Posts Tagged ‘Wedding’

Langweiliger Straßenbahnjob

Freitag, Januar 15th, 2010

Seitlich gebeugt sitzt die Fahrerin der großen, gelben Straßenbahn in ihrem Cockpit. Leise summend fährt ihre tonnenschwere Maschine an. Auf der Kreuzung vor ihr, nur wenige Meter entfernt, eilen noch immer Menschen über die Gleise. Wie so oft an der Ecke Müllerstraße/Seestraße rennen die Fußgänger über die Kreuzung, bemerken dabei aber nicht, dass die Ampel für die Kreuzung der Straßenbahngleise Rot zeigt, weil eine Tram kommt und Vorrang hat. Schon oft hat es hier beinahe zwischen Mensch und Maschine gekracht und die Bimmel der Straßenbahn lang und aufgeregt geklingelt. Nur heute eben nicht, als sie den einen letzten Sprinter vor sich nur knapp verfehlt. Die Warnbimmel war nicht zu hören. Entspannt zur Seite gebeugt, rollt die Fahrerin an die Haltestelle und während sie an mir vorbeifährt sehe ich, wie die junge Frau mit den rötlichen Haaren auf einem Handy herumtippt. Auf der Straße ist es ihren Augen wohl zu langweilig.

Mitten in Afrika

Sonntag, September 28th, 2008

Geburtstagsessen mit Freundin und Freundin. Ziel: Das Restaurant Bantou Village in der Kameruner Straße, gleich um die Ecke meiner neuen Residenz. Ein wenig Angst schwang vor dem Besuch mit, denn vor drei Tagen war die Speisekarte aus dem Schaukasten verschwunden.

Auf einer kippligen Bank an einem Tisch mit Sonnenblumendecke sitzen wir. Laute afrikanische Musik rhythmisiert durch den Raum, im Fernseher und auf der Leinwand laufen Boxkämpfe. Wir sind, abgesehen vom freundlichen Personal, die einzigen Gäste. Beck’s und Warsteiner werden als Aperitif gereicht, leider kann die Köchin keine Vorspeisen anbieten; zum Glück, wie sich später herausstellen soll.

Eine Speisekarte gibt es nicht. Die beleibte Köchin erzählt kurz was die Küche heute hergibt. Wir können zwischen Fisch mit Bananen und Gemüse mit Ochsenschwanz wählen. Zweimal Fisch und einmal Gemüse ordern wir. Beck’s und Warsteiner gehen als Zwischengänge durch den Hals, ihre appetitsteigernde Wirkung soll sich später noch als segensreich erweisen.

Die Wartezeit auf’s Abendessen wird uns gerade ein bisschen lang, als eine große Platte aus Richtung Küche zu uns getragen wird. Darauf zwei Fische, der eine so lang wie mein Unterarm, der andere etwa halb so groß, goldbraun gegrillt, frische Zwiebelringe und Zitronenscheiben locker darüber gestreut, verführerisch würzig duftend. Wir staunen. Es folgen: eine Platte mit gebratenen Bananenscheiben, die süß-buttrig in unsere Nasen steigen, ein großer Teller Reis, eine Platte mit einem Ragout aus Erdnüssen und Mangold(?), darin Teile vom Ochsenschwanz. Über dem Tisch hängt eine verführerische Duftwolke in der sich Fisch, Gemüse und Reis vermengen. Uns schießt das Wasser im Mund zusammen.

Der Fisch ist eine Offenbarung! Gegrillt, versteckte Schärfe, das Fleisch fest und schmackhaft. Die Gabeln fliegen zwischen Tellern und Fisch hin und her. Begleitet wird der Fisch von köstlichen gebratenen Bananenscheiben. Der Bananengeschmack ist intensiv und wird von einer buttrigen Note unterstützt, leckere Röstaromen rutschen mit durch den Mund.

Den Reis mischen wird mit dem Ragout, dass eine feine bittere Note und einen intensiven Erdnussgeschmack hat. Die Bittere und das Erdnussaroma werden immer intensiver je weiter das Gericht abkühlt. Die Ochsenschwanzteile sind zart und bissfest, der Geschmack des Rindfleischs verbindet sich überraschend gut mit dem Ragout.

