Posts Tagged ‘Kinder’

Durchsagen gehen durch und durch

Donnerstag, September 25th, 2008

Berliner U-Bahnfahrer: Oft dick, mit wenigen Haaren oder Vokuhila-Fifi und immer sprachgewaltig. Sie sind die heimlichen Mikrofonstars Berlins, denn die Rampensäue im Führerhaus scheuen sich nicht im grellen Licht der U-Bahnhofs-Bühnen ihre Kunst zu zeigen.

Szene 1:

Ein schmaler Bahnsteig, flackerndes Neonlicht. Die U-Bahn-Stimme sagt: “Einsteigen bitte!”, vereinzelte Fahrgäste springen noch hinein. “Zurückbleiben bitte!”, sagt die U-Bahn-Stimme, da kommt ein langhaariger junger Mann noch angesprungen, die Türen schließen sich bereits, er greift beherzt in den immer kleiner werdenden Raum zwischen den Türen und stemmt sich gegen den Schließvorgang. Er will unbedingt noch mit. Da knackt es kurz, rauscht und plötzlich donnert es aus den Lautsprechern: “Welschen Tail von zurückbleim bitte ham sie nisch vastanden?” Der Nachzügler schaut wie vom Donner gerührt und lässt los. Die Türen schließen sich, die Fahrgäste schmunzeln, die U-Bahn fährt los.

Szene 2:

Mitten in einer Wochenendnacht. Der U-Bahn-Wagen riecht schon ein bisschen wie Kneipe, eine Bierflasche durchrollt klimpernd immer wieder das Abteil. Vier Jungs in viel zu weiten Hopper-Klamotten lümmeln auf den Polstern. An der nächsten Station steigen sie aus. Die Bahn fährt wieder an. Die Jungs schlagen mit ihren Händen und Füßen gegen die Wagen. Abrupt stoppt der Zug. “Na Jungs, stischt der Hafer oder wat?”, klingt es abgeklärt es aus den Lautsprechern.

Koffein für untenrum

Donnerstag, September 11th, 2008

Am Kaffeetisch bei leckerem Streuselgebäck. Vaddi am Kopf der Tafel, Muddi gegenüber. Die Kinder an den Seiten des Tischs. Man fachsimpelt über den heimischen Garten, spricht über die Schule und die Urlaubsplanung. Irgendwann kommt das Gespräch auf die müde vor sich hinwelkenden Zimmerpflanzen, deren Pflege Vaddi als seine vornehmste Pflicht ansieht, dabei aber glücklos bleibt. Allerlei Tipps und Tricks hat er schon versucht. Muddi will ihm noch einen Rat geben, als sie des Kaffeesatzes in ihrer Tasse angesichtig wird und sich an Omas Tipp erinnert. “Du Heinz, Kaffeemösen Rosengrund!” – Den pubertierenden Kindern fallen die Streusel aus dem Gesicht, Vaddi guckt verdutzt, Muddi räuspert sich kurz. “Kaffeegrund mögen Rosen. Vielleicht hilft das auch den Zimmerpflanzen?”, wiederholt Muddi ihr Anliegen. Alle nicken und glucksen dabei. Vaddi Heinz bemerkt noch kurz: “Wir versuchen das mal. Aber ohne die Unterleibsgeschichte.” Alle lachen.

Leuchtende Kinderaugen

Montag, November 12th, 2007

Mit dem Intercity reise ich bevorzugt, denn die Sitze sind bequem, die Abeile großzügig und meist haben sie einen Steuerwagen. In diesem Waggon mit Cockpit sitzt der Lokführer und steuert den Zug, während die Lok am anderen Ende schiebt. Ich liebe diese Steuerwagen so sehr, weil ich dem Lokführer bei der Arbeit über die Schulter schauen kann und sehe, was er dort so alles anstellt damit sich der Zug in Bewegung setzt. Auch heute wählte ich meinen Sitzplatz im Steuerwagen des Intercity nach Stralsund, verließ den Platz aber wie immer kurz vor der Abfahrt, um dem Lokführer bei der Ausfahrt aus dem Rostocker Hauptbahnhof zuzuschauen. Diesmal war die gläserne Schiebetür zum IC-Cockpit sogar auf und so lehnte ich mich gewollt entspannt an de Seitenwand davor und begann zu schauen. “Kommen sie soh herein und setzen sie sich auf den Sitz da.”, bedeutet mir der Lokführer plötzlich. “Dafür ist der ja da.”, meint er. Ich kann mein Glück gar nicht fassen uns nehme Platz, links von dem Mann, der den Zug gleich in BEwegung setzen wird. Er geht kurz hinter mir vorbei, öffnet das Seitenfenster, schaut nach hinten heraus, winkt mit dem rechten Arm, schließt das Fenster und setzt sich wieder auf seinen Sessel. Er rutscht ein bisschen hin und her, legt mehrere Schalter um und schiebt einen etwas längeren Stab nach vorn. Und los geht’s! Und ich vorn dabei! Und das nicht etwa nur bei einem Bahnhofsfest, auf einer Eisenbahnmesse oder im Simulator – Nein! – im Regelbetrieb auf einem planmäßigen Zug! Jubel brandet in mir auf, meine Augen gehen fast über. Routiniert steuert der Lokführer unseren Zug. Ich breche das betretene Schweigen mit der mir passend erscheinenden Frage: “GDL oder Transnet?” – “GDL natürlich!”, antwortet der Lokführer. Geduldig beantwortet er immer wieder meine Fragen, die ich stelle wenn es mir passend erscheint, schließlich soll er konzentriert den IC steuern und nicht ins Schwatzen kommen. Satte 502 Tonnen setzt er heute in Gang, fährt lieber schnell als langsam, ärgert sich über den Streckenzustand zwischen Hamburg und Bremen, weil dort eigentlich 200 Stundenkilometer möglich sind, er aber seit gut einem Jahr “nicht mehr auf einem Meter die Gewschwindigkeit erreicht, weil die Strecke in so schlechtem Zustand ist.” Bis nach Stralsund sitze ich im Führerstand des IC-Steuerwagens, beobachte meinen Helden im Cockpit und freue mich wie ein kleiner Junge. Mit einem “Danke und schönen Tag noch.” verabschiede ich mich in Stralsund. Ich glühe vor Glück.

