Posts Tagged ‘Flucht’

Heimatpessimismus

Mittwoch, Dezember 30th, 2009

In groben Pinselstrichen sind Wolken an den grau blauen Himmel gemalt. Am Horizont hinter der Stadt tastet sich ein zartes orange-rot über den Wald und die Wiesen. Pasewalk liegt im Schlaf, tief und fest. Wenn die Stadt erwacht, wird sie auch nicht vielmehr als träge sein. Die Zeit hat neue Wunden in die Stadt geschlagen, wieder fehlen Häuser, sind neue Leeren zwischen alten Quartieren gewachsen. Kurz hinter dem Markt schorft die nächste Zeile ihrem Ende entgegen. Barock die Eingangstüren, mittelalterlich das Grünstück, modern der Verfall mitten in der Stadt. Fährt man mit der Bahn in die Stadt, aus Berlin kommend, sieht man zuerst die große gelbe Klinik auf einem bewaldeten Hügel stehen und kurz darauf die große St. Marien. Kirche und Krankenhaus, beide zu groß geraten für die kleine Stadt. Siebenhundert Jahre trennen die beiden, vereint sind sie in ihren Gründern. Hoffnungsfroh und stolz waren ihre Architekten, im vollen Glauben an die Zukunft der Stadt. Die Zeit hat alle überholt. Schön sind die beiden trotzdem, als wollten sie der Zeit doch trotzen, herausgeputzt und strahlend. Glitzernd und gelb die Klinik, feld- und backsteinschön Marie. Krankheit und Kirche seien die letzten Überlebenden hier, sagen Menschen zu ihren Füßen.

Dürüm mit Kündigung

Donnerstag, August 28th, 2008

Ich stehe an der Glastheke eines gepflegten Dönerladens mit angeschlossener Eckkneipe. Ein Dürüm-Döner am späten Abend nach getaner Arbeit soll es sein. Es duftet verführerisch nach frisch aufgebackenem Brot und leckerem Dönerfleisch, nur dem Chef stinkts gewaltig. Der kleine, gedrungene Mann im roten Polo-Shirt brummelt unaufhörlich etwas in seinen Schnauzer, gestikuliert wild und schaut immer wieder in Richtung der Tür mit der Aufschrift “privat”. Langsam macht er sich an mein Abendessen, murmelt, blinzelt und beginnt das Fleisch zu schneiden. Die blonde Kellnerin von hinter dem Tresen in der Eckkneipe kommt in den Imbissraum, geht hinter die Theke und steht demonstrativ hinterm Dönermann.

Er spürt ihre Anwesenheit, fährt herum und haut ihr fast das halbfertige Dürüm-Paket auf die Brust. “Oh, schuldige. Schaust du. Wenn ich ihr sage machst du so, macht sie nicht.” Dabei zeigt er auf den Dürüm und deutet seine Zubereitung an. “Wenn Gast sag: “Bring bitte Bier’. Sie steht rum. Gucken nur so.”, und er starrt mit in die Hüften gestemmten Armen in die Luft.

Sie kommt in diesem Moment durch die “privat”-Tür. Hübsch, braungebrannte Haut, schwarzes Haar, dunkle Augen, enge Jeans und Oberteil. Sie würdigt den Chef keines Blickes. Die blonde Tresenkraft geht zu ihr. Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links. Beide flüstern sich etwas zu. Wortlos verlässt die Zornerregerin den Laden.

“Was sagen sie?”, fliegt es mir vom Dönerspieß entgegen. “Sie kommt hier rein vor vierzehn Tage. Setzt sich hin, klimpert mit Augen und fragt: ‘Hast du Arbeit’. Sag ich: ‘Ja’. Erste Tage geht gut. Aber dann wird immer schlechter.” Die Kräutersoße fliegt lieblos über Fleisch und Salat. “Ich zahle fümpf Euro Stunde. Aber nich für rumsitzen. Geld nur für Arbeit! Oder wie sehen sie?”

Verlegen nicke ich kaum sichtbar mit dem Kopf. Hoffe, dass mich die hübsche Arbeitsverweigerin nicht dabei sieht. Irgendwie ist mir der Appetit auf den Dürüm, der jetzt auf der Theke liegt, vergangen.

