Posts Tagged ‘Nachdenken’

Yes we can!

Donnerstag, September 25th, 2008

Auf der rechten Seite gibt es Zuwachs mit Beobachtungen vom rechten politischen Rand. Dort habe ich das NPD-Blog des Journalisten Patrick Gensing verlinkt und mit einem RSS-Feed versehen. Gleiches gilt für das Projekt Endstation Rechts aus Mecklenburg-Vorpommern. In beiden Fällen gibt es das Chaos, die Menschenverachtung, das pseudo-politische Gewäsch und die widerlichen Fratzen vom äußerst rechten Rand der Gesellschaft ungefiltert zu sehen und zu lesen. Unbedingt mal reinklicken.

Ypsilantis Telefonproblem

Sonntag, September 21st, 2008

Andrea Ypsilanti ist einem so genannten “Spaß-Telefonat” des niedersächsischen Privatsenders ffn auf den Leim gegangen, sie wollte das Gespräch nicht freigeben, ihr Fraktionsgeschäftsführer Mende hat die Ausstrahlung dann endgültig untersagt. Das Gespräch tauchte aber einen Tag später in einer durchproduzierten Version bei You Tube und anderen Videoportalen auf. Soweit so bekannt.

In einschlägigen Foren wie diesem wird eifrig über das Telefonat und seine Veröffentlichung debattiert. Den dämlichsten Beitrag lieferte allerdings am 19.09. ein Mann, der es eigentlich besser wissen müsste. Christoph Lemmer, Radiojournalist in Berlin, drückte sich ein buntes Potpourri aus Halbwissen und politischer Meinungsmache aus dem Rücken. Reichweitenstark, die Internetseite Radioszene.de wird stark von Radiomachern und -hörern frequentiert.

Nach der Lektüre des Artikels habe ich mich gefragt, wie er wohl reagierte, wenn man ihn telefonisch danach fragte, ob er die süße Senderchefin damals wirlich gebumst habe, um den Job als Nachrichtenchef zu bekommen und die Antwort dann so breit wie möglich veröffentlichte. Oder nach den demokratischen Prinzipien in Redaktionen von Privatsendern oder seinem Parteibuch oder seinen Gehaltsverhandlungen, dem Gesundheitszustand seiner kranken Mutter, seiner Bewerbung bei einem anderen Sender, obwohl er noch festangestellt ist….Das ließe sich beliebig lange fortsetzen…

Langweiler im Kostüm

Mittwoch, September 17th, 2008

Dorotee Bär (30) und Carsten Schneider (32) sind die jüngsten Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Und sie sind furchtbar langweilig, zumindest morgens im ARD-Frühstücksfernsehen. Frau Bär sieht aus wie ihre eigene Großmutter, Herr Schneider guckt einfach nur verkniffen. Beide erzählen Werner Sonne, der immer aussieht wie sein eigener Großvater, wie toll die Arbeit der Großen Koalition doch sei, was man alles erreicht habe, dass die Medien schon den Wahlkampf ausriefen, die tägliche Sacharbeit spiele dagegen kaum eine Rolle. Da standen Friede, Freude und Eierkuchen im Gespräch und die Zeit wollte nicht vergehen. Warum gleich wurden sie interviewt? Ich hab’s vor lauter Gähnen vergessen.

Dr. Schmidt in Schanghai

Montag, September 15th, 2008

Ich freue mich sehr an dieser Stelle Dr. Carsten Schmidt vorstellen zu dürfen. Er hat an der Universität Potsdam vielbeachtet über Felix Weltsch promoviert, wir kennen uns aus Rostock, wo wir einige Jahre gemeinsam studiert und gearbeitet haben.

Carsten Schmidt ist ein bemerkenswerter Autor und Pointenkünstler. Er hat unter anderem für Universal gearbeitet, deutschen Top-Musikern Texte geschrieben und auf Berliner Kleinkunstbühnen für Jubelstürme gesorgt.

Carsten schreibt zukünftig in diesem Blog über seine Erlebnisse als Deutsch- und Englischlehrer in China. Noch vor seiner Abreise hat er bekräftigt, dass es bei ihm nicht um Hundefleisch oder Tigerpenispulver gehen wird.

