalten sind.

5. «Außen Vampir – Innen Löwe»

Dem letzten Punkt muss man jedoch etwas anknüpfen, was ein Widerspruch zwischen Außendarstellung und innerer Wahrheit ist. Kein Land kann derartige Wachstumszahlen in der Wirtschaft über Jahre schaffen ohne gigantische Bedürfnisse zu wecken und riesige Ressourcen auszusaugen, denn die Straßen und Häuser werden nicht mehr aus Sand, Lehm und Bambus gebaut. Natürlich saugt China in Russland, Afrika und Südamerika sehr viel an Schürfrechten und baut in wenigen Monaten Ölpipelines im Sudan, während andere Nationen sich noch über die EU-Richtlinien des Seilbahngesetztes im berglosen Mecklenburg-Vorpommern streiten. Über die Rohstoffgewinnung für das eigene Land wird jedoch wenig in China selbst berichtet, fast gar nichts. Hauptsache, es wächst im Lande. Wo es her kommt und unter welchen Bedingungen die wirtschaftliche Situation z. Bsp. Simbabwes vielleicht hierzu gnadenlos ausgenutzt wurde, wird fast niemand erfahren. Deswegen passt also der Titel «Außen Vampir – Innen Löwe».

6. «Volkseinheit»

Natürlich ist das Wort ein abstraktes Konstrukt und auch immer gebunden an die herrschende Staatsform (Diktatur), wenngleich sie ganz klar viel stärker präsent ist als in Deutschland, wo kaum ein junger Mensch noch so etwas wie Stolz und Verpflichtung gegenüber seiner Region, seinem Bundesland oder seinem Heimatland hat, weil ihm – unabhängig von Geschichte – einleuchtet, dass er dafür nichts getan hat oder dafür kann, wo er geboren wurde. Das ist definitiv in China anders, eine gewisse Einheit und ein beinahe fühlbarer «Dienst am Volke» lassen sich erkennen, wenngleich sie sicher nicht individuell entstanden sind, sondern oktroyiert wurden. Es besteht für die meisten kein Zweifel, ihre Kräfte und Kenntnisse dem Lande zur Verfügung zu stellen und auch nach einem Auslandsstudium wie selbstverständlich nach China zurückzukehren. Die Werte «Familie», «Gehorsam» gegenüber den Eltern und die Festigkeit der «Ehe» sind jedenfalls völlig anders als bei uns, in einem der Länder mit der höchsten Scheidungsrate der Welt. In China unvorstellbar. Gut oder schlecht? Andererseits scheinen doch viele Frauen unglücklich zu sein, denn in keinem Land der Erde gibt es so viele weibliche Selbstmorde, wovon man in China selbst aber sicher wenig weiß.

Ein krasser Kontrapunkt zur Volkseinheit ist jedoch die leider ansteckende «Scheißegal-Attitüde» gegenüber den Mitmenschen, die doch auf der Straße und im Verkehr schockiert. In welchem Grade man sich nicht umeinander schert, wenn z. Bsp. direkt vor einem jemand hinfällt oder einen Unfall hat, ist schon erschreckend.

7. Minoritäten

Tibet interessiert China nur insofern, als dass es nach ihrem Verstehen seit Jahrhunderten eine Provinz ihres Landes ist, nämlich «Xizàng» oder «Lhasà», Punkt aus. Was immer das Ausland darüber moniert und eventuell demonstriert, wird nicht diskutiert oder überhaupt wahrgenommen. Niemand wird es in den wenigen «Nachrichten» sehen, und wenn, wird er mit dem Namen «Tibet» eben fast nichts anfangen können. Die Minoritäten, wovon 55 in China anerkannt sind, «helfen» und dienen indirekt durch ihre oft auf Bühnen und in Shows präsentierte Folklore, Musik, Kleidung und Sprache, die Größe und Großartigkeit sowie Friedlichkeit des Riesenreiches zu unterstreichen. Dabei spielt also Tibet keine Rolle, ob es nun Staatschefs im 4, 6 oder 8 Augen-Gespräch ansprechen oder nicht, ist völlig egal (denke ich).

