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Dürüm mit Kündigung

Donnerstag, August 28th, 2008

Ich stehe an der Glastheke eines gepflegten Dönerladens mit angeschlossener Eckkneipe. Ein Dürüm-Döner am späten Abend nach getaner Arbeit soll es sein. Es duftet verführerisch nach frisch aufgebackenem Brot und leckerem Dönerfleisch, nur dem Chef stinkts gewaltig. Der kleine, gedrungene Mann im roten Polo-Shirt brummelt unaufhörlich etwas in seinen Schnauzer, gestikuliert wild und schaut immer wieder in Richtung der Tür mit der Aufschrift “privat”. Langsam macht er sich an mein Abendessen, murmelt, blinzelt und beginnt das Fleisch zu schneiden. Die blonde Kellnerin von hinter dem Tresen in der Eckkneipe kommt in den Imbissraum, geht hinter die Theke und steht demonstrativ hinterm Dönermann.

Er spürt ihre Anwesenheit, fährt herum und haut ihr fast das halbfertige Dürüm-Paket auf die Brust. “Oh, schuldige. Schaust du. Wenn ich ihr sage machst du so, macht sie nicht.” Dabei zeigt er auf den Dürüm und deutet seine Zubereitung an. “Wenn Gast sag: “Bring bitte Bier’. Sie steht rum. Gucken nur so.”, und er starrt mit in die Hüften gestemmten Armen in die Luft.

Sie kommt in diesem Moment durch die “privat”-Tür. Hübsch, braungebrannte Haut, schwarzes Haar, dunkle Augen, enge Jeans und Oberteil. Sie würdigt den Chef keines Blickes. Die blonde Tresenkraft geht zu ihr. Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links. Beide flüstern sich etwas zu. Wortlos verlässt die Zornerregerin den Laden.

“Was sagen sie?”, fliegt es mir vom Dönerspieß entgegen. “Sie kommt hier rein vor vierzehn Tage. Setzt sich hin, klimpert mit Augen und fragt: ‘Hast du Arbeit’. Sag ich: ‘Ja’. Erste Tage geht gut. Aber dann wird immer schlechter.” Die Kräutersoße fliegt lieblos über Fleisch und Salat. “Ich zahle fümpf Euro Stunde. Aber nich für rumsitzen. Geld nur für Arbeit! Oder wie sehen sie?”

Verlegen nicke ich kaum sichtbar mit dem Kopf. Hoffe, dass mich die hübsche Arbeitsverweigerin nicht dabei sieht. Irgendwie ist mir der Appetit auf den Dürüm, der jetzt auf der Theke liegt, vergangen.

Hauptsache es knallt!

Mittwoch, Januar 23rd, 2008

In einer Berliner WG-Küche öffnet M. den Kühlschrank in der kleinen Küche. Aus Pergamentpapier wickelt er einen Käse aus, der schmeckt wie ein Kuhstall riecht. Eine französische Blauschimmel-Spezialität vom Käsedealer seines Vetrauens. M. behauptet für sich auch “das Käse immer ein bisschen nach Stall schmecken muss.” Proteste gegen Geruch und Verzehr des blau-weiß-gesprenkelten Kaseinkadavers wehrt er routiniert ab. Heute mit den Worten: “Ich bin die Käse-Amy-Winehouse!” Ja, er mampft wirklich alles, was man an Gaumenkitzeln aus Milch herstellen kann.

Köstlich, köstlich, köstlich

Mittwoch, Dezember 26th, 2007

Aus dem braungebackenen Bürzel lugt ein appetlich schrumpeliger Bratapfel und ich weiß, dass sich hinter der verführerischen Süße der Frucht eine lecker-lockere Füllung verbirgt. Zwischen ihren knusprigen Flügeln wölbt sich eine saftige Brust und die Keulen lösen sich ganz leicht aus diesem golbraun-glänzenden Entenberg. Der Rotkohl – wie hingetupft um das köstlich-herzhafte Federvieh. Eingerahmt von gebackenen Kartoffeln auf einem sähmigen Soßenspiegel steht unser Weihnachtsschmaus mitten auf dem Tisch im festlichen Wohnzimmer. Danke Mutti.