Gestern ruderte er nach eigenem Bekunden an Bord einer China-Galeere von Heathrow nach Shanghai. in der Zwischenzeit dürfte er angekommen sein. In lockerer Folge wird er seine Texte nun hier und wenig später auch beim Nachbarn roetel veröffentlichen, den ich an dieser Stelle ebenfalls empfehlen möchte.

Koffein für untenrum

Donnerstag, September 11th, 2008

Am Kaffeetisch bei leckerem Streuselgebäck. Vaddi am Kopf der Tafel, Muddi gegenüber. Die Kinder an den Seiten des Tischs. Man fachsimpelt über den heimischen Garten, spricht über die Schule und die Urlaubsplanung. Irgendwann kommt das Gespräch auf die müde vor sich hinwelkenden Zimmerpflanzen, deren Pflege Vaddi als seine vornehmste Pflicht ansieht, dabei aber glücklos bleibt. Allerlei Tipps und Tricks hat er schon versucht. Muddi will ihm noch einen Rat geben, als sie des Kaffeesatzes in ihrer Tasse angesichtig wird und sich an Omas Tipp erinnert. “Du Heinz, Kaffeemösen Rosengrund!” – Den pubertierenden Kindern fallen die Streusel aus dem Gesicht, Vaddi guckt verdutzt, Muddi räuspert sich kurz. “Kaffeegrund mögen Rosen. Vielleicht hilft das auch den Zimmerpflanzen?”, wiederholt Muddi ihr Anliegen. Alle nicken und glucksen dabei. Vaddi Heinz bemerkt noch kurz: “Wir versuchen das mal. Aber ohne die Unterleibsgeschichte.” Alle lachen.

Orthografiedesaster

Montag, September 8th, 2008

Verdammt nochmal. Das Bloggen mit meinem superspohisticated Telefon macht einfach keinen Spaß. Dauernd kackt der Internetbrowser ab, Texte einfügen ist dem Knochen zuviel, deshalb gibt’s immer nur die Hälfte des kopierten Texts beim Wiedereinfügen. Scheiße. Wenn ich nicht dauernd eingeloggt bleibe, schmeißt mich WordPress wieder raus. Der Text wird nicht zwischengespeichert. Schon wieder Scheiße. Und dieses Tastenfeld! Scheiß-Wahnsinn-Fickdreck-Müll-Fitzelkrempel. Alles viel zu klein für meine Griffel. Ständig vertippe ich mich, die Korrektur macht alles nur viel schlimmer. Die Worterkennung macht mich wahnsinnig, weil sie 1. das Telefonschreibgerät unheimlich verlangsamt und 2. anstatt der häufigsten Worte die seltensten vorschlägt. Aus den Mist. Einfach nur aus. Aber wo und wie? Nachgeschaut, gefunden, ausgeschaltet. Das Fummelmonster ist mir zuwider! Und daher gibt’s Ersatz.

Wenn der liebe marcus erstmal dran war, dann kann ich mit dem Ding auch telefonieren…

Ich hoffe auf und gelobe Besserung.

Nachtrag 10.09.08: Das Fummelmonster hat den Betrieb der wichtigsten Tasten eingestellt, der Browser läuft nur noch, wenn es ihm Spaß macht. Ich habe ein neues Telefon bestellt.

Verkehrshindernis Deutsche Einheit Nr.1 – zementiert

Mittwoch, August 27th, 2008

Die Spannung hat sich gelohnt. Der Bundesverkehrsminister hat den Lacher auf seiner Seite. Hier gibt es die Karte mit den Schienenwegsprojekten der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (VDE). Augenscheinlich beim VDE Nr. 1 Lübeck/Hagenow – Rostock – Stralsund: Die noch nicht fertiggestellten Abschnitte (rot), die es so oft bei den anderen VDE nicht mehr gibt. Das VDE Nr. 1 ist das am weitesten zurückgebliebene.

Glatte Schönrednerei ist dabei die Darstellung der “fertiggestellten” Abschnitte. Von den geplanten 1,072 Milliarden Eurpo für den Streckenbau wurden bisher 574 Millionen ausgegeben. 498 Millionen bleiben noch für die restlichen Abschnitte. Und da gibt es noch reichlich zu tun, denn in der Karte zum Stand des Streckenausbaus werden auch Abschnitte als fertig ausgegeben, die nicht oder nur annähernd den Planungen entsprechen. Im Sachstandsbericht wird auch deutlich, dass die Fertigstellung der Strecke erst nach 2011 erfolgen soll. Mehr als 20(!) Jahre nach Auflegung des Programms. Bundesverkehrsminister Tiefensee nannte das Jahr 2017 als Zeitpunkt der Fertigstellung.