Taxi-Driver

Freitag, August 15th, 2008

Wahrscheinlich hat das Arschloch, das mich in dieser Woche an der Kreuzung Oranienburger-/Friedrichstraße fast überfahren hätte, diese Szene zu oft gesehen:

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Zugegeben, ich wollte mit meinem schweren Rollkoffer noch schnell über die Ampel, der Taxifahrer bekam fix grün und stieg sofort auf Gas und Hupe. Ergebnis: Schätzungsweise 5 Zentimeter Unterschied zwischen gebrochenen Beinen, kaputtem Koffer undfortgesetzter Gesundheit. Seinem durchs eilig heruntergelassene Fenster gegeiferten Berliner-Schnauzendreck entgegnete ich ein freundliches “Fick dich!”. Beherzt lenkte der Droschken-Irre seine gelbe Dreckskiste mitsamt Fahrgast in einen U-Turn, zielte erneut und raste auf mich zu. Wieder nur wenige Zentimeter Unterschied zwischen Verletzungen und Heilbleiben. “Was hast du gesagt? Ich komm gleich raus, sag ich dir.”, schnauzte der Lenkrad-Affe aus seinem Fahrzeug. “Lass mich in Ruhe!”, setzte ich meinen Weg fort. Und schon sprang der Schnauzbartträger aus seiner Kutsche, holte tief Luft, zog die Schultern ein bisschen hoch und tanzte wie ein paarungswilliger Gorilla hinter mir her. “Ich hau dir gleich eine rein!”, bedeutete er mir. “Lass mich in Ruhe. Außerdem hab ich Grün.”, ließ ich mich nicht beirren. Ein besorgter Fußgänger rief mir schon zu: “Bleib ruhig!” Ich war ruhig und blieb es auch. Meine Straßenbahn fest im Blick, schenkte ich dem wütenden Mietfahrer keine Aufmerksamkeit mehr. Wutschnaubend pflanzte er sich wieder in seinen Benz und rauschte davon. Auch von dieser Stelle wünsche ich ihm nochmals ein herzhaftes “Fick dich!”.

Reiselektüre

Mittwoch, August 13th, 2008

Mitten in Russland, mitten im Leben steckt meine liebe Freundin und Kollegin Diane Hielscher. Für ein halbes Jahr hat sie sich aus Berlin ausgeklinkt und bereist Medwedew-Country. Fernweh und Sehnsucht nach Abenteuer weckt sie damit bei mir. Ganz besonders mit diesem Artikel. Ich wär am liebsten in Berlin den Nachtzug nach Moskau umgestiegen.