Mit nicht zu kaltem Bier geht dieser Festschmaus herrlich runter. Völlig platt, mit dicken Bäuchen, fettigen Fingern und immer wieder mit der Zunge über die Lippen fahrend, endet der Ausflug in die afrikanische Küche. Vom Fisch bleibt nichts als der abgenagte Kopf, die Gräten und Flossen übrig, das Ragout verliert sich in kläglichen Resten auf der Servierplatte, der Reis ist alle, die letzten Bananenscheiben gehen als kleines Dessert weg.

Das Staunen über die schiere Menge des leckeren Essens setzt sich an der Kasse fort. Für die Platten voller Bananen, Reis, Fisch, Ragout und 8 Biere werden ganze 44 Euro fällig. Kostenlos dazu gab’s freundlichen, afrikanisch gelassenen Service und lustige Musikvideos vom schwarzen Kontinent.

Durchsagen gehen durch und durch

Donnerstag, September 25th, 2008

Berliner U-Bahnfahrer: Oft dick, mit wenigen Haaren oder Vokuhila-Fifi und immer sprachgewaltig. Sie sind die heimlichen Mikrofonstars Berlins, denn die Rampensäue im Führerhaus scheuen sich nicht im grellen Licht der U-Bahnhofs-Bühnen ihre Kunst zu zeigen.

Szene 1:

Ein schmaler Bahnsteig, flackerndes Neonlicht. Die U-Bahn-Stimme sagt: “Einsteigen bitte!”, vereinzelte Fahrgäste springen noch hinein. “Zurückbleiben bitte!”, sagt die U-Bahn-Stimme, da kommt ein langhaariger junger Mann noch angesprungen, die Türen schließen sich bereits, er greift beherzt in den immer kleiner werdenden Raum zwischen den Türen und stemmt sich gegen den Schließvorgang. Er will unbedingt noch mit. Da knackt es kurz, rauscht und plötzlich donnert es aus den Lautsprechern: “Welschen Tail von zurückbleim bitte ham sie nisch vastanden?” Der Nachzügler schaut wie vom Donner gerührt und lässt los. Die Türen schließen sich, die Fahrgäste schmunzeln, die U-Bahn fährt los.

Szene 2:

Mitten in einer Wochenendnacht. Der U-Bahn-Wagen riecht schon ein bisschen wie Kneipe, eine Bierflasche durchrollt klimpernd immer wieder das Abteil. Vier Jungs in viel zu weiten Hopper-Klamotten lümmeln auf den Polstern. An der nächsten Station steigen sie aus. Die Bahn fährt wieder an. Die Jungs schlagen mit ihren Händen und Füßen gegen die Wagen. Abrupt stoppt der Zug. “Na Jungs, stischt der Hafer oder wat?”, klingt es abgeklärt es aus den Lautsprechern.

Dreiste Lebenshilfe

Mittwoch, April 16th, 2008

Ein Paradebeispiel für die berühmte “Berliner Schnauze” widerfuhr mir soeben in einer der grässlich gelben Straßenbahnen dieser Stadt. Ein fröhlich vor sich hinfurzender Fahrgast, ermahnt ob seiner geräuschvollen Gasentladungen, meinte trocken: “Ick hab keen Jeld füa Wick-VapoRupp, denn würdet nach Menthol duften!”. Sprachs und pupste weiter.

Einwohnermeldewahnsinn!

