Der Stadtrand von Stade in Niedersachsen: Mit Hotels in Bauernhaus-Optik und einer Tankstelle fasert die Stadt in das Umland aus. Hier wartet Robert Müller, Afghanistanveteran der Bundeswehr. Ein großer, sympathischer Mann mit Stoppelbart und hellen, blauen Augen. Die Innenstadt meidet er, da ist ihm zuviel los, da sind zuviele Gesichter. Er versucht jede Situation, jeden Raum, jeden Menschen in seiner Umgebung zu erfassen. “Das ist eine Angewohnheit aus der Soldatenzeit.” Sein Händedruck ist fest, unter dem roten T-Shirt spielen Muskeln. Er wirkt angespannt, denn er muss gleich Autofahren und das mag er nicht, weil er den Stress nicht mehr verträgt. „Ich bin halt nicht der, der nachgibt. Es kann dann… Gottseidank ist noch nichts Schlimmeres passiert. Bis jetzt haben die anderen immer nachgegeben.“ Wenn er sich zu sehr ärgert, muss er rechts ranfahren und eine Pause machen. Heute passiert nichs, als er hochkonzentriert mit seinem alten Golf-Kombi durch die Stadt fährt. Immer wieder schaut er dabei auf sein I-Phone. Geht auch ran, wenn es klingelt. „Bis jetzt bin ich auch noch nicht erwischt worden mit dem Telefon im Auto. Die Konzentration schaff ich noch. Zumal ich in Kabul, wie gesagt, mit dem Funkgerät… Ich sag immer: Wer in Kabul mitm Einsatzfahrzeug unterwegs war und nebenbei funken konnte, der kann auch hier mit Handy im Straßenverkehr umgehen nebenbei.“
Auch wenn Müller lacht: Seine Stimmung ist schlecht, weil er sich überanstrengt fühlt. Er braucht eine Pause. Ruhe sucht er bei einem Kaffee in einem McDonalds an einer Autobahnauffahrt. Bevor Müller am Tresen seinen Kaffee bestellt, schaut er sich beim Hereingehen kaum merklich um, spannen sich die Armmuskeln. „Es ist ja relativ leer. Wenn du mitgezählt hast, dann sind nur 6 Mitarbeiter dort und ein Teamleiter, der hinten sitzt. Es ist also relativ leer und ich weiß wer hier ist und wer wo sitzt und das ist okay.“ Hier bestellt immer noch der hoch spezialisierte Soldat Robert Müller Kaffee. Ohne Lageanalyse geht er nicht rein. Wenn es zu viele Menschen sind, fährt er nur schnell an den McDrive-Schalter. Heute setzt er sich mit seinem Kaffee in eine Ecke und schüttet mehrere Zuckerbeutel hinein. Gegessen hat er noch nichts, der Zucker soll Energie geben. Müller hält sich am Becher fest und stockt immer wieder beim Erzählen, weil ihm etwas nicht einfällt. „Es ist erschreckend. Ich denke dann immer, so muss sich jemand fühlen, der Demenz oder so hat. So schleichend, dass dann so Sachen weg sind.“ Müller ist ungezählte Male untersucht worden, hat Tests gemacht und lag im Kernspintomographen. „Es ist aber nichts. Es ist tatsächlich die PtBs, die das, die mein Gehirn so grillt, sag ich mal, durchgrillt.“ Plötzlich wirkt der kräftige Kerl angreifbar, die konzentrierte Maske fällt. Robert Müller hat vor 7 Jahren mit viel Glück die Explosion einer Rakete in Kabul überlebt. Bei ihrer Entschärfung war geschlampt worden. 5 Kameraden starben vor seinen Augen.
Das Telefon summt auf dem Tisch. Müller strafft sich, schaut auf das Display und geht zum Auto. „Telefonklingeln. Guten Tag. Sedlazek-Müller. Ich hab ´n Moment Zeit.“ Schon wieder hängt Müller an seinem Handy. Kurz und knapp antwortet er. Sagt, wen er kennt, was er tun kann und bietet Hilfe an. „Ich mag die Frau sehr gern. Das ist jemand vom Sozialdienst der Bundeswehr. Und ich hab mehr Informationen und mehr Möglichkeiten Soldaten zu helfen, auf dem Rechtsweg auch.“ Auf dem kurzen Weg nach Hause summt das Telefon unentwegt weiter. Müller steckt es nur noch in die Tasche, schaut erst nach, als er vor seinem Wohnhaus steht. „Öhm. Einmal hat sich gerade gemeldet die Deutsche Kriegsopferfürsorge und will mir helfen und sagt mir auch, dass da schon ein guter Kontakt zum Sozialdienst besteht. Und zum Anderen hat sich das Versorgungsamt Oldenburg auch gemeldet. Die rufen wir aber heute Nachmittag an, wenn ein bisschen mehr Luft ist. Das ist grad zuviel. Ich drück die auch alle nur noch weg“. Jeden Tag geht das so.