Junge Mutter auf der Flucht

Mittwoch, November 7th, 2007

Hamburg Hauptbahnhof an einem kalten Oktoberabend. Auf Bahnsteig 6a haben sich nur ein paar Gestalten verirrt, schließlich ist es schon kurz vor halb elf am Abend und viel mehr als den letzten Zug nach Rostock gibt es hier an einem Feiertag auch nicht zu erleben. “Entschuldigung bitte, was heißt ausgesetzt?” fragt es plötzlich aus meinem Rücken. Eine kleine Drehung in Richtung der Frage und das “Entschuldigung bitte.” bekommt ein Gesicht. Eingerahmt von glänzenden dunklen Haaren, mit einem kleinen silbernen Piercing zwischen Kinn und Unterlippe, sanften dunkeln Augen und matt schimmernder Haut steht ein Mädchen vor mir; zwischen uns drängt sich allerdings noch ein Kinderwagen aus dem es vergnügt quietscht. “Das heißt nichts weiter, als dass der Zug, der hier links steht, gereinigt wird und wir dann einsteigen können.”, entfährt es mir routiniert. “Ah, danke.”, antwortet sie freundlich und beugt sich fast in den Kinderwagen hinein. “Siehst du Schatz, wir kommen doch noch weg.” Wie zur Antwort heißt es aus dem Wagen: “Bah, bah, bah.” Bis zur Abfahrt sind es noch ein paar Minuten, der Schaffner schlendert gelangweilt über den Bahnsteig und kann sich noch nicht entscheiden, ob er den Zug zum Einsteigen freigeben soll. Die junge Mutter kämpft mit einem Getränkeautomaten, steckt immer wieder zwei Münzen hinein, die postwendend laut klimpernd in den Geldrückgabekasten fallen. Neben ihr steht der Kinderwagen, darin das Baby, dass sie nur mit einer dünnen weißen Decke zugedeckt hat, vor ihren Füßen eine kleine blaue Sporttasche. Beharrlich lässt sie das Geld immer wieder klimpern, bis es endlich drin bleibt in der Maschine. Die Belohung für das Geduldsspiel: Ein kleine Tüte “Capri Sonne”. Ich finde, dass dem Baby ganz schön kalt sein muss, bei schätzungsweise nichtmal 10 Grad unter der dunklen Kuppel mitten in Hamburg. “Lassen Sie uns doch einfach mal unser Glück versuchen und in den Zug einsteigen.”, sage ich unvermittelt zu dem Mädchen. Ein bisschen verunsichert schaut sie mit ihren schönen dunklen Augen zurück. “Ja, meinen Sie wirklich?” – “Kommen Sie!” und ich nehme sie fast an die Hand. Vorbei an der Treppe klopft mein Herz schneller, die erste Tür, hinter der Wärme und ein halbwegs weicher Sitz warten, öffnet sich nach einem beherzten Druck auf den grün beleuchteten Knopf nicht. “Vielleicht müssen wir noch ein bisschen warten?”, kommt es leise hinter meiner Schulter vor. “Ach was, gehen wir einfach noch einen Wagen weiter.”, klinge ich fast wie mein Vater damals, als wir jedes Jahr mit dem Zug in den Urlaub fuhren. Und tatsächlich, die nächste Tür öffnet sich. Ein Schwall warmer Luft weht uns entgegen. Schnell die eigene Reisetasche an die Seite gestellt, Arm ausgestreckt, Kinderwagen an der Achse gepackt und zwei Schritte zurück – drin ist er. Hinterdrein sie – jung, vielleicht neunzehn oder zwanzig, zu dünn und zu attraktiv gekleidet für den Herbst. Das enge, tief dekolltierte Oberteil passt nur schwer zum grau-gestreiften Minirock, der bis knapp über die Knie reicht. Alles wirkt hastig zusammengesucht, improvisiert. Sie ist verdammt hübsch. “Du bist Hamma Baby, yeah”, quäkt es plötzlich aus ihrer geschmacklosen Handtasche. Hastig parkt sie den Kinderwagen im Fahrradabteil, wirft die Tasche vor das Gefährt und fingert schnell an der schwarzen Handtasche, die immer noch “Du bist Hamma!” singt. – “Jaaa?”, seufzt sie halb erschöpft, halb traurig in das abgegriffene Klapphandy, dass sie schließlich aus der Tasche gewrangt hat. “Nee, wir sind weggekommen. Ich sitz jetz im Zug nach Rostock – wir sind kurz nach eins da. Könnt ihr mich dann abholen?” – das andere Ende antwortet und ihre Stirn legt sich in Falten. “Könnt ihr ihn denn nich wach machen und mich abholen lassen? Sonst steh ich nachher aufm Bahnhof und weiß nich wohin.” – “Bitte!” – und wer diesem “Bitte” widersteht ist gefühllos. Die Runzeln auf der Stirn werden schließlich kleiner und verschwinden ganz. Sie atmet vernehmbar aus und klappt das Telefon zu. Warum bin ich eigentlich neben ihr stehen geblieben? “Kommen