Der Historiker Stefan Rahde hat über ein Jahr für das Pasewalker Museum gearbeitet. Im Dezember hat er ein Gutachten verfasst, das sich sehr kritisch mit dem Museum auseinandersetzt und auch seine eigene Arbeit
dokumentiert. Das Fazit: Es wurde viel getan, das Museum hat trotzdem große Probleme. Die Stadt muss sich den Problemen in ihrer Museumslandschaft stellen.
Herr Rahde, aus welchem Grund ist dieses Gutachten entstanden?
Zum Einen, um der Stadt zu erklären, in welcher Situation sich das Museum befindet und welche Veranstaltungen organisiert worden sind. Zum Anderen ist es auch eine Art Abrechnung meiner Arbeit, die ich dort im vergangenen Jahr erbracht habe.
Ihr Gutachten verfolgt einen Zweck. Welchen?
Die Besucherzahlen sind massiv eingebrochen, ich versuche die Gründe dafür einmal nachzuvollziehen. Trotz der negativen Zahlen will ich aber auch zeigen, dass sich das Museum positiv entwickelt hat, denn wir haben eine gewisse Kontinuität in die Arbeit bekommen und Vertrauen in der Stadt zurückgewinnen können, weil wir wieder mit wissenschaftlicher Substanz arbeiten.
Aber wie geht denn das zusammen? Weniger Besucher, aber eine bessere Arbeit. Wie kann man das erklären?
Wenn man sich die Besucherstatistik genau anschaut, dann haben wir weniger ein Problem mit Individualbesuchern, sondern vielmehr bei Gruppen und da ganz besonders Schulgruppen. Wir haben sogar einen leichten Zuwachs bei den erwachsenen Einzelbesuchern, die Schülerzahlen sind aber rückläufig. Ich habe projektbegleitetend an Sonderausstellungen und Vorträgen gearbeitet. Der Teil, der immer im Museum lief, Stadt – und Museumsführungen, war nicht meine Aufgabe, aber hier muss massiv nachgebessert werden.
Sie haben über ein Jahr für das Museum gearbeitet. Auch in ihrer Zeit sind die Besucherzahlen gesunken. Das kann doch nicht ausschließlich an den Jugendgruppen liegen.
Doch! Es fehlen die Gruppen, nicht unbedingt nur Schülergruppen, die dafür sorgen, dass auch mal eine Menge Leute in das Museum kommen oder durch die Stadt geführt werden.
Was könnte das Museum ihrer Ansicht nach denn an dieser Stelle besser machen? Sie müssen dabei ja auch im Blick behalten, das Pasewalk bis zum Hals in Schulden steckt und die Museumsarbeit eher weniger, als mehr
kosten darf.
Die Stadt darf nicht länger auf Besucher warten, die irgendwie auf das Museum aufmerksam werden; also über die Internetseite oder andere Außenwerbung. Man muss zum Beispiel aktiv an die Schulen gehen. Stellen
Sie sich einmal ein Konzept gemeinsam mit Geschichts- und Kunstlehrern vor, in dem man nicht nur eine Museumsführung anbietet, sondern auch darauf bezogene Projektarbeit. Das heißt, man wäre einen Tag im Museum, schaut sich zum Beispiel Keramik aus der Geschichte an und in den Schulen versucht man in einem zweiten Schritt die Keramiken nachzutöpfern. Dabei kann Geschichte sehr lebendig vermittelt werden. Im Grunde ist das Pasewalker Museum nämlich kinderunfreundlich, weil es zu wenig zum Anfassen gibt. Wir haben sehr gut aufgearbeitetes Material, aber das steht hinter Glas. Für Schüler ist das Material viel besser in so einem Workshop zu begreifen und das fördert auch das Bewusstsein für den Kulturraum Stadt Pasewalk.
Pasewalk hat nur etwas mehr als 11.000 Einwohner. Im zu Ende gehenden Jahr werden nur etwas mehr als 1600 Besucher im Museum gewesen sein. Also nicht mal alle Pasewalker waren einmal im Museum. Wie wollen Sie das denn ändern?
Nun, es ist ja nicht so, dass in den vergangenen Jahren im Museum nur der Notstand verwaltet wurde. Das Museum macht sehr gute und auch sehr gut besuchte Veranstaltungen. Denken Sie an die Museumsnacht und den internationalen Museumstag, die dem Museum hunderte Besucher bringen. Das Haus wird wahrgenommen. Ein zweiter Aspekt sind die kleineren Veranstaltungen, wie etwa die gerade zu Ende gegangene Reihe mit
Fachvorträgen, die dem Museum eine ganze Reihe Pasewalker Besucher gebracht haben.
Ganz überzeugend ist das mit Blick auf die Besucherzahlen aber nicht.
Man muss schon attestieren, dass sich das Museum ein bisschen versteckt. Die Außenwirkung an seinem Standort ist recht schlecht. Es mangelt an sichtbarer Außenwerbung, denn es wird nicht klar, dass das Nebengebäude des Prenzlauer Tores ein Museum in sich birgt. Der Zugang ist ja fast burgenhaft tiefliegend im Schatten zwischen Tor und Haus verborgen. Und da zeigt erstmal nichts, dass es dort ein Museum gibt, man muss erst die Öffnungszeiten in der Türnische entdecken. Auf dem Museumsparkplatz kann man zumindest das ‚I‘ der Stadtinformation im Glasbau erkennen. Der Hinweis auf das Museum müsste aber ebenso groß präsentiert werden.