8. Alte Bürger

Trotzdem es in manchen Teilen des öffentlichen Lebens immer noch eine Art Höflichkeit gegenüber dem Alter gibt, verbunden mit dem Respekt vor älteren Generationen, also das Aufstehen im Bus oder das Platzmachen in einer Schlange, werden die Alten doch auch für viele ganz niedrige Arbeiten «benutzt», für die sie körperlich sicher nicht mehr herhalten sollten (Straßenkehrer, Gärtner an Autobahnen). Allemal wird es in dem Land, wo auf Propagandaplakaten die farbigen Halstücher der Kinder leuchten und die Augen des Selbigen freilich auch, in den nächsten Jahrzehnten gewiss zu weiteren großen Problemen mit der Gesellschaftsstruktur kommen. Dies lässt sich nicht vermeiden, denn jeder versteht ja, dass die Ein-Kind-Politik seit Ende der 1970er nicht dazu beitragen kann, das Land «jünger» zu machen, sondern es wird in Größenordnungen «alt» wie wir uns es kaum vorstellen können. Meine Ahnung geht dahin, dass sich die Politik immer mehr aufweichen wird, man wird die staatlichen hohen «Strafen» und die Gebühren für die zweiten und dritten Kinder senken.

9. Außen-Innenblick Chinas – Das Ministerium für Wahrheit im »Museum for Science and Technology Shanghai»

Ich lernte im umständlich genannten «Ecological Desaster Scenario Cinema», dass es in London ganz böse viel Smog gibt und nie blauen Himmel, das Ganze auch in Los Angeles, darüber hinaus hat Wales angeblich große Wasserkatastrophen, die Exxon Valdez hat Alaska ganz schön mit Öl bekleckert, und Tschernobyl war alles in allem auch nicht gerade gut für die Umwelt. Film-Ende. In einem Land, wo dermaßen zentralistisch und immanent alles von innen heraus gedacht wird, der Phallus der eigenen überlegenen Armee, Kultur und Volkseinheit stets und ständig aus jedem Plakat, Radio oder Fernseher wabert, fällt eben nicht ein Sterbenswörtchen über eigene mögliche Fehler und Schwächen. Ermutigend!

10: Stille, kleine, unbedeutende Sehnsucht in Richtung Westen

Die mit Neonfarben beworbenen Produkte der Kosmetik, seltener Alkohol, Autos, Kleidung oder Musik prangen mit westlichen Gesichtern in den Läden und an verglasten Hochhäuserfronten, als wenn alleine der Fakt die Qualität einer Jacke steigerte, dass sie einem westlichen Model passt. In den Friseurläden erkennt man schablonenförmig den Wunsch mancher Asiatinnen, Locken wie Andy McDowell oder Wellen wie Gwyneth Paltrow zu haben, selbst wenn niemand ihre Namen aussprechen könnte. Man würde wohl über Nacht Bill Gates zum zweitreichsten Mann machen, wenn man ein Mittel fände, was gleichzeitig, ohne Gesundheitsschäden asiatisches Haar, für Männer und Frauen, lockig und hell machen kann.

Aber manche Dinge sollte man sich vielleicht nicht wünschen, denn wie sähe die Welt dann aus? Man stelle sich die Wagner-Spiele und den «Ring» in Bayreuth im Jahre 2010 vor: In den Hauptrollen Siegfried, gespielt von Nakawame Tobijuma und Kriemhild von Chen Mang Hong, klingt irgendwie komisch, oder?

Nun würde man aber einem Irrtum aufgesessen sein, wenn man China in den Neonfarben und der bunten Werbung einer ähnlichen Imitation der westlichen Welt bezichtigte wie Japan, oder die beiden Länder mit einander vergliche, denn das klappt ganz gewiss überhaupt nicht. Für die Stabilität des Landes, für das Selbstverständnis der Nation bedeutet das ganz geringe Wissen über die restliche Welt und viel zu kleine Neugier und eben auch der fast nicht vorhandene Zugriff an Informationen, dass China sich zwar verändert wie jedes Land, dass es aber durch eben genannte bremsende Faktoren viel, viel langsamer vor sich geht als man denkt.