Nach dem Abschnitt Blankenberg-Warnow, an dem derzeit noch gebaut wird und der Ende 2008 in Betrieb gehen soll, werden die verbleibenden Streckenabsschnitte erst nach 2011 begonnen. Grund dafür sei die geänderte mittelfristige Investitionsplanung, wie es im Sachstandsbericht des Bundesverkehrministeriums heißt. Im Klartext bedeutet das: In den nächsten Jahren werden die marodesten Streckenabschnitte weiter marode bleiben. Die Reisezeiten werden sich nicht weiter verkürzen, bei der derzeitigen Sanierungspolitik der Bahn in Mecklenburg-Vorpommern wohl auch eher wieder schlechter werden. Die Kapazität der Strecke bleibt beschränkt, was zum Beispiel der Hinterlandanbindung der Häfen Stralsund und Sassnitz-Mukran schadet. Auf eine eingleisige Strecke passen eben nicht soviele Züge wie auf eine zweigleisige.

Man darf gespannt sein wie die Landespolitik sich zu diesem Sachstandsbericht verhält. Aber erstmal wird ja der Infrastrukturminister ausgetauscht. Vielleicht bringt der neue Infrastrukturminister im Oktober auch neue Impulse.

Verkehrshindernis Deutsche Einheit Nr. 1

Dienstag, August 26th, 2008

Wolfgang Tiefensee, glückloser Bundesverkehrsminister, will heute den Fortschritt der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (VDE) vorstellen. Ein 40 38,8 Milliarden Euro-Programm, dass bereits 1991 aufgelegt wurde und bis heute nicht vollständig erledigt ist. Insgesamt 17 Straßen-, Schienen – und Wasserwegeprojekte sollten die Verbindungen zwischen West- und Ostdeutschland verbessern.

Paradebeispiel für die zum Teil mangelhafte Umsetzung ist das VDE Nr. 1 – die Bahnstrecken von Lübeck/Hagenow über Rostock nach Stralsund. Die Projektvorstellung und ihr Scheitern gibt es auch hier. Denn da schreibt die Bahn als ausführendes Unternehmen, man wolle bis 2006 fertig sein. Pustekuchen! An der Strecke wird immer noch, immer mal wieder gebaut. Und dann auch nicht so, wie es ursprünglich mal vorgesehen war. Nix ist mit durchgehenden zwei Gleisen, Elektrifizierung und Geschwindigkeiten bis zu 160km/h.

Die Bahn hat einen Flickenteppich zusammengeschustert. Zwischen Lübeck und Bad Kleinen ist die Teilstrecke des VDE Nr.1 nur eingleisig und dort müssen Dieseltriebwagen fahren, weil der Fahrdraht fehlt. Zwischen Rostock und Ribnitz-Damgarten ist bis auf den Abriss von Ausweichmöglichkeiten und ein paar neuen Weichen bisher nichts passiert. Die Züge ruckeln dort durch mehrere Langsamfahrstellen und nicht schneller als 120 Stundenkilometer. Ab Ribnitz-Damgarten West geht’s dann auf neuen Gleisen weiter mit 160km/h, aber das zweite Gleis fehlt. Immer wieder hieß es, das Zusatzgleis könne man bei Bedarf ja noch einbauen. Platz genug hat man zumindest gelassen.

Auf dem südlichen Abschnitt zwischen Hagenow und Bützow ist schon einiges passiert. Dort war die Strecke auch schon zweigleisig und elektrifiziert. Der Bahnhof Schwerin ist komplett überholt worden, neue Gleise liegen bis nach Hagenow und neuer Fahrdraht hängt auch. Von Ventschow bis Warnow ist die Strecke modernisiert oder wird gerade saniert. Rund um den wichtigen Kreuzugsbahnhof Bad Kleinen allerdings vernichtet die Bahn alle Fahrzeitgewinne, die die Züge auf den ausgebauten Abschnitten herausholen, denn die Anlagen im Bahnhof Bad Kleinen sind alt und verschlissen und die Anfahrt sowohl aus Richtung Schwerin als auch Rostock muss langsam erfolgen. Die Streckengeschwindigkeit ist wegen des Zustands der Gleise dauerhaft abgesenkt.