Schlechte Beschilderung, sinkende Besucherzahlen und weniger Schüler im Haus. Das sind große Probleme des Museums. Krankt es an noch mehr?
Es fehlt ein Museumsleiter. Bis 2007 war die Stelle besetzt, seit dem ist nur noch eine Sachbearbeiterin im Haus, die die Geschäfte führt und für wirklich alles zuständig ist. Sie war ja auch meine Ansprechpartnerin. Das
ist doch nur Flickschusterei. Wir müssen uns auch mal bewusst machen, dass wir in Pasewalk einen der wenigen Museumsneubauten in M-V nach der Wende haben. Der erste Museumsleiter, Herr Houdelet, hat da großartige Arbeit geleistet. Mit einem Museumsleiter könnte die Arbeit wieder viel kontinuierlicher und fundierter gemacht werden.
Kommen wir einmal weg von den Problemen des Hauses. Hat das Museum noch Potentiale, um aus sich selbst heraus besser zu werden?
Wir haben einen gut fundierten Grundstock mit der Dauerausstellung im Museum, die uns auch von anderen Museen im Land abhebt. Aus den Bezügen der Stadtgeschichte ergeben sich auch neue Ideen, die für das nächste Jahr auch schon angeschoben sind. Nehmen wir das Beispiel Hugo Lemcke: Der gebürtige Pasewalker ist ein wichtiger Mann für die Aufarbeitung der pommerschen Bau- und Kunstgeschichte. Im nächsten Jahr jährt sich sein Geburtstag zum 175. Mal. In Stettin wird er bereits gewürdigt, in Pasewalk muss das auch geschehen. Aus dem Magazinbestand könnte man auch Sonderausstellungen erstellen, dazu müsste man dort aber die Inventarlisten überarbeiten. Weitere Potentiale bietet auch die kleine Vortragsreihe, die wir ganz bewusst im Museum und nicht im Historischen U gemacht haben. Das hat Leute auf das Haus aufmerksam gemacht. Wir müssen ein lebendiges Museum gestalten! Wir sind nicht nur ein Schauraum, man muss auch aktiv etwas gestalten können.
Pasewalk hat nicht nur das Stadtmuseum sondern auch ein Feuerwehrmuseum und den Lokschuppen. Sie kämpfen für das Museum allein. Ist das noch zeitgemäß? Ist nicht eher ein umfassendes Konzept für die Museen in der Stadt nötig?
Ja, das ist richtig. Der Lokschuppen ist aber ein ganz eigenes Problem. Er wurde mit viel Enthusiasmus und Initiative aufgebaut, von der Pomerania mit der Gießkanne gefördert und wird jetzt zum Finanzierungsproblem. Das aber lassen wir einmal außen vor. Wir haben zwei technische Museen und das Stadtmuseum. Der Gedanke eines Museumskonzepts ist natürlich richtig, diesen Weg müsste man auch gehen. Man muss die Museen der Stadt ersteinmal vernetzen. Es wäre doch sehr wünschenswert, wenn sie sich auch gegenseitig bewerben würden und einen gemeinsamen Öffnungstag hätten. Es ist absolut nötig die Museen zu vernetzen, wobei die Fragen der Trägerschaft und Finanzierung in den einzelnen Fällen im Blick bleiben müssen.
Fassen wir also einmal zusammen: Pasewalk ist eine kleine Stadt, hat aber eine richtig gute Museumslandschaft, man muss aber noch dran arbeiten. Wie könnte das denn aussehen?
Richtig. Aber eine konkrete Idee habe ich noch nicht. Alle Beteiligten könnten sich aber zumindest einmal zusammensetzen und Ideen finden.
Sie bilanzieren mit dem Gutachten sowohl die Arbeit des Museums, als auch ihre eigene. Am Ende schreiben Sie, dass sie auch für die Umsetzung ihrer Vorschläge zur Verfügung stehen. Das ist quasi eine Bewerbung. Ist das nicht einfach nur frech, den Verantwortlichen erstmal die Leviten zu lesen und hinten heraus zu schreiben: ‚Ich würde es trotzdem gern machen‘?
Nein, das sehe ich nicht so. Ich lege der Stadt gegenüber Rechenschaft ab und es soll eben auch eine Hilfestellung sein, weil ich darum weiß, dass es im nächsten Jahr eher noch schwieriger wird, aktive Arbeit vor Ort zu leisten. Ich biete meine Unterstützung an und das Gutachten ist auch ein Übergabeprotokoll für einen etwaigen Nachfolger. Es gibt viel zu tun im nächsten Jahr, auch wenn das nicht mehr mit meiner Person verbunden sein sollte.
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Das Interview wurde am 20.12.09 telefonisch geführt und ist hier nicht wortwörtlich wiedergegeben. Es wurde dem Interviewpartner zur Autorisierung vorgelegt, einzelne Formulierungen sind der Schriftsprache angepasst worden, die den Sinn der Worte allerdings nicht verändern.