Status Bericht China

Freitag, November 28th, 2008

von Dr. Carsten Schmidt

Weil mich einige von Euch gefragt haben, was zum Teufel ich hier denn nun hier in Deutschland mache und ob ich wieder nach China kann – darf: Hier die kurze Antwort:

In Rostock mache ich das, was man, außer gute Freunde besuchen, so machen kann, nämlich “tummeln” auf dem “what the f*ck ever X mas hell maximum noisy smelly ugly consumption Gedränge Weihnachtsmarkt” …wo sich die zu viel verdienenden Stadt-Speckgürtel-Anwohner und hemmungslos besaufenden Büromuttis die Klinke in die Hand geben, während Hooligan-Papi Enrico Straflonsky aus Boderow oder Basedow oder Koserow Dank heißem schwedischem Eierlikör im Blut seiner kleinen Rieke-Klarina einen türkisblauen Plüsch-Maulwurf aus Taiwan schießt, wozu er Dank des Knotens im Kirmis-Gewehrlauf sonst gar nicht befähigt gewesen wäre.

zu China:

Derzeit sitzen, wie beim Anfang von “Odysse im Weltraum” – seit über einer Woche urzeitlich wie ums Höhlenfeuer (vielleicht) Chinesen in Schlips und Kragen um mein Arbeits-Anliegen herum, und ihr bohrender Hauptkritikpunkt ist, wie man in einer Firma unterrichten will – kann – soll, und nicht in einer Schule. Bis sie…

1) dieses letzte Rätsel der Menschheit heraus bekommen haben,

2) mit meinen 40 Passbildern Memory zu Ende gespielt und

3) erfolgreich nach einigen Flaschen Tsingtao Bier (benannt nach der ehemals deutschen Brauerei dort) – gewürfelt haben, ob ich eine Arbeitserlaubnis bekomme,

Bleibe ich hier, denn ohne Letztere ist jeglicher Aufenthalt wieder nur kurzsichtiger Unsinn.

Vielleicht gibt es irgendwo in den Aktenbergen der VRChina die Option, dass man auch bleiben darf, wenn man nicht Millionendevisen durch Auto- Ingenieur Kenntnisse oder Transrapidlizenzen, Schürfrechte in Russland, Landzertifikate in Simbabwe oder Öl-Pipelineinformationen im Sudan mitbringt.

Wer weiß?

Und wehe, jemand behauptet, hier hätte sich ein My Zynismus eingeschlichen.

“Hurrah, kein Ami !”

Mittwoch, November 12th, 2008

von Dr. Carsten Schmidt

Ein paar Tage vor dem Rauswurf aus der Volksrepublik China versuche ich, zusammen mit der Sekretärin, in Shanghai noch einmal mein Glück bei den Behörden. Dort gibt es ein deutsches Konsulat, und wir werden vorstellig, erst einmal indem wir uns plump davor stellen. Im Mute der Verzweiflung warte ich bis zur Öffnung, denn meine Situation gebietet mir nicht viele Optionen im Moment. Demnach denke ich wie die Biathletin und Vorzeige-Anglistin Uschi Disl, die einst zur Presse sagte: «Now can come what wants». Aber man weist uns am Tor rüde ab und meint, ein Konsul sei zu Besuch gekommen. Na gut, das ist normal in einem Konsulat, denken wir. Jedenfalls keine Audienz. Der Wärter fragt mich durch seine Zahnlücken: «You America?» – «No!» – «Good!» – Verwirrend, kurz, postmodern, aber wahrheitsgemäß. Dabei erinnere ich mich Dank meines kindlichen Gemütes an die alten «Ghostbuster»-Filme und frage mich, ob die aus dem Wasser stapfende Freiheitsstatue «Miss Liberty» von New York diese Frage des Wärters vielleicht bejaht hätte. Wir könnten später anrufen, meint er.

Gut, wir müssen also ein wenig die Zeit tot schlagen, ganz un-brutal. Das Konsulat ist direkt am berühmten «Bund», der Flaniermeile in Shanghai, auf der Fuchs und Feuerstein angeboten wird, vor allem nutzloser, quietschender, dudelnder Müll in Neonfarben, wenn man ehrlich ist. Als Europäer ist man hier nicht allein, viele andere Ausländer leben hier und auch ihnen wird viel angeboten. Trotzdem die chinesische Sekretärin neben mir geht, stürzen sich dennoch alle Nase lang aufdringliche Halbschattengewächse mit ihren «Produkten» an meine Brust. Folgender Dialog findet statt:

«Hey Mister» – (gedacht: No!), gesagt: «No!» – «Hey, Mister! Watch?» – (gedacht: Mensch, hau ab!) gesagt: «No, I need no watch.» – «Bag?» – «I have a bag. No!» – «Shoes?» – »I have shoes. No!” – »Watch?” – (gedacht: Alter, verpiss Dich, ich weiß schon allein, wann ich ´ne Uhr kaufen will, dafür brauche ich doch Deinen Rat nicht!) gesagt: «Fucking nooo!» – «Romantic Lady Massage? 60 Euros!» – (gedacht: Wie bitte? Dat ging jetzt aber ´n bisschen flott, aber warte mal, mhh ….) gesagt: «Romantic, of course! Nooo!» – Puh, er ist weg. Aber da kommt sein Schwager – «Hello Mister! Watch?» – (gedacht: So, nun versuchen wir mal was ganz Billiges), gesagt: «Gegenfrage: Police?» – Der Schwager ist weg. Mensch, geht doch. Die Sekretärin kann sich kaum halten vor Lachen. Das hat zwar kein Geld, aber ein paar Nerven gekostet.

Dann haben wir uns genug die Promenade am Fluss angeschaut, der dreckig dahin dümpelt, und außer Fotos von Hochhäusern oder Fotos von Leuten die Hochhäuser fotografieren, kann man dort zumindest nichts Sinnvolles machen. Da wir auch keine Lust auf Essen haben, vermeiden wir den gegrillten Mist am Spieß, der an rostigen Karren an jeder Kreuzung durch altes Soja-Fett seinen Weg in unsere Nasen findet, und versuchen einen Anruf bei der Botschaft vom Hotelzimmer aus.

Niemand nimmt ab, aber man verweist auf die Nummer der Botschaft in Berlin. Gut, denken wir. Bei meinem letzten Besuch dort konnte ich keinen der Mitarbeiter ernsthafte Fragen stellen, keiner sprach in irgendeiner Form annehmbares Englisch oder Deutsch. Gut, also lasse ich die Sekretärin anrufen, sie macht den Lautsprecher an, und ein alter, ruhiger Mann meldet sich auf Deutsch. Die Sekretärin fragt, ob er Chinesisch oder Englisch spreche. Der Mann, angeblich also der Leiter der Visastelle, antwortet in langem Berliner Dialekt: «Ne, ne, ne, Fräulein. Auf Wiederhören». Das gibt es doch gar nicht. Die Botschaft hat uns doch nicht an den Hausmeister oder Koch vermittelt, oder? Die Sekretärin schaut verdutzt, ich auch, und ich brülle zur Überraschung der Sekretärin schnell quer durch das Hotelzimmer: «Moment, Moment mal!» – Dann ein tatsächlich klares deutsches Gespräch. Klare Informationen. Auch leider klare Sache in meiner Angelegenheit: Keine Hoffnung hier, ich muss raus aus dem Land. Seine Frage am Schluss: «Also, sie sind kein Amerikaner? Auch nicht mit doppelter Staatsbürgerschaft?» – «Nein, gar nicht!» – «Gut!».

Ich schaue später noch einmal zufällig auf die Bedingungen für chinesische Visa im Internet, und da finde ich eine interessante Klausel über die Kosten. Für manche Visa nach China gilt die lustige, überhaupt nicht nach chinesischer Willkür klingende Besonderheit: «Ausländer»: 30 Euro, «US-Bürger»: 90 Euro. Juhu, denke ich, kein Ami! Also 60 Euro gespart. Und, ob ich will oder nicht, plötzlich ist da wieder der Preis für die «Romantic Lady Massage» in meinem Kopf, den ich schon beinahe wieder vergessen hatte. Naja!

Dr. Carsten Schmidt ist ein Freund und Kollege aus Studientagen, der in China Deutsch und Englisch unterrichten soll. Seine Texte erscheinen auch beim Nachbarn Christian Kohlhof.

Der Traum und das Erwachen

Freitag, Oktober 31st, 2008

von Dr. Carsten Schmidt

Irgendwie ist es doch kafkaesk, was Dr. Schmidt in China erlebt. Die kapital-kommunistische Bürokratur hat wieder zugeschlagen und wo die Behörden in China hinlangen, da wächst kein Gras mehr.