Geradezu putzig ist die Zielstellung bei der Reisezeit zwischen Lübeck und Stralsund. Die sollte mit dem VDE Nr.1 auf 2 Stunden sinken. Sie liegt derzeit bei 2 Stunden 53 Minuten. Das ist sogar wieder langsamer als noch vor einem Jahr.

Ich bin gespannt, was Herr Tiefensee heute zum VDE Nr. 1 sagen wird.

Taxi-Driver

Freitag, August 15th, 2008

Wahrscheinlich hat das Arschloch, das mich in dieser Woche an der Kreuzung Oranienburger-/Friedrichstraße fast überfahren hätte, diese Szene zu oft gesehen:

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Zugegeben, ich wollte mit meinem schweren Rollkoffer noch schnell über die Ampel, der Taxifahrer bekam fix grün und stieg sofort auf Gas und Hupe. Ergebnis: Schätzungsweise 5 Zentimeter Unterschied zwischen gebrochenen Beinen, kaputtem Koffer undfortgesetzter Gesundheit. Seinem durchs eilig heruntergelassene Fenster gegeiferten Berliner-Schnauzendreck entgegnete ich ein freundliches “Fick dich!”. Beherzt lenkte der Droschken-Irre seine gelbe Dreckskiste mitsamt Fahrgast in einen U-Turn, zielte erneut und raste auf mich zu. Wieder nur wenige Zentimeter Unterschied zwischen Verletzungen und Heilbleiben. “Was hast du gesagt? Ich komm gleich raus, sag ich dir.”, schnauzte der Lenkrad-Affe aus seinem Fahrzeug. “Lass mich in Ruhe!”, setzte ich meinen Weg fort. Und schon sprang der Schnauzbartträger aus seiner Kutsche, holte tief Luft, zog die Schultern ein bisschen hoch und tanzte wie ein paarungswilliger Gorilla hinter mir her. “Ich hau dir gleich eine rein!”, bedeutete er mir. “Lass mich in Ruhe. Außerdem hab ich Grün.”, ließ ich mich nicht beirren. Ein besorgter Fußgänger rief mir schon zu: “Bleib ruhig!” Ich war ruhig und blieb es auch. Meine Straßenbahn fest im Blick, schenkte ich dem wütenden Mietfahrer keine Aufmerksamkeit mehr. Wutschnaubend pflanzte er sich wieder in seinen Benz und rauschte davon. Auch von dieser Stelle wünsche ich ihm nochmals ein herzhaftes “Fick dich!”.

C.U.

Montag, August 11th, 2008

Sie ist ein Wiedergänger. In unregelmäßigen Abständen macht sie sich bemerkbar. Mit Schmerzen, Blut, Gewichtsverlust, Verstimmungen, Selbstekel. Knapp zweieinhalb Jahre sind seit ihrem letzten, langen Besuch vergangen. Ende Mai hat sie sich kurzfristig wieder angemeldet und bereitet gerade erst wieder ihre Abreise vor. Hinter mir liegen mehr als 8 Wochen Schmerzen, Schweiß, Blut und Gewichtsverlust.

Die Colitis Ulcerosa vermiest einem die schönsten und einfachsten Genüsse. Kaffee – tabu. Bier – tabu. Kalte Getränke und Speisen – tabu. Warme Speisen und Getränke – gerade so. Spazierengehen? Nur mit Karte auf der Örtlichkeiten verzeichnet sind. Ohne Schüsselverzeichnis oder Ortskenntnis ist das Risiko eines unkontrolllierbaren, imperativen Abgangs nur mit peinlichen Konsequenzen zu haben.

Schlaf? Unregelmäßig und nur mit Unterbrechungen. Je nach Stärke des Schubs Schlafphasen zischen 60 und 90 Minuten. Dann Gang. Wegen der akuten Entzündung Wäschewechsel in der Nacht, literweise Schweiß im Bettzeug, Hitzeattacken in Sommernächten. Leichtes, anhaltendes Fieber.