Samstag, April 28th, 2007

Einwohnermeldewahnsinn – das ist mein neues Lieblingswort, denn als Neu-Berliner, der nun seinen Lebensmittelpunkt vollends in die Stadt der vielen Dörfer verlegt hat, stand ein Besuch beim Einwohnermeldeamt an. Der Spontanbesuch am Mittwoch endete kurz hinter dem Eingang zum Rathaus Wedding an einer meterlangen Schlange in der viele Menschen auf die so viel gerühmten deutschen “Wartemarken” mit Fantasienummern zwischen 001 und 999, warteten, um dann entsprechend ihrer Markierung an einem von 28 Plätzen abgefertigt zu werden. Der – sinngemäße – Hinweis “Die Ausgabe einer Wartemarke garantiert die Abfertigung nicht, da die Geschäftszeiten beschränkt sind.” ernüchterte mein zielstrebiges Wollen dem Berliner Meldegesetz Folge zu leisten vollends. Mein geschulter Trüffelschweinblick fand jedoch wenig später den kunstvoll an einer Trenn-Pinn-Einschüchterungswand gehängten Hinweis auf eine Servicenummer unter der ich einen Termin zwecks zielgerichteter Anmelde-Abfertigung erhalten könne. Herr-Im-Himmel-Gottseidank ein Lichtblick und die charmante, von zigtausenden in einem gumminbaumverzierten Behördenbüro genossenen Zigaretten rauhe Stimme von Frau Reinke brachte Erleichterung und kompetente Hilfe. “Pass, Personalausweis und Anmeldung aus einer Hand gibt’s für Sie, Herr Fengler, am Freitach um 10.30Uhr. Bringse ihren alten Ausweis, die Adresse ihrer Wohnung und die Adresse ihres Vermieters mit. Dazu komm’ biometrisches Passbild für den Pass und 2 in Halbprofilansicht für den Perso. Jebühren wern auch fällig. Acht Euro für den Perso, 14 für den Vorläufigen und neununfümmzisch für den Pass. Hamm se das?” – Ja hatte ich und tatsächlich am Freitag, sogar 10 Minuten vor der eigentlichen Zeit, saß ich an Platz 26 im Rathaus Wedding und vollzog unter dem Zehnfingerklappern und gelangweilten Blick der durchaus attraktiven ungefähr 25jährigen Verwaltungsangestellten, dank deren dunkler Haare, hübschen Augen und prächtiger Rundungen ich ihren Namen vergessen habe, die Anmeldung. Und ab sofort heißt es: Ich bin ein Berliner!

Langes Schweigen beendet

Donnerstag, Dezember 7th, 2006

Wahnsinn, sind ja schon fast vier Monate vergangen, seit ich hier angefangen habe. Nun, Besserung sei gelobt und künftig ab und zu ein Text hier veröffentlicht.

Heute Wedding 1:

Mein Kiez in Berlin ist der Sprengelkiez, eingezwängt zwischen Seestraße, Müllerstraße, der Ringbahn und einem viel zu breiten Kanal. Im Kiez werden mehr als dreißig Sprachen gesproche und gleich bei mir an der Straßenecke ist ein Stadtteilbüro mit netten Mitarbeitern, die mir als zugezogenem sofort mit Rat und Tat zur Seite standen. In meiner Straße drängen sich drei Kulturvereine, eine Bäckerei, ein Wettbüro, ein wiedereröffneter Imbiss mit leckerer Pasta und Pizza, eine Weiterbildungseinrichtung und ein Laden aus dem dunkelhäutige Männer und eine ziemlich dicke Frau immer stapelweise Elektronik in Kombis verladen. Der örtliche Asia-Bistro-Restaurant-Imbiss ist direkt in das Kurt-Schumacher-Haus integriert und an allen Straßenecken gibt es eine Bierquelle (heißt manchmal auch tatsächlich so).Ich wohne also in einem Wirtschaftszentrum Berlins.
Nur wenige Tage nach meiner Ankunft konnte ich mich mit einer Studie frühkindlicher Geschäftstüchtigkeit befassen. Ein Junge, dunkles Haar, blauer Pullover, dunkle Hose vorwitzige Augen und seine Schwester (vermutlich) spazierten immer wieder die Burgsdorfstraße entlang und spielten (vorgeblich). Bei näherer Betrachtung und im Rückschluss waren sie ausgebuffte Wirtschaftsspione, denn als ich mich in Richtung U-Bahn begab, standen die beiden am lokalen Kaugummi-und- Nippes-für-20-Cent-Automaten und er pulte mit einem kleinen Draht wiederholt in dem Gerät und zockte erfolgreich mehrere Kaugummis und kleine Kugeln mit Nippes drin ab. Glanzleistung ohne erwischt zu werden, denn der Automat hängt nahe des damals noch unbewirtschafteten, jetzt aber wiederbetriebenen, Schnauze-Voll-für-zweifuffzich-Ladens. Amüsiert beobachtete ich die Geschichte und vergaß sie in der U-Bahn fast schon wieder. Bei meiner Rückkunft brach ich allerdings in schallendes Gelächter aus, denn just jener dunkel-strubbelige Bengel saß nun auf den Stufen eines Hauses in meiner Straße und bot auf einer kleinen Decke, wer weiß wo er die her organisiert hatte, allerlei Waren feil. Eine Puppe, mehrere Matchbox-Autos, Nippeskugeln aus dem Automaten und eine Packung Stofftaschentücher. Und mit der größtmöglichen Unschuld fragte er mich, den Passanten, den er nicht wiedererkannte: “Was darf isch Ihnen anbieten?”.