Frauenhaus

Freitag, November 16th, 2007

Mehr als ein Jahr war sie weg und nun endlich ist T. zurück aus dem “Land Down Under” . Gemeinsam mit ihrer Symbiontin V. kündigte sie sich für den Abend an. Wiedersehensfreude, Kochlust und die Aussicht auf einen spannenden Abend machten die Zusage leicht. Voll bepackt mit tollen Sachen, die das Schwatzen leichter machen, verpackt in einem faltigen Pappkarton, ritten die beiden ein. Ich hatte versprochen zur Feier des Tages meine Kochkünste anzuwenden – die Wahl fiel auf Pasta mit Spinatsahnesausce, meine berühmte Kartoffelsuppe konnte diesmal nicht überzeugen. Also fix einen Kessel Wasser auf die Feuerstelle geschleppt, nebenbei die Spinatsahnesauce angerührt und die Mädels mit Flaschenöffner und Geschichten versorgt. Mitten im schönsten Plaudern – irgendwo zwischen einem aus Liebesgründen lose gerüttelten Straßenschild und der Einsicht, dass eine Beißhemmung dem Fortgang der Verliebtheit schadet – klimpert die Klingel dazwischen. H. begehrt Einlass. V. erklärt, H. sei die Transportsachverständige und für den sicheren Heimweg der Symbionten zuständig. Gut! Wenig später steht H. in der Tür, nach einer hastigen Umarmung gesellt sie sich zu uns in die Küche. Die Frage “Hast du schon gegessen?” beantwortet sie mit einem ausweichenden “Hmmmm, ööhhmmm…” – also hat sie nichts im Magen. Kurzerhand landet ein weiterer Teller auf dem Tisch, Gabel und Löffel werden daneben gelegt und das Stillleben wird mit einem frischen Bleirohr-Riesling abgerundet. Mit dem Mädelsgeschwader am Tisch wird so ziemlich alles besprochen – kurz: Wir verhandelten Leben, Liebe, Laster. Der Kessel voller Nudeln in cremiger Spinatsauce wurde zwischenzeitlich serviert und dann regelrecht ausgeleckt. Immer wieder landeten die Gabeln stochernd in dem Topf – selbst kleinste Reste wurden zwischen zwei Silben genussvoll von den Gabeln gelutscht. Aus dem kulinarischen Epizentrum des Abends verlegten wir den Fortgang des Wiedersehensbegängnisses auf die 2 Meter “Klippan” im Salon. Das Bild lässt sich treffend mit ‘Hühnerstange de luxe’ beschreiben. Hübsch aufgereiht saßen die drei attraktiven Frauen auf dem Sofa und wir plauderten fröhlich, laut und ausgelassen. Irgendwann gesellte ich mich auf dem letzten freien Platz meines schwarzen Sofas hinzu und der Abend endete mit Hahn im Korb in trauter Viersamkeit.

“Nahversorgung deluxe” vom 03.09.2006

Sonntag, September 3rd, 2006

Die Kantine Kempf ist mein Nahversorgungspunkt, wenn es um eine reichliche und bekömmliche Mahlzeit in heimeliger Kantinenatmosphäre, samt Plastiktablett, freundlicher und handfester Bedienung und kleinen Preisen geht. Von Montag bis Freitag stehen täglich mindestens drei Gerichte zur Auswahl, das was am Vortag nicht so gut ging, kommt als Spezial zu kleinem Preis unters hungrige Volk, frisch zubereitet versteht sich. Das alles ist aber nicht der eigentliche Grund meiner regelmäßigen Besuche. Vielmehr ist es die Mischung von Menschen, die sich dort jeden Tag wieder einfinden. Auf den ersten Blick ist der Altersschnitt weit jenseits der 60, aber längere Feldforschung hat ergeben, dass der Schnitt durch die Anwesenheit der deutlichen jüngeren Verwaltungsmitarbeiter des Rathauses Wedding entscheidend gesenkt wird und zumindest an den Tagen, wenn ich als Fütterungsnesthäkchen an die Traufe strebe, der Durchschnitt nochmals deutlich sinkt. Anlässlich meines letzten Besuchs traf ich auf zwei ältere Herren, Marke Berlin, verrentet, in einem Fall verwitwet, kariertes Hemd, kurzärmelig. Mit reichlich Mittagessen befüllt, empörten sie sich über den aktuellen Gammelfleisch-Skandal. Herr 1: “Ick sach dir, dit mit den Jammelfleisch hat ma den Appetit uff Fleisch orntlisch vadorben. Dit is ne große Sauerei, wat die da mit uns va-anstalten.” Herr 2: “Ick hab dit aber schon imma jeahnt. Wenn ick in Supamarcht jehe und kiloweise Fleisch fürn Appel und n Ei bekomm, denn muss da wat nich stimmen.” Mit bedeutungsschwerem Räuspern, einem kurzen Reiben übers Kinn und tastenden Blicken in das Tischrund endet dieser erste Teil des Gesprächs und ich denke an das, was ich da im Supermarktregal finden kann. Bisher hatte das wenig mit Gammelfleisch zu tun. Der Übergang mag jetzt makaber klingen, aber die beiden Herren beklagten den Tod der herzensguten und sympathischen “oma-die-immer-am-tisch-vor-der-dunklen-nische-sitzt”. Für sie war es immer besonders wichtig an dem einen Tisch, auf dem einen bestimmten Platz zu sitzen, den sie immer besetzte, auch wenn er schon besetzt war. Nun gibt es einen Stammgast weniger in der Kantine Kempf.