«Ouahh» ist nicht die Antwort auf die Frage, wie man Orang-Utan in Nanjing sagt, sondern ein Gähn-Laut, den ich nach getaner Arbeitslosigkeit neulich Abend tat. Kurz zuvor sah ich noch die Sekretärin meines Chefs in der Gemeinschaftsküche erkältet am Teeglas haften und mir sagen hören: «Herr Schmidt, ich glaube, ihre Aufenthaltsgenehmigung macht gute Fortschritte. Morgen früh telefoniere ich ein wenig, und dann, glaube ich, kann ich Ihnen gute Nachrichten bringen». Fein, also eine prima Voraussetzung um einzuschlafen. Gegähnt, getan. (weiterlesen…)

Riesenrad ohne Gondeln

Samstag, Oktober 4th, 2008

von Dr. Carsten Schmidt

Dr. Schmidt setzt seine Beobachtungen zum Mitbewohnerhuhn Phoebe fort, radelt einfach los und stolpert über einen Vergnügungspark. Bilder seiner schicksalhaften Begegnungen sind neu und im Artikel zu finden.

«Nehmen Sie den Hund zurück!», ruft der Hausmeister Hü Yoan auf Chinesisch, der im Block sauber macht, in welchem ich wohne. Jedenfalls glaube ich das. Er verweigert mit dem Satz jedoch nicht etwa eine Restaurantbestellung, sondern hat Angst vor einem kleinen weißen Rawuff, der ab und an auch das Huhn Phoebe mit Angstschauern belegt. (weiterlesen…)

Chinesische Moslem-Gymnastik

Samstag, September 27th, 2008

von Dr. Carsten Schmidt

Wenn der Prophet Mao nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zu Mao kommen. Oder: Wenn man so merkwürdig müde ist wie ich, und Kaffee so teuer, muss man irgendwie seine Kondition verbessern. Sport soll die Lösung sein. Das nächste Aerobic-Studio ist aber weit weg, so dass ich mir ein Werbe-Prospekt schnappe und mit lässiger Jogginghose sowie Handtuch um den Hals ein Taxi rufe. Der Fahrer schaut nickend auf das Prospekt und lächelt. Er heißt Chü und braust los. Wir fahren wild in Richtung Stadtrand, bevor der abendliche Verkehr immer zäher wird wie der süße Brei im russischen Märchen. Neben einem voll Gras bepacktem Tucktuck steht ein wackeliger Hühnerlaster ohne Licht, aus dem eine kleine Frau steigt. Nichts geht mehr auf der Kreuzung und die Frau sucht nun wohl ein Taxi.

Zack – öffnet Chü die Tür – und lässt die Frau neben mir auf den Rücksitz. Das kam jetzt aber ´n bisschen plötzlich, Chü! Beide sprechen ein wenig Englisch mit mir. Die Frau fragt, ob ich schwimmen will, und ich sage, dass das ein Irrtum ist, ein Error. Sie macht aus dem Error etwas eher Intimes und sagt leise: «Ahh, Erotic Massage!», und rückt weiter weg. Der Fahrer verwirrt mich noch mehr und plappert etwas, das klingt wie «Religion!». Ich denke, na gut, in meiner Heimat, dem atheistischen Mecklenburg, ist für einige Sport auch Religion. Leute, ich will ja nur Laufen oder etwas, das auf nicht anrüchige Weise anstrengt, aber ich versuche mich nicht mehr dem grinsenden Fahrer zu erklären, auch nicht der Frau, die mich anschaut mit einem Blick wie: «Du Schwein!».

Chü bremst sehr einheimisch und seine Scheinwerfer beleuchten ein blaues Gebäude. Tschüss, Chü! Ich steige aus und gehe in den Haupteingang. Fliesen überall, Na gut, Fliesen gibt es in Schwimmhallen auch, also. Mich empfängt ein Chinese mit weißer Kleidung. Vielleicht ein Tai Chi Lehrer, denke ich. Ich frage «Aerobic?» und er nickt heftig lächelnd. Fein, meine ich und gehe weiter. Ein bunter Raum mit Teppichen. Fast alle haben Bücher in der Hand. Heben sie die, weil es keine Hanteln gibt? Mit einem Blick auf die kitschigen Bilder an den Wänden schwant mir plötzlich etwas. Ich renne raus und schaue auf den Haupteingang. Da steht es ja klar, von der Laterne beleuchtet: Suzhou Mosque – Arabic Center.