“Nahversorgung deluxe” vom 03.09.2006

Sonntag, September 3rd, 2006

Die Kantine Kempf ist mein Nahversorgungspunkt, wenn es um eine reichliche und bekömmliche Mahlzeit in heimeliger Kantinenatmosphäre, samt Plastiktablett, freundlicher und handfester Bedienung und kleinen Preisen geht. Von Montag bis Freitag stehen täglich mindestens drei Gerichte zur Auswahl, das was am Vortag nicht so gut ging, kommt als Spezial zu kleinem Preis unters hungrige Volk, frisch zubereitet versteht sich. Das alles ist aber nicht der eigentliche Grund meiner regelmäßigen Besuche. Vielmehr ist es die Mischung von Menschen, die sich dort jeden Tag wieder einfinden. Auf den ersten Blick ist der Altersschnitt weit jenseits der 60, aber längere Feldforschung hat ergeben, dass der Schnitt durch die Anwesenheit der deutlichen jüngeren Verwaltungsmitarbeiter des Rathauses Wedding entscheidend gesenkt wird und zumindest an den Tagen, wenn ich als Fütterungsnesthäkchen an die Traufe strebe, der Durchschnitt nochmals deutlich sinkt. Anlässlich meines letzten Besuchs traf ich auf zwei ältere Herren, Marke Berlin, verrentet, in einem Fall verwitwet, kariertes Hemd, kurzärmelig. Mit reichlich Mittagessen befüllt, empörten sie sich über den aktuellen Gammelfleisch-Skandal. Herr 1: “Ick sach dir, dit mit den Jammelfleisch hat ma den Appetit uff Fleisch orntlisch vadorben. Dit is ne große Sauerei, wat die da mit uns va-anstalten.” Herr 2: “Ick hab dit aber schon imma jeahnt. Wenn ick in Supamarcht jehe und kiloweise Fleisch fürn Appel und n Ei bekomm, denn muss da wat nich stimmen.” Mit bedeutungsschwerem Räuspern, einem kurzen Reiben übers Kinn und tastenden Blicken in das Tischrund endet dieser erste Teil des Gesprächs und ich denke an das, was ich da im Supermarktregal finden kann. Bisher hatte das wenig mit Gammelfleisch zu tun. Der Übergang mag jetzt makaber klingen, aber die beiden Herren beklagten den Tod der herzensguten und sympathischen “oma-die-immer-am-tisch-vor-der-dunklen-nische-sitzt”. Für sie war es immer besonders wichtig an dem einen Tisch, auf dem einen bestimmten Platz zu sitzen, den sie immer besetzte, auch wenn er schon besetzt war. Nun gibt es einen Stammgast weniger in der Kantine Kempf.

Premiere vom 26.08.2006

Samstag, August 26th, 2006

Premiere – der miescha-Blog ist online und berichtet fortan über den alltäglichen Wahnsinn auf’m Wedding – das ist in Berlin – die Unwägbarkeiten des Großstadt-Alltags und die Kleinigkeiten in meinem, aus meinem und über mein berufliches Umfeld? Betätigungs- oder Minenfeld? Nun, ein Anfang ist gemacht.