sie doch mit ins Abteil, da können sie besser sitzen. Ist gemütlicher dort.”, fordere ich sie auf. “Ja, aber der Kinerwagen?!? – Ach den lass ich einfach hier stehen.” Mit meinem Gepäck walze ich in die erstbeste Viersitzergruppe links, wenig später kommt sie bepackt mit Baby, Tasche und Handgepäck und setzt sich rechts von mir. “Guck mal Ian”, sagt sie zu ihrem Sohn als der Zug anfährt. Ian blubbert vor Glück und patscht mit seinen kleinen Händen vergnügt auf meine Schulter. Zugegeben, der vorbeiziehende Bahnhof mit seinen vielen Lichtern, den ein- und ausfahrenden Zügen und die Fahrt in die Dunkelheit sind faszinierend. Als Ians Mutter ihre kurze, graue Jacke auszieht verströmt sie einen betörenden Duft, ganz weich und anschmiegsam. Jetzt nur nich schnaufen beim Einatmen. Leise, langsam und kraftvoll ziehe ich ihren Duft durch meine Nase ein. Lasse meine Lungen diesem Nasenwahnsinn vollaufen, werde gierig, ziehe noch mehr davon nach. ,Bleib ruhig Junge!’ schießt es mir durch den Kopf. Ich bin ganz verspannt. Sie dagegen sitzt locker neben mir, die Füße gegen den Sitz gegenüber gepresst, die Beine angewinkelt und Ian thront auf ihrem Schoß und lehnt sich an die Oberschenkenkel. Der kleine Mann ist höchstens ein halbes Jahr alt und der Tag war für ihn offensichtlich anstrengend. Die kleinen Augen sind ganz rot und unter Ihnen zeichnen sich dunkle Ringe ab. Trotzdem ist er quietschvergnügt, sein Strampler müsste mal gewechselt werden, ist schon ganz fleckig und grau. Ich frage mich, ob der Kleine die lange Fahrt nach Rostock genauso fröhlich nimmt wie den Rest des offensichtlich langen Tages. Wenig später ist klar, das Ian unter dem Stress leidet. Er quengelt, jammert, strampelt und heult wütend ohne Tränen. Mit Spielchen, kleinen Geschichten und meiner Zeitung kann er immer wieder kurz den Stress vergessen. Zwischendurch kotzt er auf den Sitz. «Hamma!» – quäkt es aus der Handtasche. «Ja, kurz nach eins sind wir da – nein es ging nicht anders. Ich war heute bei ihm und hab ihm gesagt, dass es so nicht weiter geht und wollte Ian abholen.» – Endlich wird klar, warum sie 200 Kilometer Sicherheitsabstand sucht. – Fast eine halbe Stunde lang muss sie erklären, dass Ians Vater Drogen nimmt, die Miete versäuft und den Kleinen vernachlässigt. «Ich bin da rein und hab gesagt ich will den Kleinen. Aber er wollte ihn nich rausrücken. Da bin ich einfach durch und hab ihn mir geschnappt, bin einfach weg. – Nee – Ja – Nee, ich hatte ja noch Sachen für ihn zu Hause.» Vielmehr als der klapprige Kinderwagen, die dünne Decke, sein Fläschchen und ein halbvolles Glas Babybrei können es nicht gewesen sein. Mehr als ihre Sachen auf dem Leib und das Nötigste für Ian hat sie nicht dabei. Ich nicke zwischendurch weg, werde von Ians Gequengel wieder wach. Inzwischen ist das Abteil leer, alle anderen Fahrgäste sind weg. Ausgestiegen oder genervt von dem kleinen Schreihals – ich weiß es nicht. Wir kommen nicht ins Gespräch. Lächeln uns immer wieder an, aber irgendwie kommt nicht mehr als das Lächeln oder ein wissendes Nicken heraus. Sie ist so verdammt hübsch und strahlt eine wunderbare Wärme aus. Ihr Duft kriecht mir immer wieder in die Nase und meine Nackenhaare stellen sich auf. Dann: Rostock Hauptbahnhof – kalter Wind weht und der Bahnhof ist still, nur das Huschen der aussteigenden Fahrgäste ist zu hören. Wieder der beherzte Griff zur Kinderwagenachse und draußen ist Ian in seiner Kutsche. Ich richte mich wieder auf und blicke beim Umdrehen in zwei blasse Gesichter. Grimmig schauen die beiden jungen Männer drein. Sie haben struppige rotblonde Haare, einer ist ebenso rothaarig schlecht rasiert. Ihre Klamotten sehen aus wie frisch aus dem Altkleidercontainer – ausgeleiherte Billigware der Marken adidas und Nike. «Ey, schieb hierüber.», raunzen sie über mich hinweg. Müde und abgekämpft gehe ich einfach meiner Wege und merke, dass die beiden Struwwelpeter Ian und seine Mutter in Empfang nehmen. Tief in meinem Inneren hatte ich mir gewÃ
¼nscht, sie würde nicht abgeholt und ich hätte ihr weiterhelfen können. Aber ich weiß nichtmal ihren Namen.