Dr. Carsten Schmidt ist ein Freund und Kollege aus Studientagen, der in China Deutsch und Englisch unterrichten soll. Seine Texte erscheinen auch beim Nachbarn Christian Kohlhof.

“Ich beneide Ihren festen Stuhl!”

Freitag, September 26th, 2008

von Dr. Carsten Schmidt*

Fünf Tage nach Ankunft in Suzhou schlafe ich tief und esse wenig. Die Hitze ist groß und meine Aufgabe unklar, noch. In einer Firma eine Stunde vom Apartment entfernt habe ich schon ein wenig Englisch und Deutsch unterrichtet, aber langfristige Pläne werden erst noch geschmiedet, so wie einige Instrumente im Ofen der Firma auch.

Als nun akkreditiertes Mitglied des Managements esse ich mit den Bossen an einem runden Tisch Tintenfisch, süße Bohnen oder Nudeln mit Reis. Jeden Tag fährt mich einer der zuvorkommenden, gut gelaunten Manager zur Firma. Ein klares Gefühl von «Angekommen sein» gibt es noch nicht, alles fühlt sich an wie ein Nebel, der sich sehr langsam hebt, auch durch die vielen sprachlichen Unsicherheiten auf beiden Seiten. Dennoch; nach exzellentem Empfang gab es Tee und einen Schreibtisch für mich, an welchem ich sehr viel Leerlauf habe zwischen ganz unterschiedlich motivierten und vorgebildeten Schülern. Als ich mich nach einem recht anstrengendem Mittwoch kurz vor der Heimfahrt zurück lehnte, lag ich fast auf dem Boden, denn mein überaus vertrauenswürdig aussehender Stuhl hatte mich bitter betrogen. Nach diesem kurzen Schrecken – ich tauschte den Stuhl gegen einen festen – und der anstrengenden Reise hierher, denke ich nun nur an Eines: Am Wochenende will ich auf jeden Fall die eine oder andere Masseuse auf meinem Rücken herum trampeln lassen. Massage als Gipfel der Entspannung und Intimität für einen friedlichen Einzelkämpfer im wilden Osten.

Nach Sonntagsfrühstück mit Toast, überteuertem Kaffee und den Kopf voll Hoffnungen auf die spätere Massage schlurfe ich zum schwülen Balkon und starre müde in ein Gebüsch, was nach Jasmin, Lavendel, oder Intershop-Weichspüler riecht und von türkisen Schmetterlingen sowie merkwürdig roten Libellen wimmelt. Gegenüber spielt wieder einmal jemand wunderschön beruhigend Klavier. «Nice», sagt plötzlich ganz nahe eine unsichere, weibliche Stimme. Ich suche und finde schräg über meinem Balkon einen hellen Kopf winken. Der Kopf gehört Baiba aus Finnland. Sie ist 19 und erzählt, dass sie dem Klavierspiel jeden Tag zuhört und Französisch in Naschi unterrichtet. Ich bin nicht sicher, ob es Naschi wirklich gibt und warum eine 19jährige Finnin dort für Französisch gebraucht würde, aber in China, wo der unschlagbar starke Jackie Chan in einem Zebra-Jackett Werbung für Hustentee macht, ist wohl alles möglich. Ich frage sie, ob sie das Huhn vom anderen Innenhof-Garten gesehen hat, (welches ich Phoebe nenne), aber Baiba meint in gutem Deutsch, dass sie Vegetarierin ist. Das ist natürlich eine gute Antwort.

Baiba meint, dass sie von dem Essen und dem Wasser hier viel … also viel nicht eingeplante Zeit im Bad verbringt. Ich berichte, dass ich kein Leitungswasser trinke und weniger Zeit im Bad verbringe, und ihre Antwort lautet in ihrem skandinavisch schönem Deutsch: «Ich beneide Ihren festen Stuhl!». Ich möchte erzählen, dass ich auch einen nicht so festen habe, und zwar im Büro, aber das mache ich dann doch auf Englisch, genau wie die Antwort auf ihre Frage, was ich denn heute so gemacht hätte. Auf Deutsch hätte ich, mit Blick auf meine gesammelten Hemden, sagen wollen, ich hätte gerade ganz viel gebügelt, eigentlich alles was man bügeln kann, aber irgendwie klingt es auf Englisch weniger komisch.

Bis bestimmt bald, beispiellos beeindruckende Baiba!