Bei Rot über die Ampel

Samstag, November 10th, 2007

Klein, blond und in viel zu engen Hosen stolziert eine Gruppe vielleicht 12- oder 13jähriger Mädchen von der Straßenbahnhaltestelle in Richtung ihrer Kinderzimmer. Die drei Mädels sind aufgeregt – noch wird nicht ganz klar warum. Das Scheppern eines blechernen MP3-Klingeltons bringt Klarheit. Die kleinste und blondeste der drei Grazien – zu allem Überfluss entblößt sie auch ihre Nierengegend und die zu enge Hüftjeans lässt ihren Babyspeck über die Gürtellline quellen – röhrt in ihr Telefon: “Ick bin so sauer. Zehn Euro musst ick bezahln. Ick bin bei Rot über die Ampel gegangen, aber neben mir ging nochn’ alter Mann rüber, aber der musste nüscht bezahln. Die scheiß Schweriner Bullen sind so kinderfeindlich, die Fotzen.” – lässt sie ihren Gesprächspartner und die Straße wissen.

Langes Schweigen beendet

Donnerstag, Dezember 7th, 2006

Wahnsinn, sind ja schon fast vier Monate vergangen, seit ich hier angefangen habe. Nun, Besserung sei gelobt und künftig ab und zu ein Text hier veröffentlicht.

Heute Wedding 1:

Mein Kiez in Berlin ist der Sprengelkiez, eingezwängt zwischen Seestraße, Müllerstraße, der Ringbahn und einem viel zu breiten Kanal. Im Kiez werden mehr als dreißig Sprachen gesproche und gleich bei mir an der Straßenecke ist ein Stadtteilbüro mit netten Mitarbeitern, die mir als zugezogenem sofort mit Rat und Tat zur Seite standen. In meiner Straße drängen sich drei Kulturvereine, eine Bäckerei, ein Wettbüro, ein wiedereröffneter Imbiss mit leckerer Pasta und Pizza, eine Weiterbildungseinrichtung und ein Laden aus dem dunkelhäutige Männer und eine ziemlich dicke Frau immer stapelweise Elektronik in Kombis verladen. Der örtliche Asia-Bistro-Restaurant-Imbiss ist direkt in das Kurt-Schumacher-Haus integriert und an allen Straßenecken gibt es eine Bierquelle (heißt manchmal auch tatsächlich so).Ich wohne also in einem Wirtschaftszentrum Berlins.
Nur wenige Tage nach meiner Ankunft konnte ich mich mit einer Studie frühkindlicher Geschäftstüchtigkeit befassen. Ein Junge, dunkles Haar, blauer Pullover, dunkle Hose vorwitzige Augen und seine Schwester (vermutlich) spazierten immer wieder die Burgsdorfstraße entlang und spielten (vorgeblich). Bei näherer Betrachtung und im Rückschluss waren sie ausgebuffte Wirtschaftsspione, denn als ich mich in Richtung U-Bahn begab, standen die beiden am lokalen Kaugummi-und- Nippes-für-20-Cent-Automaten und er pulte mit einem kleinen Draht wiederholt in dem Gerät und zockte erfolgreich mehrere Kaugummis und kleine Kugeln mit Nippes drin ab. Glanzleistung ohne erwischt zu werden, denn der Automat hängt nahe des damals noch unbewirtschafteten, jetzt aber wiederbetriebenen, Schnauze-Voll-für-zweifuffzich-Ladens. Amüsiert beobachtete ich die Geschichte und vergaß sie in der U-Bahn fast schon wieder. Bei meiner Rückkunft brach ich allerdings in schallendes Gelächter aus, denn just jener dunkel-strubbelige Bengel saß nun auf den Stufen eines Hauses in meiner Straße und bot auf einer kleinen Decke, wer weiß wo er die her organisiert hatte, allerlei Waren feil. Eine Puppe, mehrere Matchbox-Autos, Nippeskugeln aus dem Automaten und eine Packung Stofftaschentücher. Und mit der größtmöglichen Unschuld fragte er mich, den Passanten, den er nicht wiedererkannte: “Was darf isch Ihnen anbieten?”.