In teuren Jeansklamotten, dunkelhäutig und mit nervösem Blick steht er an einer Häuserecke in Berlin. Mit beiden Händen fest umklammert hält er ein kleines schwarzes Buch. Viele Menschen laufen an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Auch ich schlendere erstmal weiter, besinne mich aber, denn er spricht die Menschen ganz verschüchtert an. Irgendwie hilflos und fragend, nicht so wie die Typen von der Jehova-Bande, die einem forschen Schrittes entgegen eilen, um ihr zwielichtiges Heilsverprechen an den Mann zu bringen.
Auf dem Hacken also kehrt, zwei, drei Schritte auf den Typen zu. Er freut sich, die Augen flackern aber gleich wieder nervös los. Er fingert hastig in den letzten Seiten seines kleinen schwarzen Buches herum, sagt: “Universität Humboldt?!?”, und zeigt in seinem Büchlein auf die Entsprechung in seiner Sprache. Weder des Deutschen noch des Englischen mächtig steht er verloren vor mir. Ich zeige auf das U-Bahnschild an einem Haus, nur wenige Meter von uns entfernt, sage “U-Bahn to Alexanderplatz. Then S-Bahn to Friedrichstraße.”, einfacher bekomme ich es nicht hin. Beflissen wiederholt er den ersten Namen, schon am zweiten scheitert er.
Also gut, mitnehmen den Mann, damit er hier nicht völlig scheitert. Mit der Hand zeige ich erst nochmal auf das U-Bahn-Schild, dann auf ihn und mich und gehe los. Es funktioniert! Er folgt mir. Auf dem U-Bahnsteig läuft er erstmal weiter, ich rufe ihn zurück, um auf dem Streckenplan seinen Reiseweg zu zeigen. Wieder spricht er die Worte “Alegsanderblatz, Friehndrickschdrasse?” und schaut so verloren wie eben noch im Tageslicht. Gemeinsam steigen wir in die U-Bahn. Nochmal zeige ich die Reiseroute, diesmal scheint er zu verstehen, denn ich kringele die Stationen auf einem Faltplan ein, setze mich dann ans andere Ende des Wagens.
Meine Hoffnung zerplatzt schon am U-Bahnhof Alexanderplatz. Zielstrebig läuft er in die falsche Richtung – an mir vorbei. “Hey! Follow me!”, rufe ich hinterher. Verdattert dreht er sich um, schaut kurz komisch, läuft aber doch mit, immer einen halb Schritt hinter mir her. Ecken mag oder kennt er nicht, für ihn geht’s immer nur geradeaus. Zweimal müssen wir abbiegen, zweimal muss ich ihm hinterherrufen. Fast entschuldigend guckt er mich dann an wenn wir den Weg gemeinsam fortsetzen. Wir schaffen es bis auf den S-Bahnsteig. Ich wiederhole das Friedrichstraßenmantra, skizziere noch einfachstmöglich den Weg vom S-Bahnhof zur Humboldt-Uni auf einer Seite in seinem Buch, die für Notizen vorgesehen scheint (ja ja, Berliner kennen bestimmt kürzere Wege, aber versucht mal jemandem ohne sprachliche Hilfsmittel den Umstieg in mehrere Buslinien, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite halten und ihn zur Uni bringen könnten, zu erklären).
Die S-Bahn in Richtung Friedrichstraße rollt heulend ein, ich muss in die andere Richtung. Er zeigt auf den Zug, ich nicke. Mit fragendem Blick steigt er ein, die Türen schließen sich.
Wenn ich ihn heute wieder so verloren treffe, dann nehmen ich ihn an die Hand und bringe ihn persönlich ins Studentensekretariat.