Dr. Carsten Schmidt ist ein Freund und Kollege aus Studientagen, der in China Deutsch und Englisch unterrichten soll. Seine Texte erscheinen auch beim Nachbarn Christian Kohlhof.

* Leider ist der Text drei Tage später als geplant veröffentlicht worden. Wir geloben Besserung. Morgen Vormittag folgt der nächste Text.

Return in Pounds

Donnerstag, September 18th, 2008

Von Dr. Carsten Schmidt

Konfuzius sagt, dass auch der weiteste Weg mit dem ersten Schritt beginnt. Traditional Breakfast in Heathrow war meiner nach Asien, natürlich serviert von einem Inder. Aber wie kam es dazu? Tegel war die Ausgangsstation meiner Reise, wo ich am British Airways Schalter den erschütternden Satz bejahen musste: «Sie haben mehr als ein Gepäckstück!” Ja, ich freches Stück habe mehrere von denen. Dumm für mich, aber «Coline” sagt mir durch ein zuckersüßes Lächeln den gesalzenen Preis von 113 € für den zweiten Koffer, dessen Inhalt ich in den nächsten Monaten in China brauchen werde. Dass mein erstes Stück reichlich mehr als 30 kg hatte, stört Coline nicht.

Nun dauerte es im digitalen Zeitalter, um einen Zettel zu bekommen, bis London, wo mir eine hektisch drein blickende Mitarbeiterin von Kenya Airlines einen halben Meter Faxpapier entgegen feuert, gleich neben dem absurd toleranten multi-faith prayer room, wo also ganz gewiss Moslems neben Juden beten. Nun mag man bei der Dame vom Faxpapier glauben, man könne nicht hektisch blicken, aber wer hektisch gestikuliert und geht und spricht?

Wenige security announcements später – während ich mich frage, warum neben der Liste der Hausweine ein Plakat von Amy Winehouse hängt – will Ralf aus Zwickau das was alle Männer wollen: Traditional Breakfast. Seine Tochter schaut nicht hektisch, aber angewidert in die Karte und hilft pionierhaft dem vermutlich völlig verzweifelten Vati, der in seinen Reiseverbindungen nach der Rückfluggesellschaft schaut. Warum der Kellner-Inder für Schinken auf Ei die Lufthansa wissen bräuchte, weiß Vati Ralf auch nicht. Seine Tochter erklärt es ihm: Das Restgeld ist in Pfund. Vati schürzt die Lippen und macht wissend «mhhh”. Dann wird es ihm aber doch zu bunt, verbessert zu werden, und er sagt: «Ich unterhalte mich hier mit dem Herrn Wetherspoon, also bitte!”

Dr. Carsten Schmidt ist ein Freund und Kollege aus Studientagen, der in China Deutsch und Englisch unterrichten soll. Seine Texte erscheinen auch beim Nachbarn Christian Kohlhof.

Mit dem was der mir namenlose Inder der Firma Wetherspoon zum Glück alles so nicht weiß oder versteht, kann man wohl Bibliotheken füllen. Glücklicher Inder!

Dr. Schmidt in Schanghai

Montag, September 15th, 2008

Ich freue mich sehr an dieser Stelle Dr. Carsten Schmidt vorstellen zu dürfen. Er hat an der Universität Potsdam vielbeachtet über Felix Weltsch promoviert, wir kennen uns aus Rostock, wo wir einige Jahre gemeinsam studiert und gearbeitet haben.

Carsten Schmidt ist ein bemerkenswerter Autor und Pointenkünstler. Er hat unter anderem für Universal gearbeitet, deutschen Top-Musikern Texte geschrieben und auf Berliner Kleinkunstbühnen für Jubelstürme gesorgt.

Carsten schreibt zukünftig in diesem Blog über seine Erlebnisse als Deutsch- und Englischlehrer in China. Noch vor seiner Abreise hat er bekräftigt, dass es bei ihm nicht um Hundefleisch oder Tigerpenispulver gehen wird.

Gestern ruderte er nach eigenem Bekunden an Bord einer China-Galeere von Heathrow nach Shanghai. in der Zwischenzeit dürfte er angekommen sein. In lockerer Folge wird er seine Texte nun hier und wenig später auch beim Nachbarn roetel veröffentlichen, den ich an dieser Stelle ebenfalls empfehlen möchte.