Eigentlich hat Robert Müller heute frei. An Ruhe ist aber nicht zu denken. Entspannung verspricht jetzt nur ein Spaziergang mit seinem Hund Idor, den er aus der Wohnung holt. „Hundetatzen auf Asphalt, Hund schnüffelt an Mikrofon. Müller: Ja, das ist Idor.“ Ein wenig hüftsteif humpelt Idor aus dem Haus. Freundlich wedelnd schaut sich der Belgische Schäferhund um und pinkelt erstmal an den Wegrand. 30.000 Euro wackeln da gemächlich an Hecken schnüffelnd durch die Eigenheimsiedlung. Idor ist ein pensionierter Spezialist, kann Bomben aufspüren und Menschen schützen. Mit seiner graumelierten Schnauze stupst er sein Herrchen an. „Ich habe jahrelang mit Idor in einem Zweimannrudel gelebt, sozusagen. Er war ja über viele Jahre hinweg mein Schatten gewesen. Verantwortung mir gegenüber hat er gezeigt, wo ich 4 Monate in der Kaserne allein mein Zimmer hatte, wo er für mich da war, wenn ich nicht wusste wohin mit meiner Einsamkeit, Traurigkeit und ja, auch Wut.“ Den teuer ausgebildeten Hunderentner versorgt Müller jetzt allein. Der Bund zahle keinen Cent, sagt er kurz vor der Haustür.
Idor geht vor, erklimmt die gefliesten Stufen ins Obergeschoss, wo Robert Müller gemeinsam mit seiner Frau und dem Hund lebt. Zuerst geht Müller in die weiße Einbauküche. Er macht erstmal Kaffee, sein Lebenselixier von dem er reichlich trinkt. „Ja, 2 Liter. Das sind bestimmt 2, 2einhalb Liter. Ja, daher auch nicht umsonst der Begriff Kaffeejunkie inzwischen.“ Ein paar Schritte weiter liegt das Wohnzimmer mit Couch, großer, grüner Palme, Balkon und weißer Anbaureihe. Ganz am Rand liegen darin Medaillen, Bilder, Pässe und Urkunden. Die Geschichte des Soldaten Robert Müller. Neben den Medaillen liegt Metall. Silbrig glänzend und sehr scharfkantig, etwa so groß wie eine Kinderhand. „Ja, das ist ne SA-3, äh, ein Stück von der Boden-Luft-Abwehrrakete.“ Ein Stück von der Rakete, die 5 Kameraden getötet und sein Leben so schwer gemacht hat.
Aus dem kleinen Arbeitszimmer gegenüber holt er einen dicken Aktenordner. Angespannt setzt sich er sich, presst die Fersen an die Couch und die Zehen hart auf den Fußboden. Er blättert in dem Wust aus Attesten, Schriftwechseln und Fotos. Eines davon zeigt seinen Rücken. Übersät mit dunklen, roten Flecken. „Ja, das hat meine Frau mal fotografiert, als ich morgens aufgewacht bin. Mein ganzer Körper juckte. Ich hab an den Füßen auch richtig Narben, richtig Einblutungen“. Das ist die Nesselsucht die mittlerweile fast an jedem Abend beim Einschlafen kommt, dazu Alpträume. Am Tag hat er Essstörungen und Wutanfälle. Beim Blättern im Ordner reibt sich Müller angespannt die Hände, kratzt am Hals, nestelt an der Kaffeetasse, stockt wenn er von seinem Leidensweg erzählt. „Ich bekam halt immer wieder mit, dass die Akte nirgends aufzufinden ist. Zwischendurch war ich dann in Berlin und selbst da war die Akte nicht zu finden. Es wurde dann auch eine G-Akten-Suchmeldung gemacht. Das bedeutet, dass in allen Standorten in Deutschland nach meiner Akte gesucht wurde.“ Die ist bis heute nicht aufgetaucht.
Hinzu kommt, dass er keine Versorgungsansprüche geltend machen kann, wie sie anderen Veteranen aus Auslandseinsätzen zustehen. Das Gesetz dazu hat nämlich einen Stichtag. Müllers Unglück passierte vor diesem Stichtag, die Versorgungsregelung erfasst ihn und andere Veteranen nicht. Er kennt sie fast alle. „Also 12 Kameraden, die durch die Stichtagsregelung von der Versorgung ausgeschlossen werden.“ Der Schreibtisch im kleinen Arbeitszimmer quillt über mit Papieren, Notizen, Zeitungsausschnitten. An den Wänden hängen Bilder aus Einsätzen, die er voller Stolz zeigt. „Ich weiß, dass es mal anders war. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern, ich weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt normal zu leben“. Müller wirkt angestrengt und kraftlos. „Das kann auch nur aufhören, wenn die Gerechtigkeit tatsächlich richtig gesiegt hat, dass diese Stichtagsregelung gekippt ist. Dann kann ich auch anfangen eine Therapie zu machen.“ Das Robert Müller nicht aufgibt, zahlt sich jetzt aus. Die Stichtagsregelung soll aufgehoben werden. Er will sich im nächsten Jahr einer Therapie unterziehen.
—————————————————–
Quellen:
Eigenrecherche