Die Colitis ist somit das Unangenehmste, was man sich als chronische Krankheit aussuchen kann. Kein Tag vergeht ohne das Warten auf den und Erleben des Schmerzes. Mal als messerscharfes Stechen hinter dem Bauchnabel, das sich wie eine Kugel erst in Richtung linke Bauchseite schiebt, dann langsam und drückend absteigt und mit reißenden Schmerzen, die meine Knie weichwerden lassen, den Ausgang sucht. Suchen ist das falsche Wort. Den Ausgang befiehlt. Gegenwehr ist zwecklos. Auch beim dumpfen Grollen, dass kurz unter dem Rippenbogen startet, mir Sodbrennen verursacht und dann langsam abwärts wandert. Erst in Richtung Rücken, dann über die rechte Seite aufsteigend, quer über den Bauch wandernd und dann blitzartig in Richtung Ausgang. Das ist der gefährlichere Teil der Schmerzattacken, denn schon der Gedanke an Gegenwehr beschleunigt den unaufhaltsamen Prozess.

Besorgte Freunde wollten neulich einen Arzt rufen, als ich wie ein Stier bei einer Steißgeburt aus dem Kachelzimmer brüllte, brummte, wimmerte und schließlich leichenblass herausgekrochen kam. Ich habe mich daran gewöhnt.

Die oberen Schichten der Dickdarmschleimhaut sind entzündet. Warum? Das kann kein Arzt beantworten. Als mich die Colitis vor 12 Jahren zum ersten Mal befiel, hieß es noch sie sei eine psychosomatische Erkrankung. Also ein Ausdruck psychischen Unwohlseins über den Körper. Davon ist die Forschergemeinde mittlerweile abgerückt. Der aktuelle Forschungsstand ist der, dass die Colitis Ulcerosa vielmehr eine Auto-Immunerkrankung sei. Heißt: Der Körper greift sich selbst an. Auslöser unbekannt. Stress allerdings begünstigt Ausbruch und schweren Verlauf der Erkrankung.

Ich habe einmal gelesen, dass im Dickdarm von Colitis-Patienten Bakterien gefunden wurden, die man sonst nur aus Erdöl-Pipelines kennt. Wie diese fiesen Biester dorthin gelangen, weiß auch keiner. Es gab aber einen Verdacht. Über Fertigprodukte, sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel. Alles was aus Tüten, Pappen, Plastikbeuteln kommt. Die chemischen Zusätze darin könnten die Ansiedlung der Bakterienstämme begünstigen. Toll! Meine Verdauungsapparat könnte also eines Tages strategische Einflusszone der USA oder Chinas werden, weil man in meiner Ablfussleitung die letzten Erdöl-Bakterien dieser Welt gefunden hat.

Das macht die Behandlung der Erkrankung nicht unbedingt einfacher. Heilung gibt es nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht. Seit etwa zwei Wochen bekomme ich ein Glukocorticoid. Im Volksmund auch Kortison genannt. Dazu kommt ein Mesasalazin-Präparat. Das Kortison, 100 Milligramm morgens, fungiert als Antriebshormon für die Selbstheilung der Darmschleimhaut, das Mesasalzin-Präparat soll die entzündlichen Prozesse im Darm stoppen, davon gibt`s dreimal täglich ein Gramm Wirkstoff eingepackt in eine Art Brausepulver. Schmeckt wie “Ahoi-Zitrone”. Faszinierend an letzterem Präparat: Bei langfristiger Einnahme senkt es das Darmkrebsrisiko unter das eines Normalsterblichen. Obwohl die Colitis das Krebsrisiko steigen lässt. Das muss mir meine Ärztin nochmal erklären.

Seit gestern blute ich nicht mehr. Ich hab mich darüber sehr gefreut. Ich hoffe, es vergehen weitere zweieinhalb oder noch viel mehr Jahre, bis sich die Colitis wieder meldet. Ich verfolge auch die Forschungsaktivitäten weiter aufmerksam, denn vielleicht gibt es irgendwann eine Heilung dafür. Bisher kennt man nur eine ultimative Kurierung: Die Kolektomie, die Totalentfernung des Dickdarms mit anschließender Pouch-Operation. Dabei wird die gesamte Abflussröhre ausgebaut, ein künstlicher Darmausgang angelegt, in einer Folgeoperation ein neuer Enddarm geformt und an die zwischenzeitlich stillgelegte Rosette angeflanscht. Das geht meistens gut. Aber nur meistens.

Ich will aber mit dem Arschloch und seinem Kanalsystem sterben, dass mir die Natur geschenkt hat. Ich halte Chirurgen nur für bedingt gute Klempner.